Die Rote Tintenburg – Lebendige Vergangenheit in Paul Klinger Report

Die drei großen Häuserblocks in der Nähe des Breitenbachplatzes, rund um den heutigen Ludwig-Barnay-Platz in Berlin, bilden ein Areal, das die Architektur-, Politik- und sozialpolitische Geschichte unseres Landes widerspiegelt.

Die damals sehr modern gestalteten Häuser wurden Künstlern als Wohnraum gewidmet. Selbst in der Grundsteininschrift drückt sich die (kulturpolitische) Achtung aus, die dem Berufsstand der Künstler seinerzeit entgegengebracht wurde. Auch heute noch leben viele Künstler in den hellen und sonnigen Wohnungen.

„Aus dem Nichts tragt Ihr das Wort,
Und Ihr tragt‘s lebendig fort,
Dieses Haus ist Euch geweiht,
Euch, Ihr Schöpfer uns‘rer Zeit.“
Grundstein-Inschrift

1926 kauften die „Berufsgenossenschaft deutscher Bühnenangehöriger“ (75%) und der „Schutzverband deut-scher Schriftsteller“ (25%) das Areal und gründeten die  „Gemeinnützige Heimstätten m.b.H. Künstlerkolonie“ (heute GEHAG). Die Wohnblöcke der seither sogen. „Künstlerkolo-nie“ entstanden im Rahmen des Konzepts der „Rheinischen Siedlung“, das eine bewusste Alternative zur Blockbebau-ung (“Mietskasernen”) darstellte. Zu erschwinglichen Prei-sen sollte eine „Gartenterrassenstadt“ mit hoher Wohnqua-lität entstehen. Die Architekten waren Ernst und Günther Paulus. Es sollte vor allem gemeinschaftliches Wohnen gefördert werden. Auch die Gestaltung der Block-Innenhöfe sollte der Begegnung der Bewohner dienen. Gustav Rickelt zur Grundsteinlegung am 30. April 1927: „Die Künstlerkolonie hat die Bestimmung, den geistigen Arbeitern, den künstlerisch Schaffenden, (…) auch mit geringerem Einkommen erschwingliche, dem Lärm der Weltstadt entzogene Heime zu schaffen, die durch einfache, schöne Ausführung mit dem Kulturbedürfnis ihrer Bewohner übereinstimmen.“

In der Künstlerkolonie konnten junge notleidende Künst-ler günstige Zweizimmerwohnungen für 80 Mark mieten. Viele prominente Künstler und Intellektuelle waren unter den Bewohnern, fast alle standen politisch links bis radikaldemokratisch, viele versuchten verzweifelt, eine Einigung der hoffnungslos zersplitterten, verfeindeten Linken in Deutsch-land herbeizuführen. Viele waren jüdischer Abstammung. Nach 1932 sollte der vierte Block bis zum Breitenbachplatz gebaut werden, dieses hat das Naziregime unter-bunden. Den Nazis war die „rote Tintenburg“ ein Dorn im Auge. Kommunisten und Sozialdemokraten verstanden sich hier besser als anderswo, wehrten sich gemeinsam gegen Zwangsräumungen, halfen sich mit Lebensmitteln aus, boten länger als anderswo SA-Schlägertrupps Paroli, wenn diese ihnen nachts am nahen U-Bahnhof auflauerten.

Hauptquartier des antifaschistischen Widerstands war Alfred Kontorowicz‘ Parterrewohnung in der Kreuznacher Straße 48. Aber nach dem Reichstagsbrand konnte sich der „Rote Block“ am Breitenbachplatz nicht mehr lange halten: „Künstlerkolonie endlich ausgehoben!“ jubelte die Nazipresse, nachdem in den frühen Morgenstunden des 15. März 1933 wurde die Siedlung von SA-Truppen gestürmt, Bücher wurden auf dem Laubenheimer Platz verbrannt, kritische Schauspieler, Schriftsteller und jüdische Bewohner wurden verhaftet und abgeführt.

Etwa zwei Drittel der Bewohner flohen ins Ausland und wurden in die weite Welt vertrieben. Nach dem Krieg bezogen wieder Künstler die Kolonie. Sogar manche Überlebende kamen wieder zurück. „Viel zu wenige freilich sind es geworden, viel zu wenige. …“ schreibt Axel Eggebrecht, Schriftsteller und Chronist des Roten Block 1957. Er beklagte zu dieser Zeit das mangeln-de Geschichtsbewusstsein der jungen Bewohner: „Die Neuen und Jungen aber, die Wand an Wand mit diesen Veteranen hausen, kochen, sprechen, singen, dichten, zeichnen und von zukünftigen Erfolgen träumen, sie sollen wissen, dass die Birken auf dem Platz ein Stück Geschichte erlebt haben. Vielleicht haben sie den Namen Künstlerkolonie bis heute für eine ungefähre und gleichgültige Bezeichnung gehalten. Er möge sie daran erinnern, dass hier einmal der Geist der wachen, streitbaren Freiheitsliebe sich behauptete, als es ringsum in der Stadt, weithin im Lande sich schon wehrlos aufgegeben hatte.“

Aber es dauerte noch bis 1984, bis die „Jungen“ diese Herausforderungen annehmen wollten und eine „Künstler-kolonie-Initiative“ gründeten, die sich um das historische Erbe kümmerte. Ein erstes Sommerfest 1985, Dokumente über die Geschichte der KüKo wurden gesammelt und archiviert und 1988 wurde dann ein Verein gegründet, der gemeinnützige Verein KünstlerKolonie Berlin e.V. Die Hauptziele des Vereins sind die Dokumentation der Geschichte und Gegenwart, der Personen und ihrer Werke, Vermittlung von Künstlern und kulturelle Aktivität im Bezirk in Zusammenarbeit mit öffentlichen Institutionen, Verlagen, Musik-gruppen, Theatergruppen und Künstlern mit Ausstellungen, Lesungen, Konzerten usw., Nachbarschaftshilfe, Erhaltung der Siedlung als Ganzes.

Der Verein Berliner Künstlerkolonie e.V. pflegt monatlich den „Wilmersdorfer Künstlerstammtisch“. Die Mitgliederzahl beträgt zur Zeit etwa 60. Leider zu wenig, um die vielen Aufgaben zu bewältigen. Ein Archiv ist eingerichtet und besitzt bereits viele wichtige Dokumente, Bücher, Fotos, Bildarchiv, Nachlässe von Erben usw.

Paul Klinger Report April 2011