Der Künstlerfriedhof Berlin-Friedenau

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Eine rauchende Totenkopffigur und eine Frau mit Weinglas zieren das ironisch-satirisch gestaltete Grabmal von Kurt Bartsch.

MARLENES LETZTE RUHE

Der Künstlerfriedhof Berlin-Friedenau

von Thomas Herrgen, Frankfurt am Main

 

Südwestlich von Berlin entstand ab 1871, nach dem deutsch-französischen Krieg die auf dem Reißbrett entworfene, zum Gedenken an den Friedensschluss benannte Teltower Landgemeinde Friedenau. Die Planer sollten einen Villenvorort für das überlastete Berlin entwickeln. Dazu gehörte später auch ein Friedhof, der(welt)berühmt werden sollte.

Die städtebauliche Struktur von Friedenau basiert noch heute auf der hufeisenförmigen Grundfigur des Architekten und Stadtplaners Johann Anton Wilhelm von Carstenn. An den Eckpunkten dieser mehrfach in Berlin vorkommenden Carstenn-Figuren des ausgehenden 19. Jahrhun- derts waren unter anderem grüne Stadtschmuckplätze vorgesehen. In Friedenau war die große Freifläche im Nordwesten für den geplanten Hamburger Platz reserviert. Doch ein fehlender, eigener Friedhof der Gemeinde – man musste zehn Jahre lang im Nachbarort Deutsch-Wilmersdorf bestatten, wo dann die Überfüllung drohte – rief die örtliche Politik auf den Plan. Nutzungsdruck und Flächenmangel führtenschließlich dazu, dass auf dem größten Teil des Hamburger Platzes, gegen den ausdrücklichen Willen der Anwohner, ab 1881 ein zunächst provisorisch gedachter Friedhof entstand. Dessen Existenz verstetigte sich jedoch, unter anderem auch mit dem Bau der Backsteinkapelle 1888/89 im neogotischen Stil. Die Bevölkerung Friedenaus   wuchs  rasch von etwa 2.300 auf mehr als 43.000 Einwohner an. Zwischen 1894 und 1912 wurde der ursprünglich weniger als ein Hektar große Friedhof deshalb erweitert, bis auf seine heutige Ausdehnung von etwas mehr als 21.000 Quadratmeter (2,1 Hektar) und mit einer Mauer umgeben. Zusätzlich entstand von 1914 bis 1916 eine zweigeschossige Urnenhalle (Kolumbarium) als lang gestreckter Backsteinbau mit Zentralkuppel. Seit der Bildung von Groß-Berlin 1920 war Friedenau als Teil des Berliner Be- zirks Schöneberg (jetzt: Tempelhof- Schöneberg) eingemeindet. Heute ist Friedenau einer der bevölkerungsreichsten der 96 Ortsteile von Berlin.

Der III. Städtische Friedhof an der Stubenrauchstraße, so der offizielle Name, gerät inzwischen an seine Kapazitätsgrenzen. Er wirkt wie ein kleiner Park oder grüner Platz entsprechend der ursprünglichen Idee, mit einer Lindenallee zur Kapelle und vielen, altenBäumen.

Wie sich der Ort zum

Künstlerfriedhof entwickelte

Zu Beginn wurden in Friedenau einfache Bürger, Kommunalpolitiker, Honoratioren und Wohlhabende des Villenviertels bestattet. Ihre reich verzierten, zum Teil kunstvollen Grabmale etwa im Jugendstil, mit Skulpturen und Engeln aus Marmor oder  Granit, mit  Metallgittern und Ruf als Künstlerfriedhof. So gestaltete Hans Dammann, einer der bedeutendsten Sepulkralplastiker des Historismus 1911 das Grab von Hugo Moeller, ein Kommerzienrat und Ehrenbürger aus Friedenau.

Drei Jahre zuvor schuf der aus Venedig stammende und seit 1904 mit eigener Werkstatt in Berlin lebende Bildhauer Valentino Casal das Grabmal des Gutsbesitzers Wilhelm Prowe. Es zeigt die Skulptur einer Trauernden vor der Pforte zur Ewigkeit. Das Grab Prowes gilt als Casals bedeutendstes Werk und wurde inzwischen zum Schutz überdacht. Ein weiteres Casal-Grab im Jugendstil entstand für die Familie des Apothekers Albert Hirt. Das marmorver- kleidete Wandgrab mit Granitsockel hat einen erhöhten Mittelteil mit Rundbogennische. Davor steht auf einem dreistufigen Podest eine Engelsfigur aus Carrara-Marmor. Die Grabstelle ist mit einer niedrigen Metallabsperrung eingefasst.

Der Berliner Bildhauer Georg Kolbe entwarf 1925 im Auftrag des Preußischen Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung ein Grabdenkmal für den seit 1894 in Berlin lebenden und dort verstorbenen Komponisten Ferruccio Busoni (1866 bis 1924), ein Pianist, Dirigent und Musikpädagoge. Die mit einer Eibenhecke eingefasste und von qua- dratischen Natursteinplatten ausgefüllte Grabstelle wird mittig voneiner sich konisch nach oben verbrei- ternden Steinsäule auf quadratischem Grundriss geziert. Auf der Säule thront die kubische Bronzeplastik „Genius“,mit expressionistischen Zügen.

Die Nachbarschaft der Künstler

Zwischen 1924 und 1927 entstand im westlich von Friedenau benachbarten Rheingau-Viertel des Bezirks Wilmersdorf eine Künstlerkolonie von Malern, Bildhauern, Komponis- ten und Schriftstellern. Darüber hinaus  existierte direkt  im  Osten die „Rote Insel Schöneberg“, ein schon immer links tickendes Stadtquartier, das ebenfalls Maler, Musiker, Schauspieler und andere Künstler in den 1920er und 30er Jahren anzog. Die linke Kunstszene etablierte sich ineinem Karree entlang des Schöneberger Bahndamms, wohnte, arbeitete, lebte und liebte dort. Viele starben schließlich auch in den beiden Künstlervierteln. Der kleine Friedhof an der Stubenrauchstraße, in direkter Nachbarschaft, bot sich als Ort der letzten Ruhe an und so entstand in den folgenden Jahrzehnten eine Gemeinschaft der Toten, von Künstlern jeder Richtung. Diese Entwicklung setzte sich bis in die Gegenwart, etwa mit den Bestattungen von Newton, Taschner, Humel und Bartsch fort, nachdem Marlene Dietrich bereits 1992 auf dem Friedhof bestattet wor-den war. Er trägt seit den 1920er Jahren daher den inoffiziellen Namen „Künstlerfriedhof Friedenau”.

Grabstätten von Prominenten

des 20. Jahrhunderts

Zu den bedeutenden, im 20. Jahrhundert in Friedenau bestatteten Personen gehören unter anderem Ottomar Anschütz (1846 bis 1907), der Erfinder der beweglichen Fotografie. Er erhielt damals ein Ehrengrab der Stadt Berlin, ebenso wie Paul Zech (1881 bis 1946). Der Dichter und Schriftsteller war Bewohner der „Roten Insel“, wo er von 1925 bis 1933 in der heutigen Naumannstraße 78 lebte. Paul Westermeier (1892 bis 1972) war Schauspieler und wirkte zwischen 1917 und 1962 in etwa 160 Filmen mit, stand auf der Bühne und war Hörspielsprecher. 1967 erhielt er für seine Lebensleistung das Filmband in Gold. Auch Ulrich Gressieker (1945 bis 1990) war Schauspieler und Synchronsprecher. Sein Grabzeichen aus Basalt erinnert, in Anlehnung an seinen frühen Tod, an eine gekrümmte und dann abge- brochene Säule. Der jüdischstämmige Herbert Grünbaum (1903 bis 1981) und seine Frau sind in der Urnenhalle bestattet. Der Staatsschauspieler, Regisseur, Synchron- und Hörspielsprecher konnte 1940 über die Niederlande nach Palästina ausreisen, wo er unter anderem das Kammertheater in Tel Aviv mitbegründete.

Weitere Ehrengräber finden sich für Rudolf Zech (1904 bis 1972) den Maler, Grafiker und Verleger, sowie für Christian Borngräber (1945 bis 1992), der als Designtheoretiker und Architekturhistoriker den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg begleitete. Sein schlichtes Grab ziert ein Stein aus dunkelgrauem, poliertem Granit. Der Schriftsteller Detlev Meyer (1948 bis 1999), eine Kultfigur der deutschen Schwulenbewegung, wusste, dass er sterben würde und kaufte sich bereits zu Lebzeiten eine Grabstätte. Er verlor kurz vor der Jahrhundertwende den Kampf gegen Aids. Auch der Geigenvirtuose und Solist Gerhard Taschner (1922 bis 1976) ist in Friedenau bestattet. Er war unter anderem Konzertmeister der Berliner Philharmoniker. Mehrere Erkrankungen führten zu seinem frühen Tod. Er erhielt ebenfalls ein Ehrengrab.

Grund für die meisten Besucher und Touristen, auf den Friedhof zu kommen, ist jedoch das Ehrengrab von Marlene Dietrich (1901 bis 1992). Die deutschstämmige Schauspielerin, die in Hollywood Karriere machte, wurde posthum zur Ehrenbürgerin Berlins erklärt. Das Ende ihres Lebens verbrachte sie abgeschieden in Paris, mutmaßlich um den Mythos um ihre Person zu wahren. Die meistens nur ,Marlene‘ genannte   Dietrich   wurde  in   der …

Blick ins Innere des Kolumbariums.
Ehrengrab des deutschstämmigen Fotografen Helmut Newton
Stahlsäule und Bodendecker auf dem Grab von Gerald Humel
Ein Touristen-Magnet ist das Ehrengrab von Marlene Dietrich. Die Sängerin starb 1992 in Paris

…„Roten Insel“ im Haus Leberstraße 65 geboren, war später Sängerin und Schauspielerin. In der Nazi-Zeit ging sie in die USA und blieb während des Krieges dort. Sie sang für US-Soldaten an der Front und nahm die amerikanische Staatsangehörigkeit an, was viele Deutsche ihr nie verzeihten. Nach ihrem Tod am 6. Mai 1992 in Paris wurde ihr Sarg, bedeckt mit einer US-Flagge nach Berlin geflogen. Dem Trauerzug nach Friedenau folgten Hunderte Menschen, darunter der Regierende Bürgermeister von Berlin. Ihr schlichtes Grab liegt ganz in der Nähe von dem ihrer Mutter, Josefine von Losch (1876 bis 1945).

Prominenten-Grabstätten

aus jüngerer Zeit

Auch nach der Wende zum 21. Jahrhundert wurden in Friedenau weiterhin Künstler und Prominente bestattet. Das bekannteste ist das Ehrengrab des Fotografen Helmut Newton (1920 bis 2004) in unmittelbarer Nachbarschaft zu Marlene Dietrich. Newton wurde als Helmut Neustädter in eine jüdische Berliner Familie geboren. 1938 floh er vor den Nazis nach Singapur und schließlich nach Australien, wo er es mit seinen Foto- grafien, Veröffentlichungen und Ausstellungen zu Weltruhm brachte. Von 1981 bis 2004 lebte er mit seiner Frau in Monaco und Los Angeles, wo er 83-jährig bei einem Autounfall starb. Newton hatte verfügt, in seiner Geburtsstadt Berlin beerdigt zu werden. Die Urne wurde aus den USA überführt und im Juni 2004 beigesetzt.

Einen ähnlichen Lebensweg hatte Max-Moshe Jacoby (1919 bis 2009). Ebenfalls Fotograf ging er im Dritten Reich nach New York und Buenos Aires, wo er in seinem Metier berühmt wurde. Das Grab des Komponisten Gerald Humel (1931 bis 2005) ist von einer beeindruckenden Cortenstahl-Säule, mittig in einem grünen Bodendecker-Teppich geprägt. Name und Daten sind als Negativ aus dem Stahl herausgeschnitten. Ein nahezu ironisch-satirisch gestaltetes Grab hat Kurt Bartsch (1937 bis 2010) mit einer rauchenden Totenkopffigur und einer liegenden Frau mit Weinglas. Der deutsche Lyriker, Dramatiker und Prosaautor erhielt unter anderem den Bambi für seine Drehbücher zur TV-Serie „Unser Lehrer Doktor Specht“. Er lieferte auch die Buchvorlage für die Tatort- Verfilmung „Leiche im Keller“. Und sein Roman „Fanny Holzbein“ berichtet eindrucksvoll über die letzten Kriegstage mitten in Berlin.

Der Maler Gerhart Bergmann (1922 bis 2007) war fast vier Jahrzehnte Professor an der Hochschule der Künste Berlin. 2007, kurz vor seinem Tod ehrte ihn seine Geburtsstadt Erfurt mit einer Lebenswerkausstellung. Sein Grab ziert eine fast schwebende Bronzefigur.

Joachim Goroncy (1926 bis 2008), der unter dem Künstlernamen Alexander Gordan bekannt gewordene Schlagerkomponist und Texter der 1960/70er Jahre erhielt in Friedenau einen schönen, marmorierten Grabstein mit Notenbild.

Heute unterhält die Stadt Berlin noch zwölf Ehrengräber in Friedenau, die jeweils mit einer Terrakotta-Kachel gekennzeichnet sind. Die ehemaligen Ehrengräber sind noch anhand von Plänen und Aushängen erkennbar. Neubelegungen erfolgen, aufgrund Platzmangels teilweise schon über alten Grabstätten. Patenschaften für historische und neuere Gräber sind möglich.

Thomas Herrgen, Frankfurt am Main

 


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