
Wer hat Erinnerungen, Fotos etc zu unserer ehemaligen Bewohnerin Claire Philippe-Tellier aus der Laubenheimer Straße 19 ?
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Wer hat Erinnerungen, Fotos etc zu unserer ehemaligen Bewohnerin Claire Philippe-Tellier aus der Laubenheimer Straße 19 ?
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Ein neuer origineller Typ moderner Großstadtbebauung tritt in der Gartenterrassenstadt Wilmersdorf in die Erscheinung. Um ein einheitliches, großzügiges Straßenbild zu schaffen, erwirkte die Berliner Bodengesellschaft mit ihrer Tochtergesellschaft Berlin – Südwest gemeinsam mit dem Wilmersdorfer Magistrat beim zuständigen Ministerium die Aufhebung einer alten störenden Bauvorschrift, betreffend Anordnung des Bauwichs zwischen den einzelnen Häusern zugunsten einer Reihenhausbebauung. Keine Reihenhausbebauung im Sinne der stereotypen, einförmigen, unschön überladenen Großstadtstraßen – nein, eine umfassende Reaktion gegen die neue deutsche Renaissance. Das Ministerium des Innern gab ohne weiteres seine Einwilligung zu der glücklichen Idee, welche schon im Modell Eindruck machte. Der von der Bauordnung zwischen den Häusern bzw. Hausgruppen geforderte, mindestens 10 m breite Bauwich, dieser Zugschacht, der greuliche, das Gesamtbild zerreißende Silhouetten gegen den Himmel stellt, wird einfach ausgebaut zugunsten der verbleibenden Hoffläche. Man gibt noch mehrere Quadratmeter als vordere Hoffläche zur Strasse zu, um letztere, die von Haus aus 24 m breit, zu einer eigenartig schönen, 44 m breiten , licht- und luftdurchfluteten zu machen.
Der Schöpfer dieses neuen Typs, Architekt Paul Jatzow, äußert sich in der „Architekturwelt“ zu der überraschenden Gegenüberstellung seiner Perspektiven für Straßenanlagen mit Bauwich und ohne solchen in folgender charakteristischer Weise:
Den Berliner Vororten ist durch den Bauwich eine besondere Physiognomie verliehen, man möchte sagen die Physiognomie eines alten Weibes, dem die Hälfte ihrer Zähne fehlt.
Der Bauwich, der guten Absicht entsprungen, den Hintergebäuden und dem ganzen Baublock Licht und Luft zuzuführen, ist eine Mifigehurt gewesen. Es erübrigt sich wohl, hierfür noch besondere Gründe anzuführen; alle Städtebauer sind sich darüber einig, daß der Bauwich bekämpft werden muß bis aufs Messer. Es ist nun gegen diesen Bauwich sowohl von Terraininteressenten Sturm gelaufen worden, weil der Bauwich für die Häuser das Unpraktischeste ist, was man sich nur denken kann, als auch von Aesthetikern, weil der Bauwich unkünstlerisch wirkt.
Die beifolgenden beiden Bilder zeigen eine interessante Gegenüberstellung, erstens den Bauwich, wie er leibt und lebt mit allen seinen Häßlichkeiten in ästhetischer Beziehung; man sieht besonders, wie der Bauwich Einblick in häßliche Höfe ergibt und das ganze Straßenbild zerreißt. Das andere Bild zeigt folgende Lösung: Für den Baublock ist dieselbe Ausnutzung vorgesehen; es ist der Bauwich auch bestehen gela.ssen worden, aber derartig, daß man ihn zu einer wirksamen und vernünftigen größeren Fläche zusammengelegt hat, die auch eine intensive Durchlüftung des Blocks ergibt; es ist gewissermaßen eine weitere luftige Gartenstraße in die Häusermassen hineingelegt, während trotzdem vermieden wird, das die Häuser kalt und zugig werden. Jeder, der diese Gegenüberstellung sieht, wird sich ohne weiteres sagen, das die letztere Lösung die allein natürliche und richtige sein muß.
Aber nicht nur im einzelnen, auch im ganzen offenbart sich die Tätigkeit der ebengenannten Gesellschaft. Durch gemeinsames Zusammengehen mit der Stadt Wilmersdorf entstand mitten im Häusermeer der Großstadt eine Gartenstadt – nicht im Sinne idyllischer Landhaussiedlungen, denn dazu ist der Boden zu teuer, sondern eine Gartenstadt, wo der Großstadtmensch idyllisch und doch in unmittelbarer Fühlung mit der Großstadt wohnen kann. So stellt sich die Gartenterrassenstadt Wilmersdorf als eine ideale Zusammenfassung von Großstadt und Dorfcharakter dar. Diese Wirkung wurde erreicht durch Vorgärten, 13 m breite sattgrüne Rasenflächen, die in sanften Steigungen zu den Hauswandungen hinauf wogen und hier ihre Fortsetzung finden in Spalieren, welche die Fronten der Häuser bis hinauf zum ersten Geschoß mit blütenreichen Kletterrosen umranken. Um die Ausschmückung im kunstgärtuerischen Sinne zur Geltung kommen zu lassen, wurde eine Gesellschaft Gartenvereinigung Berlin – Südwesten , deren Gesellschafter die Eigentümer der 500 projektierten Häuser sind, gebildet, die für die gleichmäßige Unterhaltung der Gartenterrassen und der gärtnerischen Fassadenverzierung Sorge trägt. Der Anfang der Gartenterrassenstadt ist mit der Landauer Straße (siehe drittes Bild) gemacht, in ähnlicher Weise wird dort das ganze sog. Rheinische Viertel ausgebaut.
© Dieser Artikel erschien am 13. Januar 1912 in der Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen und Elsass Lothringen
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Walter Hasenclever, geboren am 8. Juli 1890 in Aachen, langjähriger Bewohner der Berliner Künstlerkolonie, starb am 21. Juni 1940 in einem südfranzösischen Internierungslager. Sein lyrisches Werk sowie sein 1916 uraufgeführtes Drama ‘Der Sohn’ machten ihn zu einem Exponenten des literarischen Expressionismus.
1917 erhielt er den Kleist-Preis, von 1924 bis 1930 lebte er als Journalist in Paris. Während dieser Zeit verfasste er eine Reihe von Schauspielen ( ‘Ein besserer Herr’, ‘Ehen werden im Himmel geschlossen’, ‘Napoleon greift ein’ u.a.), durch die er zeitweilig zum meistgespielten Dramatiker des deutschen Sprachraums avancierte.
1930 arbeitete er als Drehbuchautor Greta Garbos in Hollywood. 1933 wurden seine Werke in Deutschland verboten. Als Regimegegner auch physisch gefährdet, flüchtete er ins Exil, wo er angesichts der deutschen Kriegserfolge den Freitod wählte.
Franz Schoenberner, mit Hasenclever in der Ziegelei interniert,
erinnert sich an den letzten Abend:
»Hasenclever schien ruhiger und gefaßter als am Vortage. Es überraschte mich ein wenig, daß er uns mit so ungewöhnlicher Wärme und einer Art Feierlichkeit die Hände schüttelte, ehe er zu seinem Platz zurückkehrte. ( … ) Erst als ich in der Morgendämmerung aufwachte und plötzlich hörte, es sei nicht gelungen, Hasenclever aus dem Schlaf zu wecken, verstand ich, daß sein Gutenacht ein letztes Lebewohl gewesen war. ( … ) Das letzte, was wir taten, war, uns zu versichern, daß unser sterbender Freund jedenfalls nicht in die Hände der Nazis fallen sollte. Hauptmann G. versprach uns, daß Hasenclever in ein Militärlazarett in Marseille gebracht und unter falschem Namen als französischer Soldat registriert werden würde. Wie wir später erfuhren, war diese Vorsichtsmaßnahme unnötig. Er starb am selben Abend und fand den letzten, unverletzlichen Zufluchtsort in einem Kirchhof von Marseille.«
(Franz Schoenberner, Innenansichten eines Außenseiters. S.154-156)
Fünfzig Jahre war Hasenclever alt, als er, in einem französischen Lager interniert, Selbstmord beging. Er war einer der wichtigsten Dramatiker und Lyriker des deutschen Expressionismus, seine Stücke wurden nach dem ersten Weltkrieg von vielen Bühnen aufgeführt. Dann wechselte die Mode, die expressionistischen Stücke verschwanden von den Spielplänen und Walter Hasenclever schrieb nun sehr erfolgreiche Unterhaltungskomödien. Mit Hitlers Machtantritt war auch diese Zeit für ihn beendet, er musste emigrieren. Als die Franzosen ihm keinen Schutz mehr boten, sondern den Wünschen und dem Druck des 3. Reiches nachgaben und ihn wie viele andere deutsche Antifaschisten festsetzten, um ihn auszuliefern, floh er nochmals, emigrierte er in den Tod.
Die Walter-Hasenclever-Gesellschaft wehrt sich gegen diese Auslöschung, setzt Zeichen gegen dieses Vergessen. Das ist umso verdienstvoller und ehrenwerter, als es nicht nur ein Signal gegen die Zeitmode ist, sondern auch Widerstand gegen einen Sieg von Hitler bedeutet, ein Widerstehen gegen die Barbarei, gegen den Versuch einer Auslöschung, die das 3. Deutsche Reich an der deutschen Kultur und den Künstlern mit nachhaltigem Erfolg vornahm (aus der Dankrede anlässlich der Entgegennahme des Walter-Hasenclever-Preises der Stadt Aachen am 26.10.2008)
Aus Anlass des 125. Geburtstages von Walter Hasenclever hat der WDR am 21.6.2015 ein Zeitzeichen zu Walter Hasenclever gesendet.
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Am 15. März 1988 wurde auf dem Ludwig-Barnay-Platz eine Tafel am Mahnmal für
„Die politisch Verfolgten der Künstlerkolonie“
enthüllt. Neben zahlreichen Bewohnern der Kolonie und Freunden des Vereins sowie der 6.Klasseder Alt-Schmargendorf Grundschule nahmen der Stadtrat für Volksbildung Herr Ulzen, der Baustadtrat Herr Kähler, der Stadtrat für Wirtschaft und Finanzen Herr Reinecke, die Abgeordnete der SPD Frau Helga Korthaase und der Vorsitzende der Bühnengenossenschaft Herr Driskol an der V eranstaltung teil.
Bei leicht einsetzendem Schneefall verlief die Gedenkstunde in getragener Stimmung. Holger Münzer, Vorsitzender des Vereins Künstlerkolonie e.V., begrüßte die Anwesenden mit Tucholskys „Blumen auf den Weg gestreut“. Das Neuköllner Blechbläserensemble unter der Leitung von Detlef Hillbricht spielte Musik Alter Meister, der Schauspieler Helmut Krauss sprach Texte aus „Die Verbrannten Dichter“ (Theater „tribühne“ 1978). Die Veranstaltung fand zum Gedenken an den 15. März 1933 statt, als faschistische Polizei die Künstlerkolonie in Wilmersdorf „endlich aushob“, wie im „Völkischen Beobachter“ zu lesen war. Bereits seit der Machtergreifung Ende Januar 1933 war es in der Künstlerkolonie zu Hausdurchsuchungen und Verhaftungen gekommen.
Der Überfall am 15. März 1933 sollte den antifaschistischen Widerstand in der Kolonie endgültig brechen, lebten doch hier zahlreiche bedeutende linke Künstler, Schriftsteller, Journalisten, Theaterleute, einige jüdischer Abstammung. Ernst Busch, Axel Eggebrecht, Manes Sperber, Hedda Zinner, Walter Zadek und viele andere.
In seiner Gedenkrede zitierte Alexander Longolius (SPD) den jüdischen Schriftsteller Alfred Kantorowitz, der in der Künstlerkolonie gewohnt hatte, 1933 emigrieren mußte, und der die Ereignisse in der Künstlerkolonie nach der Machtübernahme in seinem „Deutschen Tagebuch“ beschreibt.

Im weiteren ging Alexander Longolius in einer langen Passage der Frage nach der Aktualität faschistischen Gedankenguts und dessen Überwindung nach. Alexander Longolius:
„Der Angriff vom 15. März 1933 auf die Künstlerkolonie war nicht nur ein Angriff auf Kunst und Künstler, die Siegesmeldungen nicht nur die Erleichterung über die Beseitigung des „Roten Loches„. Der 15. März war auch allgemein ein Gewaltschlag gegen den hier praktizierten Widerstand. Widerstand von etwa 1.000 Bürgerinnen und Bürgern. Sie waren ziemlich allein -und haben dennoch so viel Wirkung und soviel Angst erzeugt. Was hätten 10.000 bewirkt? 100.000? ( … )“
Wir denken heute auch über die Leichtigkeit nach, mit der sich der Naziterror ausbreiten konnte, und wir fragen uns, wie immun wir heute gegen Wiederholungen sind.
Lange habe ich ein Fragezeichen hinter die Überlegungen gesetzt, ob wir die deutsche Vergangenheit ernst genug durchdacht haben. Heute bin ich sicher, daß es das falsche Satzzeichen ist. Das Klima einer sozialen Akzeptanz von rechtsradikalem Denken war in Teilen unserer Gesellschaft immer da, und dies waren leider auch einflußreiche und mächtige Teile. Wie sollte es auch anders sein, wenn doch für manche unserer Landleute der Übergang von der Nazizeit zur Republik so überaus nahtlos war. Wir enthüllen heute eine Mahntafel.An vielen Orten wird jetzt nach der Vergangenheit gesucht, der V ergangenheit von Personen, Institutionen, Orten und ihrer Verstrickung in die faschistische Unterdrückung von Menschen und Ideen. Die Unlust an diesen Aktivitäten ist dabei meist stärker verbreitet als das Engagement der häufig jugendlichen Spurensucher.
Die Aufarbeitung der braunen Jahre ist 1988 nicht nur Aufgabe für Historiker, sie ist immer noch ein Auftrag an unseren politischen Alltag, denn sie ist bisher nicht gelungen.
Das heißt zunächst, Kenntnisse zu ermöglichen. Wenn Abiturienten nicht sagen können, wann der 2. Weltkrieg war, werden sie wohl auch das Jahr 1933 nicht richtig einordnen können. Wenn Lehrer keine Zeit haben, ausführlich über den Nazionalsozialismus zu reden, Ausstellungen zu besuchen oder auf aktuelle neonazistische Vorfälle an ihrer Schule einzugehen, wird man die Schüler verstehen müssen, die allzu spielerisch mit den traurigen Fakten dieser Zeit umgehen.
Das heißt weiter, die Ursachen für einen neuen Nazismus zu verhindern. Die Arbeitslosigkeit von Jugendlichen ist mehr als ein Problem des Arbeitsmarktes. Die Verweigerung einer Lebensperspektive, diese Absage unserer Gesellschaft an junge Bürger ist auch die Einladung an sie, politischen Verführern nachzulaufen.
Und das heißt drittens, daß die Hoffähigkeit von antidemokratischen und rechtsextremen Gedanken und Verhaltensweisen in unserer Gesellschaft endlich verschwinden muß. Der Skandal des Majdanek-Prozesses, die Einstellung der V erfahren gegen die beamteten Mörder am Volksgerichtshof, Pensionszahlungen an aktive Förderer der N azidiktatur – das sind Zeichen für ein Klima, in dem Nazis leben konnten. Warum dann nicht auch Neonazis?( … ) Vieles aber können wir tun: Wissen vermitteln, Betroffenheit dauerhaft erzeugen, Demokratie vorleben, Toleranz einüben und die Freiräume schaffen, die Menschen zur V erwirklichung ihrer Würde brauchen, auf die sie einen Anspruch haben.
Für Kunst und Künstler gilt dies in besonderem Maße. Freiraum. Beide Wortteile begrunden die Möglichkeit für Kunst zu wirken, überhaupt tätig zu sein. Der Vorbildcharakter der Künstlerkolonie ist auch heute ungebrochen. ( … )
Vieles wäre in der Geschichte unseres Volkes anders verlaufen, wenn das Beispiel der Künstlerkolonie Nachahmer gefunden hätte. Vieles wäre anders gekommen, wenn die politische Aufmerksamkeit ihrer Bewohner mehr Echo bei Zuhörern, Zuschauern und Lesern gehabt hätte. Und vieles wäre anders geworden selbst nach der Befreiung 1945, wenn die Generation vor uns, 1948 hier diese Tafel enthüllt hätte. ( … ) Unsere Lektion heißt, Versäumtes nachzuholen, in Freiräumen, in Nischen unserer Gesellschaft nicht gleich Subversives zu sehen, die naturnotwendige Rebellion der Kunst anzuerkennen und zu wünschen und so der dummen Engstirnigkeit jeglicher Intoleranz entgegenzutreten.“ (A. Longolius) Der Verein Künstlerkolonie Berlin e.V. plant, den 15.März als Gedenktag jährlich zu begehen, um die Erinnerung an die politisch verfolgten Künstler der Kolonie wachzuhalten und an die Freiheit von Kunst und Kultur überhaupt zu mahnen.
© Künstlerkolonie Berlin e.V.
Dieser Artikel erschien erstmals 1988 anläßlich der Enthüllung der Gedenktafel
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Es war finster in der Mitte unseres Jahrhunderts in Europa. „Humpelnd“ und abgerissen „wie ein Landstreicher“ war Arthur Koestler an die Peripherie Europas gejagt worden:
„Und dann sah ich sie, wenige Meter entfernt . . . die Männer in schwarzem Leder mit schwarzen Brillen, und die brennende rote, in der Hitze schlaff herunterhängende Fahne mit der schwarzen Spinne im weißen Kreis …. jetzt da ich krank, zerlumpt und schmutzig in der Tür lehnte und dem Einzug der Sieger zusah, begriff ich plötzlich, daß ein Mann töten kann, um seine eigene schmerzliche Nackheit zu bedecken.“ („Als Zeuge der Zeit“, Fischer 1986, S. 433 f.)
Im Kampf gegen die Faschisten, durch Stalin vom Kommunismus desillusioniert, so endet eine erste Station im Leben von Koestler. Er flieht nach England und wird von dort aus seine steile Karriere als Publizist fortsetzen, die so verheißungsvoll in Berlin vor der Machtergreifung der Nazis begann.
„Den Roten Stein der Weisen, gib zu! Den gibts doch nicht. Genosse,
auch du du hast ihn nicht gefunden.“(Wolf Biermann)
Koestler ist 1905 in Budapest geboren. 1922 immatrikuliert er sich an der Wiener Technischen Hochschule, und ein Jahr später wird er Mitglied einer zionistischen Burschenschaft. Des Studiums überdrüßig, entschließt er sich, nach Palästina in einen Kibbuz zu gehen. Er verläßt, oder besser entflieht dem Studium der Ingenieur Wissenschaft und trifft an einem Aprilabend 1926 in Hefziba ein. „Mein Kindheitstraum war Wahrheit geworden; ich war davongelaufen und hatte mir einen Spaten gekauft.“ Das „davonlaufen“ wird ihn sein Leben lang begleiten. Nach knapp einem Jahr härtester Arbeit gelingt es ihm, durch glückliche Umstände sich seine ersten Sporen als Journalist zu verdienei;i. Der Ullstein-Verlag, einer der größten Pressehäuser Deutschlands, war auf den jungen Mann aufmerksam geworden und engagierte ihn nach Berlin.
Zweimal soll Berlin im Leben von Koestler eine bedeutende Rolle spielen, wenn auch unter völlig verschiedenen Vorzeichen. Der erste Aufenthalt bekehrt ihn zum Marxismus, der zweite (1950) sieht ihn als Kämpfer gegen Stalinismus und Gewaltherrschaft. Das eine ist ohne das andere nicht zu verstehen.
Koestler macht im Ullstein Haus in kürzester Zeit Karriere. Es kann nicht ausbleiben, daß er als aufmerksamer Chronist auch selber Stellung bezieht. Das Jahr 1931 läßt ihm politisch kaum eine Wahl:
„Nach der Septemberwahl des Jahres 1930 hatte ich miterlebt, wie der liberale Mittelstand seine Überzeugungen verriet und alle seine Grundsätze über Bord warf. Aktiver Widerstand gegen die braune Flut schien somit nur möglich, indem man sich entweder den Sozialdemokraten oder den Kommunisten anschloß. Ein Vergleich der Vergangenheit dieser beiden, ihrer Energie und Entschlossenheit, schloß die ersteren aus und begünstigte die letzteren.“ (Fischer ’86, S. 113)
Seine Mitgliedschaft in der KPD wird im Verlag bekannt, und seine Entlassung war die Konsequenz.
„Nach dem Verlust meiner Stellung war ich frei von allen bürgerlichen Fesseln … Ich gab meine Wohnung in dem teuren Bezirk Neu-Westend auf und zog in eine Wohnung am Bonner-Platz (gemeint ist die Bonner Straße, A. d. V.); das Haus wurde der ‚Rote Block‘ genannt, da die Mieter, meistens mittellose Schriftsteller und Künstler, für ihre radikalen politischen Ansichten bekannt waren. Dort trat ich der kommunistischen Straßenzelle bei und durfte endlich das richtige Leben eines regulären Parteimitglieds führen …. Unsere Zelle hatte ungefähr zwanzig Mitglieder …. Wir hatten mehrere Literaten unter uns, zum Beispiel Alfred Kantorowicz und Max Schroeder, den Psychologen Wilhelm Reich … einige Schauspieler des Avantgardtheaters ‚Die Mausefalle‘ …. “ (Fischer ’86, S.146)
Koestler geht in dieser Gemeinschaft völlig auf, und die Beschäftigung mit dem Marixmus berauscht ihn förmlich:
„Ich stürtzte mich in die Aktivitäten der Zelle mit derselben Begeisterung und völligen Selbstaufgabe, die ich mit siebzehn Jahren beim Eintritt in der Wiener Burschenschaft an den Tag gelegt hatte. Ich lebte in der Zelle, mit der Zelle, für die Zelle. Ich war nicht mehr allein; ich hatte das herzliche Kameradschaftsleben gefunden, nach dem ich mich gesehnt hatte; mein Wunsch, irgendwie dazuzugehören, war in Erfüllung gegangen.“ (Fischer ’86, S. 149)
Hier wird deutlich, wie sehr ihn die stalinistische Wirklichkeit, die er dann auf seiner Reise 1932 durch die Sowiet-Union kennenlernen wird, treffen mußte, oder das politische Ränkespiel der Komintern innerhalb des spanischen Bürgerkiegs, wo er in mehrmonatiger Einzelhaft von den Faschisten inhaftiert war; auch die ernüchternden Erfahrungen im Kampf gegen Hitler Deutschland in Paris, vor dem Einmarsch der Deutschen. 1937 tritt er aus der KPD aus.
Seinen Genossen schreibt er:
„Es gibt keine Unfehlbarkeit einer Person, einer Bewegung oder einer Partei. Toleranz dem Feind gegenüber ist ebenso selbstmörderisch wie Intoleranz dem Freund gegenüber, der das gleiche Ziel auf einem abweichenden Weg verfolgt.“ Und ein Thomas Mann Zitat ergänzt seinen „Abschied“: „Auf lange Sicht ist eine schädliche Wahrheit besser als eine nützliche Lüge.“
Trotz dieser Erfahrungen weißt Koestler später darauf hin, wie wichtig die marxistische Schulung für sein Denken war, wie sie seine „kritischen Fähigkeiten“ schärfte. Sie „lieferte einem eine Methode, mit der sich soziale Erscheinungen präziser und ‚konkreter‘ anpacken ließen als mit den Mitteln der bürgerlichen Soziologie; … diente als eine Art Kompaß, der bei jedem Problem in jeder Lebensspähre wenn auch nicht die Lösung, so doch die Richtung andeutete, in der sie zu suchen war. Marx und Engels sind aus der Geschichte des menschlichen Wissen ebenso wegzudenken wie Darwin. Doch haben in den letzten hundert Jahren sowohl die Soziologie als auch die Genetik so viel Neues zutage gefördert, daß ein ‚orthodoxer Marxist‚ heute ebenso anachronistisch wirkt wie ein Biologe, der sich als ‚orthodoxer Darwinist‘ bezeichnen wollte.“ (Fischer ’86, S. 117)
Auf diesem Hintergrund muß man den kompromißlosen Kampf, den Koestler gemeinsam mit seinen Feunden, u.a. B. Russel und George Orwell, gegen den Stalinismus führte, sehen. Seine Roman „Sonnenfinsternis“ und vor allem die politische Aufsatzsammlung „Vom Yogi zum Kommisar“ sind Beleg für seine persönliche Erfahrungen und Auseinandersetzungen mit dem Stalinismus. Gerade dies gilt es neu zu entdecken!
© Gerd Frölich, Künstlerkolonie Berlin e.V.
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Wer hätte es auch gewusst ? Hier nachzulesen
https://kueko-berlin.de/erinnerungen/der-kuenstlerfriedhof/
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Das Landesdenkmalamt Berlin hat die in Berlin bisher vorhandenen 2.548 Litfaßsäulen auf ihren Denkmalwert überprüft: „24 dieser Säulen genießen Denkmalschutz und bleiben als Zeugnisse der Berliner Stadtgeschichte an Ort und Stelle erhalten“, teilt Landeskonservator Dr. Christoph Rauhut mit. Hintergrund für die aufwändige Recherchearbeit war die Neuordnung des Werbemarktes in Berlin.
Die denkmalwerten Litfaßsäulen stehen in den Bezirken Charlottenburg-Wilmersdorf (6), Kreuzberg-Friedrichshain (5), Mitte (4), Pankow (3), Reinickendorf (3), Steglitz-Zehlendorf (2) und Treptow-Köpenick (1). Sie sind Teil von Denkmalbereichen, etwa Siedlungen und Wohnprojekten wie an der Karl-Marx-Allee oder der Reichsbanksiedlung Schmargendorf, oder Gartendenkmalen wie dem Mexikoplatz.
Findet man vom Anfang des Jahrhunderts noch vereinzelte Blechsäulen, wurden die Säulen schon vor dem 2. Weltkrieg aus Beton hergestellt. Manchmal handelt es sich um ehemalige Transformatorensäulen, die umgestaltet und auch versetzt wurden. Das Herstellungsdatum lässt sich meist nur annähernd schätzen, da es keine Bauunterlagen dazu gibt. Die älteste der denkmalgeschützten Litfaßsäulen ist vermutlich die am Hackeschen Markt (Blechsäule, um 1900). Die jüngste datiert von 1987 und gehört als historisierender Nachbau zur Ausstattung des zeitgleichen Nikolaiviertels in Berlin-Mitte.





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Liebe Bezieher des Newsletters Breitenbachplatz,
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Roderick Miller wollte wissen, ob in seinem Haus in Neukölln Verfolgte des Nazi-Terrors wohnten. Die Recherche ließ ihn nicht mehr los. Mit dem Projekt „Mapping the Lives“ hat Miller fast allen Opfern der Nazis im Dritten Reich einen digitalen Stolperstein gelegt.
„Der Junge hat im selben Haus gewohnt. Er ist jeden Tag durch denselben Flur gegangen, hat denselben Boden und dieselbe Haustür gesehen. Das ist schon ein merkwürdiges Gefühl“. Roderick Miller steht vor seinem Haus in der Hobrechtstraße in Berlin. In der Hand hält er ein Foto von dem Jungen, der im dritten Reich im selben Haus gewohnt hat, wie Miller jetzt.
Gert Kahan, 1925 geboren, verfolgt, weil er Jude war. Als er 15 Jahre alt war, wurde sein Vater in Dachau ermordet. Seine Mutter wurde über Theresienstadt nach Auschwitz deportiert. Gert schaffte es, 1941 mit 16 Jahren nach Palästina zu fliehen. Später emigrierte er nach Kanada.

Miller hat diese Informationen aus Gedenkbüchern und Daten aus dem Bundesarchiv zusammengetragen. Nicht nur für sein Haus, sondern für fast jedes in Berlin und ganz Deutschland. Auf der digitalen Stadtkarte „Mapping the Lives“ [mappingthelives.org] hat er die jüdischen Schicksale mit schwarzen Punkten markiert. So kann jeder recherchieren, wer in seinem Haus oder der Nachbarschaft gewohnt hat.
„Als ich 2004 nach Berlin kam, habe ich die Stolpersteine bemerkt und ich wollte auch wissen, wer in meinem Haus gewohnt hat“, sagt Miller. Die Suche war nicht leicht. Miller konnte nicht einfach nach der Adresse suchen, sondern musste das Berliner Gedenkbuch mit zehntausenden Namen durchgehen. So entstand die Idee für das Projekt Mapping the Lives, die digitalen Stolpersteine.

„Ich wollte, dass es leicht möglich ist, zu sehen, wer in welcher Straße gewohnt hat“, sagt Miller. Viele wüssten nicht über das Ausmaß der Verfolgung Bescheid. „Aus fast jedem zweiten Haus wurde jemand vertrieben“, sagt Miller. „Ich finde es wichtig, dass die Menschen, die heute hier wohnen, das verstehen. Wir wohnen in den gleichen Häusern wie damals, das schafft eine Verbindung, das vergisst man nicht.“

Auf der Karte, die es auch als App geben soll, sind nicht nur Verfolgte jüdischen Glaubens vermerkt. Miller und seine Kollegen des gemeinnützugen Vereins „Tracing the Past“ wollen alle bekannten Opfer des NS-Regimes, die aufgrund ihrer Nationalität, Religion, politischer Überzeugung, sexueller Orientierung, sozialer Ausrichtung, körperlicher oder geistiger Behinderung oder als Widerstandskämpfer verfolgt wurden, dokumentieren. So wollen sie die zwischen 1933 und 1945 existierenden Wohngegenden in ganz Europa nachbilden. Die Arbeit am Projekt wird durch Spenden finanziert.
Die Daten für Deutschland basieren auf der durch Hitler angeordneten Volkszählung von 1939, ergänzt durch Informationen aus dem Bundesarchiv. „Fast alle Akten sind von Nazi-Behörden erstellt worden“, sagt Miller, damit müsse man vorsichtig umgehen. Auf Todesurkunden aus Konzentrationslagern stünde beispielsweise „Herzschwäche“, obwohl die Opfer ermordet wurden. Die Ergebnisse aus der Volkszählung seien allerdings fast die einzige Möglichkeit um die Adressen zu recherchieren.
Sendung: Abendschau, 12.07.2019, 19:30 Uhr
© RBB
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Rückblicke auf meine Jugend in der Künstlerkolonie

© Text- und Fotorechte bei Michael Rickelt
Wenn ich an die Künstlerkolonie denke erinnere ich mich an den Schrankkoffer der Lina Lassen, und es kommt mir das Brummen der Flugzeugmotoren in der Nacht in den Sinn. Die Häuserblocks waren zum großen Teil von Bomben verschont geblieben. (Wie uns die Konzertsängerin Nuscha Richter, die 1945 Dolmetscherin des russischen Stadtkommandanten gewesen war, berichtete, wurde den russischen Bombern befohlen, die Künstlerkolonie zu verschonen, weil dort der den Russen bekannte Ernst Busch gewohnt hat. Dennoch fiel eine kleine Bombe in das Haus am Laubenheimer Platz 9. Anm.d.R.). Nach Kriegsende flogen die Militärflugzeuge der Amerikaner über den Laubenheimer Platz, der 1963 in Ludwig-Barnay-Platz umbenannt wurde. Sie flogen hier schon tiefer, bevor sie in Tempelhof zur Landung ansetzten. Man konnte die runden Fenster am silbernen Rumpf erkennen. In späterer Zeit, als ich mal mit einer Propellermaschine der British European Airways in Richtung Frankfurt geflogen bin, habe ich den Platz mit den Bäumen und dem Sandkasten von oben sehen können.

Wir hatten Pappe in den oberen Fenstern statt Glasscheiben. Die sehe ich noch, auch wie das Licht schlagartig ins Zimmer kam, wenn das Fenster geöffnet wurde. Während der Zeit der Blockade flogen die dicken Brummer im Stundenrhythmus, aber es störte mich kaum als Kind. Ich spielte auf den Holzdielen des Fußbodens Panzer mit Schachteln, in die ich kleine Zweige steckte. Ich bestaunte die schweren Militär-Panzer der Amerikaner, wenn sie mit grell leuchtenden Scheinwerfern über den Südwestkorso rasselten und die Soldaten von ihrem Kanonenturm herunterwinkten.
Bis auf diese lautstarken Signale der Außenwelt schienen die Häuser um den Laubenheimer Platz wahre Gefilde der Ruhe und Abgeschiedenheit zu sein. Um zwölf Uhr mittags läuteten die Glocken vom Turm der Kirche am nahe gelegenen Bergheimer Platz. Dann klapperten Pferdehufe, ein Wagen der Domäne Dahlem stellte sich auf, die Leute kamen mit Blechkannen, um Milch zu holen. Die Szenerie hat geradezu ländlich gewirkt. Das alles konnte ich als kleiner Junge vom Fenster aus beobachten. Ich wohnte im ersten Stock am Laubenheimer Platz 6, zusammen mit meiner Mutter und der Großmutter väterlicherseits. Mein Vater (Martin Rickelt) war in sowjetischer Gefangenschaft in Sibirien. Er hatte meine Mutter während des Krieges in der Ukraine kennengelernt, eine junge Sängerin namens Tamara Ponomarenko.
Das war im Fronttheater von Slawjansk, das er leitete. Eine solche Beziehung war natürlich im „Dritten Reich“verboten, aber er hatte es dennoch fertiggebracht, sie nach Deutschland reisen zu lassen, wo sie bei seiner Mutter in der Künstlerkolonie unterkam. Geboren wurde ich in Schmargendorf, im Säuglingsheim an der Lentzeallee.

Marie Baumann, meine Großmutter, stammte aus einer großbürgerlichen Familie. Sie war in Riga und Freiburg im Breisgau aufgewachsen und fühlte sich als junge Frau vom Glanz der aufstrebenden Theater-Metropole Berlin mächtig angezogen. Sie wollte Schauspielerin werden und begegnete dem als Charakterdarsteller bekannt gewordenen Gustav Rickelt, meinem Großvater.
Zu jener Zeit war dieser schon in den Fünfzigern, spielte im Berliner Künstlertheater in Hauptmanns Biberpelz die Rolle des Rentiers Krüger und war mit dem Dichter Frank Wedekind befreundet. Gustav Rickelt, der spätere Präsident der Bühnen genossenschaft und als solcher Gründer der Künstlerkolonie, hatte das abenteuerliche Wanderleben ein es Theaterschauspielers mit allen Sonnen- und Schattenseiten kennengelernt. Um 1890 befand er sich mit den Meiningern auf Tournee in Amerika. Der Neue Theater-Almanach von 1892 vermerkt ihn als Ensemblemitglied eines deutschsprachigen Thalia-Theaters in der Bowery, New York.

In dem autobiografischen Buch „Königin, das Leben ist doch schön, mit dem Untertitel „Ein deutscher Theater-Roman“, schildert er anschaulich einige Episoden aus dieser Zeit. Als mein Vater aus Russland zurückkehrte, versuchte er, wieder als Schauspieler in Berlin Fuß zu fassen. Die Situation war die denkbar schlechteste, die Theater waren zerstört. Immerhin betrieben die Besatzungsmächte Rundfunkstationen. Aber irgendjemand aus dem Nachbarhaus muß ihn wegen seiner russischen Frau bei den Amerikanern denunziert haben. Daraufhin bekam er Arbeitsverbot beim RIAS. Und im Osten gab ihm ein Kulturfunktionär insgeheim den guten Rat, lieber im Westen zu bleiben. Der das sagte, war Kulturminister der DDR, er hieß Johannes R. Becher (ebenfalls ehem. Bewohner der Künstlerkolonie, Anm.d.R.) und war ein Bekannter von Niels, dem Bruder meines Vaters, der in Dänemark lebte.
Aus der Verbindung meines Großvaters mit Marie Baumann gingen zwei Söhne hervor, Niels und Martin. Da Gustav Rickelt mit einer anderen Frau verheiratet war, hießen sie Baumann. Erst später ließ ihr Vater die beiden legalisieren und seinen Namen annehmen. Nachdem die ersten Wohnblocks der Künstlerkolonie zwischen Südwestkorso und Kreuznacher Straße errichtet worden waren, bekam Marie Baumann in der Bonner Straße eine Wohnung, die sie mit ihren Söhnen bezog.
Auch ihr Bruder, Paul Baumann, wohnte nun einige Häuser weiter. Er hatte in München einen literarischen Verlag „Die Wende“ gegründet und ein kostspieliges Mappenwerk mit Druckgrafiken herausgegeben. Seinerzeit bekannte Künstler wie Emil Pirchan, Wilhelm Schnarrenberger und Emil Betzlerwaren daran beteiligt. In Berlin unterrichtete er dann als Lehrer an der Privatschule des Pädagogen Berthold Otto in Lichterfelde. Über diesen hat er in seinen letzten Lebensjahren ein wissenschaftlich-biografisches Werk verfaßt. Ich bin oft die vielen Stufen zu Paul Baumanns Wohnung in der Bonner Straße 1 hinaufgestiegen und habe mich in die merkwürdigsten seiner unzähligen Bücher vertieft. Dicke alte und wertvolle Folianten mit Bildnissen von Gelehrten und geheimnisvollen Pflanzen standen in den Regalen, die auch die Wände des Flurs einnahmen.

Ein anderer Bruder meiner Großmutter wohnte ebenfalls in der Künstlerkolonie. Hans Baumann, der als Pressezeichner für die BZ am Mittag begann und sich dann einen Fotoapparat zulegte, um Bilder von berühmten Persönlichkeiten wie Gustav Stresemann, Gerhart Hauptmann oder Mussolini zu schießen. Diese wurden großformatig in der Berliner Illustrierten veröffentlicht. Als die Nazis kamen, ging er nach London, wo er zum Chefreporter der Picture Post avancierte. Als Felix H. Man ist er später in die Geschichte des Foto-Journalismus eingegangen.

Während mein Vater die Berthold-Otto-Schule besuchte, ging sein älterer Bruder Niels auf die Karl-Marx-Schule in Neukölln. Hier hatte er sich schon früh kommunistisch orientierten Schüler- und Studentengruppen angeschlossen. Als die Künstlerkolonie, der „rote Block“, im März 1933 von SA-Männern umstellt wurde, fand in der Wohnung meiner Großmutter eine erste Hausdurchsuchung statt. Aber außer ein paar Büchern mit verdächtigem lnhaltfanden sie nicht das, was sie suchten. Niels war bereits untergetaucht und befand sich auf dem Weg über die Ostsee nach Kopenhagen. Während der deutschen Besatzungszeit agierte er im politischen Untergrund für den dänischen Widerstand. Nach dem Krieg blieb er in Dänemark und bekleidete eine Stelle im Staatsarchiv. Das Arbejdermuseet in Kopenhagen bewahrt seinem politischen Wagemut ein Andenken in Form von Briefen, Dokumenten und Fotos. Darunter auch ein Foto seiner Mutter, die bis zu ihrem Tode 1975 zurückgezogen in ihrer Wohnung in der Bonner Straße 8 lebte.
Meine Eltern und ich waren vom Laubenheimer Platz in die Kreuznacher Straße gezogen. Die von Reben bewachsenen Fassaden waren sonnenverwöhnt, den ganzen Sommer über summten die Wespen. Gegenüber erstreckten sich die Schrebergärten bis zum Breitenbachplatz.
Im Parterre unseres Hauses wohnte eine ältere Dame. Es war die Schauspielerin Lina Lassen. Sie trat bereits in Stummfilmen auf, spielte mit Zarah Leander und Gustaf Gründgens und wirkte in einem der letzten Filme des „Dritten Reiches“ unter der Regie von Wolfgang Liebeneiner mit. Ganz oben im Haus sah man ab und zu vom Balkon einen stattlichen Mann mit gebräuntem Oberkörper und Hornbrille herunterschauen, es war der Schriftsteller Oswald Richter-Tersik, der Unterhaltungsromane wie „Tänzerin der Liebe“ und „Lady Hamilton“ verfaßt hatte.

Mein Zimmer ging zum Hof hinaus, der war ziemlich dunkel. Aber wir Kinder rannten dort gern herum, sehr zum Verdruß des Hausmeisters, einer korpulenten Respektsperson. Wir verpaßten ihm den Spitznamen Fiegenklotz und machten uns einen Spaß daraus, vom Hof gejagt zu werden. Sonst malten wir mit Kreide auf dem Asphalt der Straßen am Laubenheimer Platz weitläufige Grundrisse unserer Fantasiehäuser. Kein einziges Kraftfahrzeug war zu sehen, das unser Treiben hätte beeinträchtigen können.
Meine erste Schule war die ehemalige Gartenarbeitsschule in der Dillenburger Straße. Dorthin hatte ich einen recht weiten Weg, der über den Breitenbachplatz führte. Ich habe noch das friedliche Bild des Platzes vor Augen mit den hohen Pappeln, die den Eingang zur U-Bahn überragten. Später kam ich in die gerade neu erbaute Pavillonschule am Rüdesheimes Platz, die zu einem Aushängeschild für die damals moderne Schulpolitik des Berliner Senats wurde. Zur Eröffnung traten wir im Schulchor auf. Bezirksbürgermeister Dumstrey übergab den Goldenen Schlüssel an die Rektorin, Frau Schnee, eine begnadete Pädagogin.
Der Einser-Bus fuhr über den Südwestkorso in Richtung Moabit. Mit diesem Bus fuhr ich abends als Neunjähriger in die Bismarckstraße ins Schiller-Theater. Mein Vater hatte mich dem Intendanten Boleslaw Barlog vorgestellt, und nachdem ich als „Weberjunge“ in Hauptmanns Die Weber zu den Ruhrfestspielen nach Recklinghausen mitfahren durfte, bekam ich eine kleine Rolle im „Hauptmann von Köpenick“. Den spielte der legendäre Werner Krauß. Ich trat in einer Szene als Sohn des Bürgermeisters Obermüller auf, den Martin Held an der Seite von Bertha Drews so glänzend witzig darstellte.
Auch beim Film wirkte ich mit, wo ich den erwähnten Regisseur Wolfgang Liebeneiner kennenlernte. Ich spielte einen Jungen in kurzen Lederhosen. Meine Partnerin war Antje Weißgerber: sie verkörperte eine schöne Frau, die im Rollstuhl saß und unglücklich in einen Mann verliebt war (Hans Söhnker). Der Film hieß Die Stärkere. Meine Mutter trat in Konzerten auf, sie sang als Mezzosopranistin z.B. auf der Freilichtbühne Rehberge im Wedding die Saffi im Zigeunerbaron von Johann Strauß. Später hat sie mit ihrer klaren und temperamentvollen Stimme russische Lieder von Glinka und Gurilew vorgetragen.
Einige Schauspieler, die mit meinen Eltern befreundet waren, arbeiteten am Berliner Ensemble im Theater am Schiffbauerdamm. Zu ihnen gehörte Heinz Schubert, der mit seiner Frau llse und zwei kleinen Töchtern auch in der Künstlerkolonie wohnte, in der Laubenheimer Straße 7.

Heinz Schubert wurde von Bertolt Brecht entdeckt und entwickelte sich auf dessen epischer Bühne zu einer markanten Darstellerpersönlichkeit. Die Familien Schubert und Rickelt sind im Sommer zusammen nach Holland zum Zelten gefahren und später nach Schweden. Ich habe Heinz Schubert als Jugendlicher bewundert, weil er einer der wenigen Erwachsenen war, die es wagten, mit Blue Jeans herumzulaufen. Das war damals verpönt und blieb den verrufenen Halbstarken vorbehalten. Nach dem Bau der Mauer gingen die Schuberts nach Westdeutschland, und in späteren Jahren wurde Heinz Schubert als Ekel Alfred Tetzlaff zum Liebling der Fernseh-Zuschauer. In jenen Jahren muß in Westberlin eine allgemeine Aufbruchstimmung geherrscht haben. Auch mein Vater folgte einem Ruf an ein westdeutsches Theater. Daß er gegen Ende seiner Schauspielerlaufbahn die Figur des hinterhältig-fiesen Alt-Nazis Onkel Franz in der „Lindenstraße“ verkörpern und damit populär werden würde, kann vielleicht als Ironie des Schicksals gesehen werden. Für uns hieß es jedoch, Abschied zu nehmen von Freunden, von Berlin und von der Künstlerkolonie. Zu unserem Umzugsgepäck gehörte unter anderem ein schwerer schwarzer Schrankkoffer, in welchen Anzüge und Kostüme eingehängt werden konnten. Den hatte die ältere Dame vom Parterre, Lina Lossen, kurz vor ihrem Tod meinem Vater vermacht. Auf dem blechumrahmten Schild konnten Zielort und Absender angegeben werden. Mit Schreibmaschine getippt stand nun hier zu lesen, Zielort: Badisches Staatstheater Karlruhe – Absender: Berlin-Wilmersdorf, Kreuznacherstraße 38. Als Erinnerung an unseren Weggang aus Berlin habe ich diesen Schrankkoffer bis auf den heutigen Tag aufbewahrt.
© Michael Rickelt, Künstlerkolonie Berlin e.V.
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