Vom Leben im „Roten Block“ der Künstlerkolonie in ND

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ND-Serie: Berlin, wie es im Buche steht/ Alfred Kantorowicz alias Helmut Campe, 20.10.1993

Karola Bloch, die Frau des Philosophen, über Alfred Kantorowicz: „Er träumte davon, Romanschriftsteller zu werden.“ Kantorowicz hat nur einen Roman geschrieben, „Der Sohn des Bürgers“, in Fortsetzungen gedruqkt in seiner Zeitschrift „Ost und West“, die er 1947-1949 in Berlin herausgab, wohl die beste ihrer Zeit. Er wählte doppelte Maskierung, schrieb unter dem Pseudonym Helmut Campe. Die Figur des jungen Dr. Martin Freymuth ist leicht als autobiographisch zu erkennen.

Freymuth zieht in die Berliner „Künstlerkolonie“, drei von Künstlergenossenschaft und Schriftstellerverband in den Zwanzigern gebaute Häuserblöcke um den damaligen Wilmersdorfer Laubenheimer Platz mit. billigen, aber nicht unkomfortablen Wohnungen. Verständlich, daß in jenen Jahren von diesem Angebot viele Künstler samt Familien Gebrauch machten: Bloch und Huchel, Becher, Busch…

Der enge Kontakt zu den Mitbewohnern, von denen manche im Roman trotz ihrer Kunstnamen erkennbar sind, ändert das Leben Freymuths, führt ihn aus der Kontemplation in die Aktion. Der KPD-Unterbezirksoffizier Bruno: „Da ist heute einer eingezogen. Ick hab ihm den Transport gemacht, und dann haben wir diskutiert. Für die Partei ist er nicht.. .Aber wenn’s was gegen die Nazis zu tun gibt, is er dabei, sagt er.“

Bald wird Freymuths Parterrewohnung – real Kreuznacher 48 – zum Zentrum des Widerstandes; denn mit der Nähe zur faschistischen Diktatur häufen sich die Angriffe auf die Bewohner der Blocks. Freymuth wird Leiter des Selbstschutzes. Diese Organisation hat es gegeben, so wirkungsvoll wie im Roman beschrieben; Axel Eggebrecht, ebenfalls Mitstreiter, schreibt in seinen Erinnerungen: „Erstaunlich, egozentrische Schauspieler und Literaten handelten klüger und mutiger als die berufenen Verteidiger

der Demokratie.“ Freymuth reflektiert: „In der Tat bildeten die drei Blocks nahe dem Breitenbachplatz.. eine

Oase des Antifaschismus, die nach Westen hin von den großbürgerlichen Vülensiedlungen Dahlem und Grunewald blockiert und vom Norden, Osten und Süden von den kleinbürgerlichen Gebieten Schmargendorf, Wilmersdorf, Friedenau und Steglitz umschlossen war . “ Da „hißten die Nazis ihre Hakenkreuzfahne, die Deutschnationalen, Konservativen und Reaktionäre die schwarz-weiß-rote Fahne des Kaiserreichs, die Demokraten die schwarz-rotgoldene der Republik.“ Tausende Antifaschisten pilgerten am Wochenende zur Künstlerkolonie, „um zu sehen, daß nicht eine einzige Hakenkreuzfahne, nicht einmal Schwarz-Weiß-Rot wehte“

Im Unterschied zu Freymuth, der nur rote Fahnen sah, haben Karola Bloch oder Eggebrecht auch Schwarz-Rot-Gold am „Roten Block“ erblickt, was ja auch eine de-

mokratische Tat war und der Zusammensetzung der Mieter eher entsprach. In der Nacht des Reichstagsbrandes kam Johannes R. Becher, Karola und Ernst Bloch zu warnen. Tage später wurde der Platz von SA und Polizisten umstellt: Doch viele der Gesuchten waren untergetaucht, ins Ausland oder in die Illegalität gegangen. Auch Freymuth.

Mit dem Schluß des Romans stellte „Ost und West“ ihr Erscheinen ein. Der Herausgeber rühmt im letzten Wort die Zusammenarbeit mit dem Chefredakteur Maximilian Scheer: „Er erst gab (der Zeitschrift G. H.-B.) Gesicht und Gestalt, „keinerlei Mißverständnisse, keine Reibungen“ habe es gegeben! Den Untergang erklärt Kantorowicz aus materiellen Gründen, die wieder bekannt vorkommen. Nach der Währungsreform stünde für viele die Frage: Kauf einer Zeitschrift oder von Zigaretten, Wurst? Auch Behinderung durch westliche Besatzungsmächte wird erwähnt wie die bösen Folgen einer Vertriebs-

umstellung, die man auch wieder kennt. Vor der Währungsreform hatte man 70 000 Leser, dann, 1949, kaum noch 5 000; etwa 1 000 in den Westzonen, die dazu nicht zahlten.

Sein Leben hat Kantorowicz in mehreren Tagebuch-Bänden beschrieben, auch die Gründe seiner Flucht 1957 in den Westen, wo man ihm fast zehn Jahre lang den Status des politischen Flüchtlings verwehrte. Er starb in Hamburg. Der Laubenheimer Platz, nun nach dem Regisseur Ludwig Barnay benannt, trägt an einigen Häusern Erinnerungstafeln, auf dem Platz ein Gedenkstein. Das Bezirksamt müht sich mit beachtenswerten Publikationen um die Geschichte der Blocks, die heute einer gemeinnützigen Wohnungsgesellschaft gehören, der rührige Verein „Künstlerkolonie Berlin“ hält die Erinnerungen wach.

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