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Rundgang mit der CDU Schmargendorf Wilmersdorf durch die Künstlerkolonie

Auf Einladung des Vorstands der Künstlerkolonie Berlin e.V. besuchte der Ortsverein der CDU Gartenstadt Schmargendorf mit ihrer Vorsitzenden Stefanie Bung und der Fraktionsvorsitzenden in der BVV Charlottenburg Wilmersdorf, Susanne Klose, die Berliner Künstlerkolonie und informierte sich über deren Geschichte und wie man diese denkmalgeschützte Anlage zukünftig unterstützen kann um es für Berlin als Denkmal zu erhalten.

Die Teilnehmer diskutierten die Nachnutzung des ehemaligen Kiosks am Ludwig Barnay Platz als Kultur Kiosk für den Kiez, die Parkplatzsituation, E Mobilität, die aktuelle Mietersituation mit der Vonovia, die Situation der Grünflächen in der Künstlerkolonie und vieles mehr…


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Auf dem weißen Rößl zum Alexanderplatz – Camilla Spira und ihre Schwester Steffie

Camilla Spira und ihre Schwester Steffie

Die Spira-Schwestern stellen als Zeuginnen des Zwanzigsten Jahrhunderts die Unterschiedlichkeiten von Exilerlebnissen in ein besonderes Licht. Aus der selben Familie stammend, sind ihre Geschichten, wie sie verschiedener kaum sein können.

Camilla Spira wird am 1. März 1906 in Hamburg, Steffie am 02. Juni 1908 in Wien geboren. Ihre Eltern sind der in Deutschland bekannte Opernsänger Fritz Spira, aus einer jüdischen Familie in Wien gebürtig, und die aus Dänemark stammende Protestantin Lotte Andresen, die später als Filmschauspielerin arbeiten wird.

Der charmante Vater mit dem Wiener Akzent, der Erfolge am Theater und im Kabarett feiert, läßt seinen Töchtern eine unkonventionelle Erziehung angedeihen. Er ist jemand, der öfter sein Geld verspielt und gelegentlich verlangt, auf der Stelle mit den Kindern spontan zu verreisen, gleichgültig, ob gerade Ferien sind oder nicht.

Es ist die Mutter, die dann die Lehrer becirct und aus der Schule holt, um diese Familientage zu ermöglichen. So bunt und abwechslungsreich sieht der Familienalltag bei den Spiras aus. Der Vater ist in seinen Aktionen und Entscheidungen unberechenbar bis jähzornig, die Mutter organisiert den Rest, ohne jedoch ihr Bedürfnis nach Amusement zu vernachlässigen. Darüber hinaus ist Lotte Andresen diejenige, die die Töchter anleitet, einige schauspielerische Szenen im privaten Kreis vorzuführen, und so gestalten sie einen Großteil ihrer Freizeit mit Verkleidungen und Sketchen.

Die Schauspielerkinder wachsen zusammen in der Koblenzer Strasse in Berlin auf. Camilla, die ältere, wird zärtlich „Millachen“ gerufen. Sie ist bis ins hohe Alter hinein stets auf ihr Äußeres bedacht, und legt Wert auf Anstand und Etikette. Steffie hingegen ist das krasse Gegenteil ihrer Schwester. Es macht ihr nie etwas aus, mit dem Hinweis auf das gesittete Auftreten Camillas zurechtgewiesen zu werden. Wie ihre Kleidung aussieht, ist ihr „von jeher wurscht“, und sie kommt als Kind wesentlich besser als Camilla damit zurecht, durch die abenteuerlichen Eskapaden, in die sie der Vater hineinzieht, auch einmal neben der Normalität einer bürgerlichen Familie zu leben.

Camilla und Steffanie Spira, sechs und vier Jahre alt

Bereits als Fünfzehnjährige sagt Camilla Spira, so berichtet ihre Schwester, „Also weißt du, ich werde nur ganz reich heiraten, damit mir so etwas nicht passiert.“ So unangenehm ist ihr schon als Kind die wirtschaftlich unsichere Situation der Familie, welche sich auch darin zeigt, daß man gelegentlich beim Einkaufen anschreiben lassen muß.

Um Malerin werden zu können, stellt Camilla Spira schon mit 13 Jahren eine Mappe zu sammen, mit der sie sich bei der Akademie der Künste in Berlin bewirbt. Es wird ihr zwar Begabung attestiert, aber um aufgenommen zu werden, ist sie zu jung. Statt dessen organisiert ihr Vater ihr über Beziehungen einen Platz in der legendären Max Reinhardt Schule für Schauspiel. Nachdem sie sechs Monate dort verbracht hat, bekommt sie ihr erstes Engagement am „Wallner Theater“ in Berlin. Hier spielt sie unter anderem die klassischen Rollen der Emilia Galotti und Minna von Barnhelm. Ihre Auftritte sind sehr überzeugend und erhalten gute Kritiken.

1924 wird Camilla am „Theater in der Josefstadt“ in Wien engagiert, das zu den Reinhardt Bühnen gehört. Vollkommen konzentriert und leidenschaftlich widmet sie sich ihrem Beruf und lebt dafür, zu lernen und eine gute Schau- spielerin zu sein. Beinahe ermüdend empfindet sie dagegen die Umwerbungen von Hermann Eisner, dem Rechtsreferendar, den sie auf einem Ball kennenlernt. Ernüchternd sagt sie rückblickend über diese Beziehung: „Ich war des Neinsagens müde und wir heirateten schließlich zwei Jahre nachdem wir uns kennengelernt hatten.“ Ihrem Lebensstil folgend feiert das Paar 1927 in Berlin eine gutbürgerliche jüdische Hochzeit. Aber eigentlich will Camilla Spira ihr Leben lang für das Theater leben.

Camilla in jungen Jahren

Camilla in jungen Jahren

Im selben Jahr kommt Sohn Peter zur Welt, was sie aber keinesfalls dazu bringt, ihrer Arbeit weni- ger Bedeutung beizumes- sen. Von 1925 an ist sie für zwei Jahre am „Deutschen Theater“ in Berlin tätig, bis sie von 1927 bis 1930 an den Barnowsky Bühnen engagiert wird. Die drei Jahre danach arbeitet sie mit großem Erfolg an der „Volksbühne“. Die doppelte Begabung von schauspielerischem Talent und hoher Musikalität macht ihre Qualität aus und bringt ihr große Po- pularität ein.

Ab November 1930 spielt sie ein Jahr lang die Rößl-Wirtin in Zum Weißen Rößl vom Wolfgangssee und bezieht ein sehr gutes Einkommen. Dieses Stück, welches später auch verfilmt wird, macht sie in ganz Deutschland berühmt. Sie lebt in großem Stil mit Haushälterin und komfortabler Wohnung in Berlin. Die Filmbranche hat schnell Notiz von ihr genommen und so reißt die Serie von Produktionen, in denen sie mitwirkt, bis 1933 nicht ab. Sie spielt in Fritz Langs Das Testament des Doktor Mabuse und 1932 in Morgenrot (Regie Gustav Ucicky) mit.

Camilla Spira verstrickt sich tief in ihre Arbeit, ist diszipliniert und konzentriert. Sie begründet viele Jahre später mit ihrer Begeisterung darüber, in ihrem Beruf ihre Erfüllung gefunden zu haben, den Mangel an persönlichem Interesse am politischen Tagesgeschehen. Sie hat zunächst die Nationalsoziali- sten nicht als gefährlich empfunden. Sie erzählt 1991, daß sie erst davon Notiz genommen habe, als die nationalsozialistische Gesetzgebung ihr 1933 verbietet, öffentlich aufzutreten, weil sie Halbjüdin ist. Erlaubt bleibt ihr noch, vor jüdischem Publikum zu spielen. Die Absurdität des antisemitischen Konzepts der Nationalsozialisten wird deutlich, als ihr einen Tag vor ihrem Berufsverbot zur Uraufführung von Morgenrot und im Beisein der NS-Führungsriege ein Lorbeerkranz mit Schleppe überreicht wird, auf der steht: „Der Darstellerin der Deutschen Frau — Die Ufa.“.

Entrüstet bezeichnet Camilla Spira die Geschwindigkeit, in der diese Ereignisse aufeinander folgen als irrsinnig und unglaubwürdig. Es geht für sie alles viel zu schnell, um die Realität erfassen zu können.

Fünf Jahre lang verharrt sie noch mit ihrer Familie in Berlin, liest gelegentlich vor befreundetem Publikum in kleinem Kreis und zehrt von den Einkünften durch die Rößl-Wirtin. Tochter Susanne kommt 1937 zur Welt. Dann hat Camilla Spira es geschafft, ihren Mann zur Ausreise zu überreden. Mit der Linie Amsterdam fährt die Familie Spira-Eisner nach New York. Dort an- gekommen werden sie sogleich als einwanderungsverdächtige Personen eingesperrt. Es ist der Hilfe einflußreicher jüdischer Emigranten in Amerika zu verdanken, daß das Ehepaar aus dem Gefängnis freikommt. 14 Tage nach ihrer Ankunft in Amerika kehren sie diesem Land wieder den Rücken, weil es ihnen von vornherein nicht gefällt und sie als „Unerwünschte“ behandelt werden. Entgegen allen Ratschlägen und im Gegensatz zu fast allen Exilwegen deutscher Flüchtlinge, reist die Familie Spira-Eisner zurück nach Europa mit Ziel Amsterdam. Hermann Eisner kann als Jurist in den Niederlanden arbeiten und Camilla spielt Kabarett, hält sich mit Privataufführungen finanziell über Wasser und geht mit dem weißen Rößl am Wolfgangssee auf Tournee. Die Zeit des Exils ist endgültig eingeläutet und sollte bis 1947 währen.

 

Camilla Spira, gezeichnet von Emil Orlik 1926

1908 geboren und mit sieben Jahren eingeschult, ist Steffie Spira genauso leb haft interessiert an szenischen Darstellungen wie Camilla. Sie liebt es, sich zu verkleiden und genießt das durch den Vater verursachte etwas andere Familienleben. Nie, so sagt sie in einem Interview, sei sie an dem Punkt angelangt, ihre Schwester zu beneiden. Immer habe sie ihren eigenen Weg gefunden, auch, oder gerade weil sie ihre Individualität stets in den Dienst der Allgemeinheit gestellt hat. In Kinderjahren wird dieses Anliegen durch einen politisch links orientierten Onkel, der im Haushalt verkehrt, bei Steffie verwurzelt. Später drückt sich diese Prägung, das eigene Handeln immer in der Verantwortung zur Gesellschaft zu sehen, in der ausschließlichen Ensemblearbeit aus. Sie ist keine Schauspielerin, die mit ihrem Talent hausiert und sich alleine im Rampenlicht stehen sehen will. Sie legt sehr viel Wert darauf, die eigene Arbeit in der Gruppe des Ensembles zu diskutieren und kritisch zu beleuchten.

So, wie Camilla Spira anfänglich versucht, das Malen zu ihrer Profession zu machen, ist es bei Steffie der Tanz, dem ihre frühe Leidenschaft gehört:

Schon als Kind wollte ich nichts als tanzen. Mein Vater sagte: „Schön, aber das Geld für den Tanzunterricht mußt du dir selbst verdienen.“ Bald nachdem ich eingeschult worden war, durfte ich Unterricht in rhythmischer Gymnastik nehmen, dann eine Ballettschule besuchen, und mein Vater verschaffte mir die er sten Engagements. So fuhr ich abends in das Theater in der Königgrätzer Straße. In dem Stück von Bernauer ‚Die wunderlichen Geschichten des Kapellmeisters Kreisler’ hatte ich im ersten Akt zu tun.

Mit 15 Jahren führt Steffie Spiras Weg in eine Tanzschule nach Dresden zu Mary Wigman. Ihr Traum vom Tanzen scheint berufliche Wirklichkeit werden. Doch während eines Aufenthalts mit der Familie in Wien 1924, als Camilla im Theater in der Josefstadt ihre erste Premiere hat, passiert das Unglück: Steffie stürzt beim Laufen über eine Baumwurzel und zieht sich einen Sehnen- und Kapselriß zu. Das Ende der Tanzkarriere stellt sich ein, bevor sie begonnen hat. Da sie es schon als Kind liebte, mit ihrer Schwester Camilla szenische Darstellungen einzuüben, steht für sie fest, nun Schauspielerin zu werden.

Zurück in Berlin spricht sie bei Ilka Grüning und Lucie Höflich vor, die sie aber nicht sofort als Schülerin annehmen wollen und sie noch drei Monate vertrösten. Seinem ungeduldigen Charakter entsprechend meldet Fritz Spira seine Tochter ohne große Überlegungen in der Schauspielschule der Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger an. Von jetzt an muß Steffie Spira auf eigenen Beinen stehen.

Bis zu diesem Tag war ich für dein Gesicht und überhaupt für dich ver-antwortlich, jetzt schau zu, wie du dein Leben selber gestalten wirst.”

Diese Aussage ihrer Mutter hat Steffie ernst genommen und in die Tat umgesetzt.

Keine Ermahnungen, keine Vorbilder wurden gegeben. ‚Du selber’ – das war der Auftrag. Ich habe ihn ernst genommen.“

In der Schauspielschule der Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger lernt Steffie Spira Günter Ruschin kennen.

Steffi Spira 1929 in Berlin

Über diese Begegnung sagt sie: „Bis heute kann ich mir darüber keine Rechenschaft ablegen, warum ich vom ersten Moment an das Gefühl hatte: Das ist der Mensch, der zu mir gehört.“ Günter Ruschin ist engagierter Schauspieler und überzeugter Kommunist. Mit ihm zusammen läßt Steffie Spira sich durch die Genossenschaft zur Schauspielerin ausbilden und erhält 1925 ihr erstes Engagement bei Viktor Barnowsky in Berlin. 1926 tritt sie in die Gewerkschaft der Schauspieler ein. Drei Jahre später spielt sie auf der Volksbühne am Bülowplatz in Shakespeares Was ihr wollt und im selben Jahr in Bertolt Brechts Mann ist Mann.

In Abgrenzung zu bürgerlichen Bühnen gründet sich 1931 aus vielen ar- beitslosen Schauspielerinnen und Schauspielern die „Truppe 31“ um Gustav von Wangenheim herum. Das Kollektiv bringt szenisches Kabarett auf die Bühne und experimentiert mit dem Stück Mausefalle, in dem die vielen Mitwirkenden bestens bekannte Situationen der Arbeitslosigkeit auf der Bühne thematisieren. Das Theater war schon immer ein Mittel für Steffie Spira, etwas zu verändern. Engagiert, beruflich wie privat, weiß sie, daß sie in diesem Ensemble das richtige Medium gefunden hat.

„Diese langweilige Gesellschaft, diese langweilige Welt wollten wir verändern“

Mit 23 Jahren wird Steffie Spira KPD-Mitglied und zieht in die Künstlerkolonie am Laubenheimer Platz in Berlin, wo u.a. Erich Mühsam und Rudolf Leonhard wohnen. Im selben Jahr heiratet sie Günter Ruschin. Der Kreis, in dem sie lebt, ihre Nachbarn, Arbeitskollegen und Freunde sind alle politisch gleich orientiert.

„Links zu sein war zu dieser Zeit in Schauspielerkreisen eine Selbstverständlichkeit. In Parteien organisierte Kollegen aber gab es nur wenige.“

Mit der „Truppe 31“ wird am 04. Februar 1933 Wer ist der Dümmste? am Kleinen Theater unter den Linden aufgeführt. Dieses Stück wird zwei Tage nach dem Reichstagsbrand am 29. Februar 1933 verboten.

Seit dem Reichstagsbrand wird der Terror gegen die Kommunistische Partei immer größer. Steffie Spira ist nicht nur Schauspielerin, sondern auch aktives Parteimitglied der KPD. In den Nächten kleben die Genossen Spira und Ruschin Partei-Plakate und tarnen sich bei Bedarf als küssendes Liebespaar. Unter ihrem Bett in der Künstlerkolonie liegen zusammengerollte rote Fahnen.

Vorsorglich haben Steffie Spira und Günther Ruschin immer wieder außerhalb ihrer Wohnung übernachtet, aber am 15. März 1933 wird das Paar bei einer Razzia in der Künstlerkolonie verhaftet. Obwohl der Kontakt zu Camilla Spira nicht sehr intensiv ist, profitiert Steffie Spira davon, eine so berühmte Schwester zu haben. Der Polizist, der Steffie Spira abführt, weiß, daß sie die Schwester der berühmten Schauspielerin Camilla Spira ist, die zu dem bereits sehr populär ist. Der Polizist gibt ihr Geleit bei der Verhaftung, führt sie an einer Gruppe SA-Leute vorbei und bewahrt sie so vor der politisch begründeten Verhaftung. Sofort nach diesem Erlebnis kauft sich Steffie Spira in Berlin eine Fahrkarte nach Zürich, setzt sich in den nächsten Zug und verläßt das Land mit nichts als ihrem Paß und einer Tasche in den Händen, ohne zu wissen, was aus ihrem Mann wird. Ihre Wahl fällt auf die Schweiz, weil dieser Fluchtweg nach Absprache mit ihren Genossinnen und Genossen am besten im Rahmen der in- ternationalen Solidarität organisiert ist. An diesem Punkt ihres Lebens, zu Be- ginn der Flucht vor der Naziherrschaft, ist Steffie Spira in ein starkes solidarisches Umfeld gebettet, welches sich aus Genossen, Freunden und Verwandten zusammensetzt.

Der Gedanke, Deutschland zu verlassen, ist ihr nicht neu. Als Halbjüdin und Kommunistin ist sie schon lange darauf vorbereitet, eines Tages durch Flucht eventuell ihr nacktes Leben retten zu müssen. In Zürich weiß Steffie, daß sie zunächst bei einem befreundeten Ehepaar Unterschlupf finden kann.

In ihrer Autobiographie schreibt sie über die Solidarität deutscher Exilanten:

Im März 1933 in Zürich ankommen, die Bahnhofstraße hinuntergehen, eine Te lefonzelle betreten und bei Carl und Grete anrufen, sagen: „Ich bin hier!“ , und als Antwort hören: „Komm, wir erwarten Dich!“ – nur wer in der tiefsten Ungewißheit gelebt hat, wer das Leben nicht mehr allein, sondern bloß mit Hilfe an- derer Menschen bestehen konnte, nur der weiß, was Freundschaft bedeutet. Für immer seien Hubachers bedankt.

Im Mai 1933 öffnen sich die Zellentüren für Günter Ruschin in Moabit. Niemand weiß so recht, warum er wieder gehen kann. Genossen, Eltern und Freunde haben sich bemüht, ihn freizubekommen, da er doch keine zentrale Rolle in der KPD spiele. Am 28. Mai 1933 um 21:00 Uhr fährt Günter Ruschin mit dem Zug nach Zürich. Um 22:00 Uhr steht die SA bei seinen Eltern vor der Tür, um ihn wieder abzuholen. Tatsächlich erweist sich die Freilassung als Irrtum. Der Ehemann Steffie Spiras ist gerade noch durch den noch nicht lückenlos funktionierenden Bewachungsapparat geschlüpft und kann Deutschland 1933 legal verlassen. Das wohlbetuchte Ehepaar Hubacher gewährt den Ruschins sowie anderen Genossinnen und Genossen Logis in ihrer Wohnung in Zürich. Dort werden Theater- und Kabarettstückchen entworfen und ausgear- beitet und man denkt darüber nach, wie es weitergehen kann ohne Einkommen. Zunächst kann bei einer Tournee Adele Sandrocks ausgeholfen werden und gelegentlich kommt ein Lustspiel zur Aufführung. Doch längerfristige Perspektiven bietet die Schweiz nicht. Steffie Spira und Günter Ruschin wandern im Sommer 1933 über den Jura nach Frankreich.

Seit dem Moment, als sowohl Steffie als auch Camilla Spira ihrer Ausbildung nachgehen, driften ihre Wege auseinander. Beide haben Erfolge und entwickeln sich völlig unabhängig voneinander zu namhaften Schauspielerinnen. Steffie als Verfechterin des politisch engagierten Ensembletheaters, Camilla als gefeierte Darstellerin vorwiegend im populären Musikfilm und Operetten-Genre.

Die Spur ihrer Eltern kann nur bedingt verfolgt werden. Lotte Andresen-Spira reist 1933 zu ihrer Tochter Steffie nach Paris, um ihr bei der Geburt des Enkelsohnes Tomas zur Seite zu stehen. Zwischen 1934 und 1937 werden die Eltern geschieden, nachdem Fritz Spira seine Frau davon überzeugte, daß dies in Anbetracht ihrer Mischehe der beste Schritt sei. Lotte Spira arbeitet weiter als Schauspielerin, u.a. als Neben- und Kleindarstellerin im Film. Beide sterben im Jahr 1943, die Mutter in Berlin, der Vater im KZ Ruma (Jugoslawien).

Camilla Spira verbringt die Zeit des Exils in den Niederlanden. Zehn Jahre ist sie durch die Naziherrschaft gezwungen, sich von ihrer Heimat fernzuhalten.

Niederlande

Die Niederlande sind zwischen 1933 und 1939 neben Wien, Prag, Zürich und Paris ein wichtiges Zentrum der Emigration. Dorthin strömen viele Flüchtlinge aus Deutschland. Politisch zeichnen sich die Niederlande zu dem Zeitpunkt durch eine mehr als hundert Jahre währende Neutralitätspolitik aus. Juden sind seit 1796 gleichberechtigt und sichtbaren Antisemitismus gibt es kaum. Die Kirchen haben großen, gesellschaftspolitischen Einfluß und bestehen tolerant nebeneinander.

Der größte Handelspartner Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre ist Deutschland. Nach dem 1. Weltkrieg sind von den Niederlanden 140 Mio. HFL an die deutsche Industrie als Kredit gezahlt worden, und Investitionen von Firmen wie Philips oder UniLever unterstützen die deutsche Wirtschaft in ihrer Entwicklung. Das führt zu sehr engen Handelsbeziehungen, die in beiderseiti- gem Interesse bestehen. Noch 1933 wird die Ernennung Hitlers zum Reichs- kanzler zunächst positiv aufgenommen und politisch genutzt, da er die strikte Vorgehensweise gegen die „Welle des Bolschewismus“ ankündigt. Der Nationalsozialismus wird von den handeltreibenden Niederländern in seiner Gefähr- lichkeit unterschätzt.

1933/34 verfestigt sich die niederländische Politik der Nicht-Intervention im Hinblick auf Deutschland. Die Hoffnung macht sich breit, daß, wer sich still verhalte, nicht mit Aggressionen zu rechnen habe. Die Niederlande hoffen darauf, Deutschland mit den Rohstoffen aus ihren Kolonien zufrieden zu stellen und ihre Unabhängigkeit in dieser Weise erkaufen zu können. Dieser Plan scheitert, weil die Weltwirtschaftskrise, die die Kaufkraft aller Länder mindert, auch Deutschland erfaßt. Sie bedeutet vor allem die „Beschneidung des außen- politischen Spielraums der niederländischen Regierungen“, weil die aus den Kolonien angebotene Ware von Deutschland nicht mehr angemessen bezahlt werden kann. Zusätzlich steht der Millionenkredit aus dem ersten Weltkrieg noch offen. Die Gefahr steigt, statt mit einer Bezahlung mit einer Besetzung durch den Aggressor Deutschland rechnen zu müssen.

Die Außenpolitik entfernte sich immer mehr von einer Selbständigkeitspolitik und ist ab 1935 eher als eine Non-Interventionspolitik zu bezeichnen. Als kleiner Nachbarstaat des Dritten Reiches gerieten die Niederlande immer mehr unter den wirtschaftlichen Einfluß dieses Staates.

Die Niederlande sind für Emigranten aus dem Dritten Reich durch ihre geographische Nähe und die günstigen Einreisebestimmungen ein sehr beliebtes Ziel. Die Sprachbarrieren sind wesentlich geringer als in romanischen Ländern. Die Anbindung nach Übersee ist vorhanden, um in die USA oder nach Lateinamerika zu gelangen. Ebenfalls wäre eine schnelle Rückkehr nach Hause möglich, sobald wieder politisch akzeptable Zustände in Deutschland herrschen.

Zwischen 1933 und 1940 überschreiten Zehntausende Flüchtlinge die deutsche Grenze zu den Niederlanden. Es sind Kommunisten, Sozialisten, Künstler, Wissenschaftler und Juden oder sie gehören einer weiteren Bevölkerungsgruppe an, der die NS-Herrschaft es unmöglich macht, im Deutschen Reich weiter- zuleben. Hervorzuheben ist die internationale Verbundenheit der linken Partei- en, die tatsächlich fast weltweit funktioniert.

„Die KPD-Flüchtlinge hielten sich meist illegal im Land auf, organisierten sich in kleinen Zellen und wurden von ihren holländischen Parteigenossen intensiv unterstützt.“

Repressalien innerhalb der Niederlande gegenüber den deutschen Flücht- lingen beginnen erst, als der von Deutschland ausgehende politische Druck auf den kleinen Nachbarn größer wird. Die Unterstützung der Emigranten durch die niederländische Regierung darf zu dem Zeitpunkt nicht zu deutlich werden, da dies wiederum als ein Ausdruck der Feindschaft gegenüber dem Deutschen Reich interpretiert werden könnte.

Deutschsprachiges Kulturleben in den Niederlanden

Das allgemeine, kulturelle Leben in den Niederlanden ist in den dreißiger Jahren ähnlich organisiert wie in Deutschland heute. Alle Theater werden hin- sichtlich des Hauses und des ständigen Ensembles von den jeweiligen Kommunen mitfinanziert. Es sind Stadttheater, die an Privatunternehmen verpachtet und von diesen geführt werden. Deutsche Tourneeensembles führen Opern, Operetten und Theaterstücke auf. Dadurch, daß nur die ständigen Schauspieler vor Ort von den Kommunen getragen werden, ist es von erheblicher Wichtig- keit, als fahrendes Ensemble Zuschauerzahlen zu garantieren. Anders ist kein Auftritt zu erhandeln. Zwar werden für längere Zeit von den niederländischen Theatern deutschsprachige Stücke mit ins Programm genommen, aber die deut- schen Immigranten als Publikumsklientel sind trotz Theaterinteresses keine Garanten für volle Häuser auf lange Sicht. Die Folgen sind fahrende Ensembles,die zwar finanziell sehr schlecht gestellt sind, ihren Angehörigen aber immerhin Beschäftigung bieten.

Die Emigranten-Kabaretts „Ping Pong“ und die „Pfeffermühle“ um Erika Mann formieren sich. Im Juli 1933 erlassen die Niederlande das Verbot jeglicher politischer Betätigung deutscher Emigranten. Zuwiderhandlungen werden mit Abschiebung bestraft. Das Kabarett „Pfeffermühle“ wird für unerwünscht erklärt und so wird vielen engagierten Künstlern der Unterhalt und die Existenz entzogen.

Seit 1934 existieren in den Niederlanden Aufnahmebeschränkungen für Verfolgte aus Deutschland. Im Frühjahr 1938 schließt das Land seine Grenzen. Die Familie Eisner-Spira erhält, gerade aus den USA kommend, noch eine Einreiseerlaubnis in die Niederlande. Hermann Eisner arbeitet als Jurist und Sohn Peter geht zur Schule. Als im Mai 1940 deutsche Truppen Richtung Rotterdam ziehen, um den Hafen zu besetzen, versuchen die Eisner-Spiras 1940 erneut, das Land per Schiff zu verlassen. Rotterdam steht aber schon in Flammen, so daß sie dort nicht einmal den Zug zu verlassen können. Er rollt genauso wieder zurück nach Amsterdam, wie er gekommen ist.

Durch die deutsche Besetzung der Niederlande sind seit Oktober 1940 Kunstschaffende verpflichtet, einen Abstammungsnachweis vorzulegen. Camilla Spira tritt im Kulturbund in der „Hollandsche Schowburg“ in Molnars Spiel im Schloß und in Die Fee auf. Darüber hinaus betätigt sie sich am Kabarett des jüdischen Kulturbundes, welches 1940 in Amsterdam von Werner Le- vie für und von Emigrantinnen und Emigranten gegründet wird. Sie spielt mit Max Ehrlich, Kurt Gerron und Willy Rosen Szenen von Brecht und Tucholsky. Der Kulturbund existiert bis zu den Massendeportationen 1943.

Im Mai 1941 sind alle kulturellen Bereiche gleichgeschaltet und werden zensiert. Seitdem die Besatzungsmacht 1941 zentrale Kulturkammern eingeführt hat, können jüdische Künstler nur noch vor jüdischem Publikum in einem abgetrennten Viertel in Amsterdam auftreten.

„In diesem jüdischen kulturellen Ghetto wurden keine Unterschiede mehr zwischen Deutschen und Niederländern gemacht.“

Die deutsche Besetzung der Niederlande führt zur Verhaftung Hermann Eisners und Camilla Spiras. Im Internierungslager Westerbork gibt Camilla mindestens eine Vorstellung der Rößl-Wirtin, weil der Lagerkommandant es ihr auferlegt. Camilla Spira gehört zum ersten Programm der „Gruppe Bühne.

Die „Gruppe Bühne“ ist ein aus den Insassen des Lagers Westerbork zusammengestellte Theatergruppe, die im Lager für kulturelle Unterhaltung sorgen muß. Im Oktober 1943 wird Camilla Spira mit wenigen anderen freigelassen. Stark beteiligt daran ist ihre Mutter Lotte Andresen-Spira, die in Deutschland glaubhaft beteuert, daß der Jude Fritz Spira nicht Camillas Vater sei. Dank die ser Behauptung kann Camilla in die Wohnung nach Amsterdam zurückkehren.

Für die Jahre 1943 bis 1945 gibt es keine Informationen über die Familie von Camilla Spira. Vermutlich ist die Familie in den Niederlanden untergetaucht. Nach Kriegsende dauert es zwei Jahre, bis das Ehepaar nach Berlin zurückkehrt. In den Trümmern der alten Hauptstadt beginnt Camilla Spira 1947 am „Theater am Schiffbauer Damm“, dem späteren „Berliner Ensemble“, zu arbeiten. Dort spielt sie in Der zerbrochenen Krug mit. 1948 ist sie sogar an mehreren Bühnen West-Berlins tätig. Camilla Spira kann wie wenige andere an ihre Popularität vor dem Nationalsozialismus anschließen. Die Filmschaffenden nehmen ebenfalls bald wieder Notiz von ihr. Sie dreht mit Curd Jürgens 1955 Des Teufels General und stellt 1959 die Frau des Staatsanwalts Schramm in Rosen für den Staatsanwalt dar. Sie spielt Theater im Osten und Westen der Stadt. Sie entscheidet sich aber, mit ihrem Mann im Westteil Berlins zu leben.

1952 verliebt sie sich in den Kameramann Franz Hofer und lebt fortan teilweise mit ihm als Geliebten in der Nähe Münchens, teilweise bei ihrer Familie in Berlin. Zu einer Scheidung von Hermann Eisner kommt es nicht. Nachdem beide Männer im Abstand von drei Jahren sterben, will Camilla Spira auch ihrem Leben ein Ende setzen, jedoch findet Franz Hofers Bruder sie gerade noch rechtzeitig und kann sie vor der Wirkung der tödlichen Dosis Schlaftabletten retten.

Frankreich

Die durch die Weltwirtschaftskrise hervorgerufene hohe Arbeitslosigkeit in Frankreich ist eine der Ursachen dafür, daß weder die Bevölkerung noch die französischen Behörden dem Emigrantenstrom aus Deutschland ab 1933 freundlich gesinnt sind. Frankreich, das Land, das laut Heinrich Mann dem Kontinent die Menschenrechte geschenkt hat, zeigt wenig Interesse am politi- schen Geschehen in Deutschland. Das stete Anwachsen des Flüchtlingsstroms zieht schnell eine sich verschärfende Anwendung der bestehenden Asylgesetze nach sich. Unter anderem wird plötzlich größerer Wert darauf gelegt, zwischen verschiedenen, für die Einreise nach Frankreich notwendigen Papiere genau zu unterscheiden und die betreffenden Personen zu überprüfen. Es gibt die carte d’identité, die dem Personalausweis gleicht, die Aufenthalts- genehmigung, welche bei Verlassen des Landes, z. B. um Verwandte nachzu- holen, die Wiedereinreise sicherstellt, und das Ausweisungspapier. Das Ausweisungspapier ist für die Flüchtlinge aus Deutschland von fataler Bedeu- tung, weil es das legale Betreten Frankreichs endgültig verbietet. Es ist nicht anzunehmen, daß Steffie Spira und ihr Ehemann Günther Ruschin in Besitz irgendeines der hier erwähnten Schriftstücke waren. Die Grenze zwischen der Schweiz und Frankreich überschreiten sie zu Fuß, der Zöllner nimmt kaum Notiz von ihnen.

Das Ziel ist Paris. Scheinbar ohne größere Schwierigkeiten nimmt die schwangere Steffie diesen Gewaltmarsch auf sich und erreicht, zum Teil auf Wander- und Waldwegen, die französische Hauptstadt. Im November bringt Steffie Spira ihren Sohn Tomas zur Welt. Um ihr bei der Geburt beizustehen, reist Lotte Andresen-Spira, Steffies Mutter, aus Deutschland an und bringt et- was Geld für die junge Familie mit.

Die französische Regierung ist bemüht ein neutrales Verhalten gegenüber den Flüchtlingen an den Tag zu legen. Dies gelingt aber nur bedingt. Die Ausstellung einer carte d’identité zum Beispiel ist der Willkür der Behörden unterworfen. Kaum ein Exilant kann den dafür erforderlichen Nachweis erbringen. Dies liegt daran, daß die Heimat oft Hals über Kopf verlassen werden muß und selten vorher die Möglichkeit besteht, die nötigen Papiere zu beantragen. Eine politische Unterstützung der antifaschistisch engagierten Exilanten durch französische Behörden oder Organisationen bleibt nahezu gänzlich aus. Das brisante Thema des Widerstands gegen den Faschismus ist von offizieller Seite mit einem Tabu belegt, um Ruhe in der Außenpolitik zu erhalten.

Die deutschen Einreisewilligen sind schlecht über die notwendigen Formalitäten informiert, da das primäre Ziel die schnelle Ausreise aus Deutschland ist und nicht die legale Einreise nach Frankreich. Die Emigranten vermeiden es, mit französischen Behörden in Kontakt zu treten, denn nur die wenigsten fin- den sich im französischen Behördendschungel der dreißiger Jahre zurecht. Viele sind der Sprache nicht mächtig genug, um sich zuversichtlich auf den Gang durch die Ämter begeben zu können. Eindringlich beschreibt Steffie Spira in ihren Memoiren die prekäre Situation der Exilanten:

Nur wer es durchmachen mußte, ein „Objekt“ zu sein, abhängig von der Freundlichkeit der Behörden, wer bald zu dieser, bald zu jener Stelle laufen mußte, um am Ende doch die so notwendigen Papiere zu bekommen, nur der
weiß, was Ungewißheit bedeutet.

Anlaß für diese Sätze in ihren Memoiren ist die Ausbürgerung, die 1936 gegen Steffie Spira und ihren Mann verhängt worden ist.

Im Oktober 1934 wird die Debatte um das Ausländerrecht in Frankreich angeheizt, als der Außenminister Barthou und der jugoslawische König Alexander I. von einem jugoslawischen Ustascha-Faschisten erschossen werden. Als Folge dieses Attentats erhalten Exilanten allgemeines Arbeitsverbot. Im kulturellen Bereich ist das Verbot weniger von Belang, da die Sprachbarrieren viel zu groß sind, als daß Exilanten in nennenswertem Umfang auf dem französischen Arbeitsmarkt konkurrieren zu können.

Paris ist zu diesem Zeitpunkt zu einem Sammelbecken kreativ arbeitender Deutscher geworden. Viele Künstler und Künstlerinnen haben sich, begünstigt durch verwandtschaftliche Verhältnisse oder kollegiale Kontakte, dorthin ori- entiert. Man kennt sich untereinander, und so werden vor allem persönliche Beziehungen zu bereits emigrierten Menschen genutzt, um aus Deutschland he- rauszukommen. Unterstützung aller Art, von der Organisation der Unterkünfte bis hin zur Zusammenarbeit mit dem Ziel, eigenes kulturelles Leben im Aus- land zu gestalten, ist für den Großteil der aus Deutschland geflüchteten Künstlerinnen und Künstler eine ausgesprochen große Hilfe.

Seit April 1935 gibt es jedoch eine „Quotenregelung“ in Frankreich, die vorschreibt, daß bei künstlerischen Produktionen 50 % des Ensembles aus französischen Staatsbürgern bestehen müssen.

Vom 21. bis 25. Juni 1935 findet auf dem „Ersten Internationalen Schrift- stellerkongreß zur Verteidigung der Kultur“ eine Solidaritätskundgebung statt. Die französischen Intellektuellen bieten eine Plattform, sich mit den vom NS-Regime verfolgten Kulturträgern aus Deutschland auszutauschen. Weitreichende Folgen hat dieses Forum aber nicht. Zu stark sind die Einschränkungen von politischer Seite im Kulturbereich.

Seit 1938 werden in Frankreich die Exilanten als Sicherheitsrisiko betrachtet. Politischen Flüchtlingen werden die Rechte entzogen und im August 1939 beginnen die ersten Verhaftungen links engagierter Deutscher, die späterin Internierungslager gebracht werden.

Das Ehepaar Spira-Ruschin wird am 1. September 1939 verhaftet. Zur Familie gehört der kleine Sohn Tomas, der in Frankreich geboren wurde. Zum Zeitpunkt der Verhaftung seiner Eltern befindet er sich mit anderen Kindern auf dem Land. Viele für Kinder eingerichtete Institutionen werden wegen des drohenden Kriegsausbruchs aus den Großstädten weg in ländliche Gebiete verlegt. Steffie Spira kommt ins Gefängnis La Roquette und wird von dort aus ins Frauenlager Riencros bei Mende transportiert. In dieser Zeit hat Steffie Spira ununterbrochen Kontakt zu Genossinnen, und der Zusammenhalt der Partei ist sehr stark. Seit sie Deutschland verlassen hat, verwendet sie ununterbrochen Energie darauf, sich Arbeitsmöglichkeiten im schauspielerischen Bereich zu schaffen. Darüber hinaus bemüht sie sich, anderen Genossinnen und Genossen zu helfen, Kontakte zu erhalten und im Widerstand zu arbeiten. Dadurch entsteht der Eindruck, sie habe nie wirklich in Not, in einem Überlebenskampf gesteckt. Sicher sind Angst und Unruhe die ständigen Begleiter der Familie, aber niemals geht der Antrieb verloren, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen, ganz gleich, wie schwierig die Lebenssituation auch ist. Die Unterstützung ehemaliger Arbeitskollegen oder Parteigenossen hilft ihr an vielen Stationen ihres lan- gen Fluchtweges.

Die Situation der Künstlerinnen und Künstler in Frankreich

Steffie Spira und ihr Mann Günter Ruschin haben das Glück, durch parteiinterne Kontakte in ein Paris zu kommen, in dem schon seit längerer Zeit eine Gruppe deutscher Künstler lebt. Man unterstützt sich gegenseitig, Jobs werden vermittelt, und die Idee einer deutschsprachigen Bühne wird innerhalb dieser Gemeinschaft verschiedenster Arbeitsuchender entwickelt. „Am Anfang war es sehr schwierig, sich in Paris zurechtzufinden.“ Auf Initiative Rudolph Leonhards wird der Schutzverband deutscher Schriftsteller (SDS) im Exil gegründet. Der Schriftsteller Rudolph Leonhard lebt schon seit 1927 in Frankreich. Ehrenpräsident des SDS wird Heinrich Mann, weitere Mitglieder sind Anna Seghers, Egon Erwin Kisch, Recha Rothschild, Joseph Roth, Hermann Kesten, Max Schroeder, Theo Balk, Bodo Uhse, Kurt Stern, Arthur Koestler, Gustav Regler, Alfred Kantorowicz und viele andere. In einem Café in Paris werden montags abends Veranstaltungen unterschiedlicher Art organisiert. Steffie Spira beteiligt sich an diesen Abenden, liest aus unveröffentlichten Manuskripten von Schriftstellern oder rezitiert. Diese Beschäftigung erleichtert die Phase des Einlebens in Paris, weil Steffie Spira bekannte Gesichter an diesen Abenden wiedersehen und neue Kontakte knüpfen kann.

Es bestand ein guter Zusammenhalt zwischen Genossen und Freunden. Wir hatten enge Verbindungen miteinander und konnten schnell etwas auf die Beine bringen. Hauptsächlich Leonhard und Regler stellten Kontakte zu französischen Schriftstellern her.

So eine Vorgehensweise ist notwendig, um einerseits Perspektiven zu erschließen, die den Zusammenhalt der Gruppe stärken, andererseits um Einnahmequellen für den Lebensunterhalt zu schaffen. Unterstützung seitens des Gastlandes gibt es nicht. Wollte ein Schauspieler oder eine Schauspielerin im erlernten Beruf arbeiten, mußte die Plattform dafür selbst geschaffen werden.

Als geschlossenes Ensemble versucht Gustav von Wangenheims Truppe 31 im Frühjahr 1933 in Paris Fuß zu fassen. Zum Beispiel findet im Juli 1933 eine Lesung von Friedrich Wolfs Professor Mamlock statt, da eine Aufführung sich nicht verwirklichen läßt. Die Gruppe muß sich im Sommer 1933 wegen materieller Schwierigkeiten und politischer Repressionen gegen in Deutschland verbliebene Angehörige auflösen. Die meisten Mitglieder reisen nach Moskau. Die in Paris Bleibenden gründen um Steffie Spira herum 1934 die Kabarettgruppe „Die Laterne“.

Auch wir Schauspieler – anfangs nur wenige, dann etwa 25 an der Zahl- organisierten uns. Zuerst nannten wir uns Gruppe deutscher Schauspieler. Im Frühjahr 1934 gründeten wir das Kabarett Die Laterne, das in der Rue de Seine auftrat, im Saal des Monsieur Duncan, eines Bruders von Isadora Duncan.

Die Laterne“ hat es als einzige Kleinkunstgruppe kontinuierlich von 1934 bis 1938 geschafft, als konstantes Ensemble aufzutreten. Es macht eindeutig politisches Kabarett. Darüber hinaus gelingt eine Uraufführung Brechts: Die Gewehre der Frau Carrar, unter der Regie Slatan Dudows. Steffie Spira spielt Frau Perez. Es muß als großer Erfolg gewertet werden, daß überhaupt einmal in Frankreich ein deutsches Theaterstück zur Aufführung gebracht werden konnte. Es folgen Szenen aus Brechts Furcht und Elend des Dritten Reiches unter dem Titel 99%. Diese Phase, in welcher immerhin allen beteiligten Künstlern und Künstlerinnen ein Einkommen durch eigene Arbeit und eine Perspektive für die Zukunft beschieden ist, bleibt durch die politischen Gege- benheiten nur von kurzer Dauer. Keiner deutschen Schauspielerin gelingt es, auf einer französischen Bühne wirklich Fuß zu fassen. Das Kabarett ist und bleibt die einzige Bühne, auf der deutsche Exilanten aus der Schauspielszene längerfristig arbeiten können. „Die Laterne“ bietet 60-80 Sitzplätze, so daß durch Kollektivarbeit tatsächlich ein wenig Einkommen erwirtschaftet werden kann. Stücke von Brecht und Arnold Zweig werden auf die Bühne gebracht, und endlich ist eine Möglichkeit geschaffen, wieder schauspielerisch zu arbeiten. Die Texte werden von Henryk Kreisch, Erich Berg und George Raimund verfaßt oder vom Kollektiv erarbeitet. Die Musik schreibt Jo Cosma, das Bühnenbild übernimmt Heinz Lohmar, der in Paris viele Kontakte knüpft und sich beinahe sogar an der Weltausstellung 1937 beteiligt hätte. Dies scheitert an der Intervention der deutschen Botschaft in Frankreich. Das Publikum setzt sich vornehmlich aus deutschen Emigranten zusammen und aus Mitgliedern der deutschen Botschaft – eine brisante Mischung.

Mit Hilfe dieser Aktionen und Beschäftigungen findet sich die Familie Spira-Ruschin mehr oder weniger in ein „normales“ Leben ein. Als hauptsächliche Einnahmequelle kann das Projekt „die Laterne“ zwar nicht betrachtet werden, jedoch vermittelt es für kurze Zeit dem Ehepaar die Befriedigung, sich selbst eine Art Lebensgrundlage geschaffen zu haben. Darüber hinaus sind die mei- sten emigrierten Künstler gezwungen, Gelegenheitsjobs aller Art anzunehmen, um überhaupt in die Nähe eines Existenzminimums zu gelangen. Durch die näherrückende Gefahr des Krieges gegen Deutschland werden die Lebensverhältnisse der in Paris lebenden Deutschen immer komplizierter. Das kollektive Leben kann zwar relativ „normal“ gestaltet werden, jedoch ist weder die Dauer des Aufenthalts, noch die persönliche Sicherheit gewährleistet.

Weitere Rollen Steffie Spiras bis zu ihrer Verhaftung im September 1939 sind zum Beispiel: Die Frau in Der Spitzel, die Haushälterin in Rechtsfindung, die Köchin in Das Kreidekreuz. In einer Dramatisierung von Joseph Roths Hiob wirkt sie im Theater „Pigalle“ am 03.07.1939 mit.

In den letzten Wochen des Augusts 1939 werden in Frankreich die ersten Kommunisten verhaftet. Die außenpolitische Situation hat sich so zugespitzt, daß Frankreich sich vor Spionage schützen muß, kommunistisch orientierte Ausländer in Gewahrsam nimmt und später in Internierungslagern sammelt. Am 03.09.1939 erklärt Frankreich Deutschland den Krieg. Der Hitler-Stalin- Pakt wird am 23.09.39 unterzeichnet. Alle sich in Frankreich aufhaltenden deutschstämmigen Männer werden von jetzt an in Lager gebracht. Ab Mai1940 werden auch Frauen in Frankreich interniert. Das Waffenstillstandsabkommen zwischen Deutschland und Frankreich wird am 22.06.1940 geschlos- sen. Kurz darauf folgt die Besetzung des nördlichen Teils Frankreichs durch deutsche Truppen. Im unbesetzten Teil gründet Marschall Philippe Petain 1940-1944 ein autoritäres Regierungssystem mit Sitz in Vichy, das mit dem nationalsozialistischen Deutschland zusammenarbeitet. General Charles de Gaulle bildet 1940 eine Exilregierung in London, die den Krieg gegen Deutschland fortsetzt.

Zwischen dem besetzten und dem unbesetzten Teil Frankreichs wird am 27. September 1940 eine Demarkationslinie gezogen. Die Flüchtlinge im okkupierten Frankreich sind nun der Gestapo ausgeliefert. Die Juden werden zu Tausenden in Lager gebracht, von wo sie später in osteuropäische Konzentra- tionslager deportiert werden. Die Vichy-Regierung auf der anderen Seite dieser Linie faßt die Nichtfranzosen ebenfalls in Lagern zusammen, so daß es den Verfolgten hier ähnlich ergeht. 1942 besetzen die deutschen Truppen ganz Frankreich. Aus französischen Internierungslagern werden Deportationslager. Allein aus Gurs werden mehr als 4000 Juden über Drancy nach Auschwitz deportiert.

Bei den Internierungen der sich in Frankreich aufhaltenden Exilanten wird von den französischen Behörden 1939 nach „Berechtigung“ des Aufenthalts sortiert. In die Sammellager kommen Nichtfranzosen mit carte d’identité. In die Gefängnisse kommen die Menschen, denen der Aufenthalt verweigert wur- de und Straflager werden für Menschen mit Ausweisungsbefehl errichtet. Der Grund für die Verhaftung des Ehepaares Spira-Ruschin ist seine Aktivität in der KPD.

Aus den Sammellagern, die zunächst noch keine lebensbedrohliche Gefahr bedeuten, werden diejenigen Männer wieder entlassen, die fronttauglich sind. Die Entlassung kann forciert werden, indem zum Beispiel Verbindungen zu französischen hochgestellten Personen belegt werden, oder eine Ehe mit französischen Staatsbürgern nachweisbar ist. Ebenfalls sehr schnell dürfen die Menschen gehen, die versichern, Frankreich auf dem schnellsten Weg den Rücken zuzukehren. Nach langer Trennung von Mutter und Kind wird Tomas Spira-Ruschin 1941 wieder seiner Mutter zugeführt, die aus dem Lager Le Rieucros Anfang des Jahres entlassen wird mit der Auflage, das Land so schnell wie möglich zu verlassen. Auch Günter Ruschin, der einige Zeit im La ger Le Vernet verbracht hat, kommt frei, und es ist möglich, Ausreisevisa zu organisieren, so daß die Familie offiziell nach Lissabon zu reisen vermag.

Der erste Reiseversuch nach Übersee allerdings scheitert, weil alle Visaanträge von den USA 1941 zurückgestellt werden, mit dem Vermerk: „Kommunisten unerwünscht“ Unsere Nervosität steigerte sich, als sich herausstellte, daß unsere Visa für die USA zwar angewiesen waren, das amerikanische Konsulat in Marseille sie uns aber noch immer nicht aushändigen durfte. Es war fünf Minuten vor zwölf, hatte doch SS-Standartenführer Kund uns im Lager Rieucros und den Männern im Lager Le Vernet schonungslos angekündigt, daß alle jene nach Auschwitz deportiert werden würden, die Frankreich bis zum Oktober 1941 nicht verlassen hätten. Ende August teilte uns das USA-Konsulat mit, daß alle Visaanträge „zurückgestellt“ worden seien. Da sprang der unvergessene, von allen Emigranten hochgeschätzte Gilberto Bosques in die Bresche, der mexikanische Konsul in Marseille. Wir alle, denen die Auslieferung nach Deutschland drohte, bekamen Visa für Mexiko. Er sei bedankt!

Jedoch reicht ein Visum für Mexiko alleine nicht aus, denn auf dem Weg dorthin werden die Länder Spanien, Portugal, die Dominikanische Republik und Kuba durchreist, und man braucht zumindest Transitvisa und zusätzlich auch noch Geld für die Fahrt. Auch in dieser Situation sind es wieder alte Parteifreunde und Bekannte, die weiterhelfen. Sieben Wochen später kann die Reise auf der Serpa Pinto ab Lissabon angetreten werden. Steffie Spira entbindet während der Reise von Paris nach Lissabon auf dem Bahnhof von Madrid 1941 von einer kleinen Tochter. Die Strapazen der Hochschwangeren lösen eine vorzeitige Geburt im achten Monat aus. Das Kind hat keine Überlebenschance. Steffie nimmt das Baby zwar mit ins Hotel in Madrid, wo sich die Familie Ruschin bei jüdischen Besitzern eingemietet hat, es stirbt aber nach zwei Tagen.

Von Madrid aus geht die Reise weiter über Lissabon nach Mexiko. Dort ist das Leben zwar anders als in Europa, aber weitaus angstfreier. Die Familie bezieht eine Wohnung in Mexiko Stadt. Ihren Lebensunterhalt erwirtschaften sie durch Gelegenheitsjobs. Steffie arbeitet als Hausangestellte bei einem ursprünglich aus Deutschland stammenden Ehepaar. Darüber hinaus gibt es für sie und Günther Ruschin auch immer ein paar Betätigungsfelder im Heinrich Heine Club. Hier arbeiten viele Emigranten aus Deutschland wieder zusammen. Namen wie Anna Seghers und Egon Erwin Kisch sind zu nennen. Gelegentlich wird von Bekannten und Freunden irgend etwas vermittelt, was Einkünfte verspricht. Auf diese Art und Weise hält sich die Familie Spira-Ruschin über Wasser und kann ein einigermaßen angenehmes, gleichwohl bescheidenes Leben führen, bis sie 1947 wieder nach Deutschland zurückkehrt.

Diese Rückkehr ist klar an das Ziel Berlin ge- bunden, wo Steffie Spira sehr bald an der „Volks- bühne“ in der Kastanienallee ein Engagement erhält. Das „Theater am Schiffbauer Damm“ macht ihr ebenfalls zu Beginn 1948 ein attraktives Angebot. Ihre schauspielerische Tätigkeit läßt sich wie die ihrer Schwester ebenfalls auf der Bühne ohne größeren Bruch fortsetzen, was damit zusammenhängt, daß Steffie Spira Parteimitglied, Widerstandskämpferin und gut ausgebildete Schauspielerin ist. Für sie und ihre Familie ist es selbstverständlich, in der sowjetisch besetzten Zone zu leben. Sie spielt 1949 die Kommissarin in Der Moskauer Charakter, 1952 Polina in Die Feinde, 1953 die Heiratsvermittlerin in Gogols Die Heirat, 1953 Martha Lühring in Der Teufelskreis – die lange Reihe ihrer Rollen ließe sich fortsetzen. In den siebziger Jahren kreiert sie eigene Abende mit den Titeln Vorstellungen über Vorstellungen und Frauen an der „Volksbühne am Luxemburgplatz“. Sie gilt als die erfahrenste und etablierteste Schauspielerin Ost-Berlins.

Steffie Spira und ihre Schwester Camilla

 

Camilla und Steffie Spira 1990

1991, 84-jährig, läßt sich Camilla Spira zusammen mit ihrer Schwester auf der Bühne in Baden-Baden feiern, trägt Heine-Gedichte vor und gestaltet einen Auftritt mit ihrer Schwester. In der Fernsehproduktion des Südwestfunks über die beiden Schwestern wird deutlich, wie gegensätzlich und vergleichsweise betagter Camilla ihrer Schwester Steffie gegenüber ist.

Noch immer adrett geschminkt und sich während des Interviews sehr telegen in Szene setzend, gibt sie offen zu, daß sie sich an viele Dinge aus ihrer Lebensgeschichte nicht mehr erinnert. Sie bezeichnet sich und Steffie als sehr unterschiedlich und äußert ihre Überzeugung, mit dem Medium Theater niemals politisch etwas verändern zu können. Sie hat ihre Arbeit als Auftrag angesehen, die der Unterhaltung dient, und nicht ideologischen Zielen. Am 28. August 1997 stirbt mit Camilla Spira eine Zeitzeugin des Jahrhunderts.

Ganz im Gegensatz dazu steht Steffie Spira, die immer etwas bewirken will mit ihrer Arbeit. Sie bezeichnet ihre Schwester als

„Ton in des Töpfers Hand – mit wem du lebst, dessen Sinn und Inhalt erlebst du auch. Selbständig bist du nie gewesen, heute fängst du an, langsam es zu sein.“

Als hochbetagte Frau, Kommunistin und anerkannte Schauspielerin der DDR steigt sie am 09. November 1989 auf dem Alexanderplatz aufs Podest und hält eine Rede vor über 500 000 Zuhörern. Bis ins hohe Alter weiß sie der Gesellschaft etwas mitzuteilen, was dazu beitragen könnte, dem harmonischen Zusammenleben ein Stück näherzukommen. Auch hier stellt sie sich als Indivi- duum wieder zurück und verleiht der Gesellschaft eine Stimme, tritt für die Bewegung zur demokratischen Erneuerung der DDR ein. Der Elan und die Stimme dieser Frau versiegen am 10. Mai 1995. Nachklang und Wirkung findet die Stimme bis heute.

Literatur

Dittrich, Kathinka/Würzner, Hans (Hrsg.): Die Niederlande und das deutsche Exil 1933-1945. Königstein 1982.
Hilchenbach, Maria: Kino im Exil. München 1982.
Mittag, Gabriele: Die Sünde und Schande der Christenheit hat ihren Kulminationspunkt erreicht.
O. Ort u. Jahr.
Raabe, Katharina: Deutsche Schwestern. Reinbek 1998.
Spira-Ruschin, Steffie: Trab der Schaukelpferde. Freiburg 1990.
Trapp, Frithjof/Mittenzwei, Werner/Rischbieter, Henning/Schneider, Hansjörg (Hrsg.): Handbuch des deutschsprachigen Exiltheaters 1933-1945. 2 Bde. Bd. 1: Verfolgung und Exil deutschspra- chiger Theaterkünstler. München 1999.
Villard. Claudia: Exiltheater in Frankreich. In: Trapp, Frithjof/Mittenzwei, Werner/Rischbieter, Henning/Schneider, Hansjörg (Hrsg.): Handbuch des deutschsprachigen Exiltheaters 1933- 1945. 2 Bde. München 1999.
http://kultur-netz.de/kueko/bewohner/spira.htm

Fernsehdokumentation

„So wie es ist, bleibt es nicht“ – Die Geschichte von Camilla und Steffie Spira. Fernsehdokumen- tation von Marlet Schaake und Horst Cramer. WDR/SWF 1991.

Schaake/Cramer: „So wie es ist bleibt es nicht“. Fernsehdokumentation 1991.

Filmographie Camilla Spira.

– Freies Volk, R: Martin Berger, 1925
– Der Stolz der Kompagnie (Alternativtitel: Die Perle des Regiments), R: Georg Jacoby, 1926
– Wir sind vom k.u.k. Infanterie-Regiment, R: Richard Oswald, 1926
– Die lustigen Musikanten, R: Max Obal, 1930
– Die Faschingsfee, R: Hans Steinhoff, 1930/31
– Mein Leopold, R: Hans Steinhoff, 1931
– Skandal in der Parkstrasse, R: Franz Wenzler, 1931/32
– Die elf Schill’schen Offiziere, R: Rudolf Meinert , 1932
– Gehetzte Menschen, R: Friedrich Fehér, 1932
– Grün ist die Heide, R: Hans Berendt, 1932
– Ja, treu ist die Soldatenliebe, R: Georg Jacoby, James Bauer, 1932
– Das Testament des Dr. Mabuse, R: Fritz Lang, 1932/33
– Morgenrot, R: Gustav Ucicky, 1932/33
– Der Judas von Tirol, R: Franz Osten, 1933
– Die Nacht im Forsthaus (Alternativtitel: Der Fall Roberts), R: Erich Engels, 1933
– Sprung in den Abgrund, R: Harry Piel, 1933

– Die Buntkarierten, R: Kurt Maetzig, 1948/49
– Semmelweis – Retter der Mütter, R: Georg C. Klaren, 1949/50
– Epilog (Alternativtitel: Das Geheimnis der Orplid), R: Helmut Käutner, 1950
– Die lustigen Weiber von Windsor, R: Georg Wildhagen, 1950
– Drei Tage Angst, R: Erich Waschneck, 1952
– Der fröhliche Weinberg, R: Erich Engel, 1952
– Pension Schöller, R: Georg Jacoby, 1952
– Emil und die Detektive, R: Robert A. Stemmle, 1954
– Roman eines Frauenarztes, R: Falk Harnack, 1954
– Himmel ohne Sterne, R: Helmut Käutner, 1955
– Der letzte Mann, R: Harald Braun, 1955
– Des Teufels General, R: Helmut Käutner, 1955
– Vatertag, R: Hans Richter, 1955
– Zwei blaue Augen, R: Gustav Ucicky, 1955
– Fuhrmann Henschel, R: Josef von Baky, 1956
– Liebe (Uragano del Po; Alternativtitel: Vor Rehen wird gewarnt, Angelina), R: Horst Hächler , 1956
– Made in Germany, R: Wolfgang Schleif, 1956 Der tolle Bomberg, R: Rolf Thiele,
– Der Czardas-König. Die Emmerich-Kalman-Story, R: Harald Philipp, 1958
– Nachtschwester Ingeborg, R: Geza von Cziffra, 1958
– Vater, Mutter und neun Kinder, R: Erich Engels, 1958
– Freddy, die Gitarre und das Meer, R: Wolfgang Schleif, 1959
– Freddy unter fremden Sternen, R: Wolfgang Schleif, 1959
– Rosen für den Staatsanwalt, R: Wolfgang Staudte, 1959
– Vertauschtes Leben, R: Helmut Weiss, 1961
– Affäre Blum, R: Robert A. Stemmle, 1962
– Das Mädchen und der Staatsanwalt, R: Jürgen Goslar, 1962
– Musikalisches Rendezvous, R: Gottfried Kolditz, 1962
– Mamselle Nitouche, R: (?),1963
– Piccadilly null Uhr 12, R: Rudolf Zehetgruber, 1963

Die zahlreichen TV-Auftritte können nicht komplett angegeben werden

– Serie “Großer Mann, was nun?” (TV) , 1967
– Serie: “Der Kommissar: Das Ungeheuer”, R: Dietrich Haugk (TV), 1969
– Serie “Motiv Liebe: Goldener Käfig” (TV), 1972
– Serie “Die Powenzbande”,R: Michael Braun (TV), 1973
– Heinrich Zille, R: Rainer Wolffhardt (TV), 1977
– Wanderung durch die Mark Brandenburg, R: Eberhard Itzenplitz (TV) 1986

Filmographie Steffie Spira

– Des Haares und der Liebe Wellen, R: Walter Ruttmann, 1929
– Die Brücke, R: Artur Pohl, 1948/49
– Der Untertan, R: Wolfgang Staudte, 1951
– Schneewittchen, R: Gottfried Kolditz, 1961
– Florentiner 73, R: Klaus Gendries, 1971
– Die große Reise der Agathe Schweigert, R: Joachim Kunert, 1972
– Neues aus der Florentiner 73,R: Klaus Gendries, 1974
– Die Schüsse der Arche Noah, R: Egon Schlegel, 1982
– Blonder Tango, R: Lothar Warneke, 1985
– Fahrschule, R: Bernhard Stephan, 1985/86
– Die Schauspielerin, R: Siegfried Kuhn, 1988
– Apfelbäume,R: Helma Sanders


Entnommen aus

Styn, Gaby: Auf dem weißen Rößl zum Alexanderplatz. Camilla Spira und ihre Schwester Steffie. In: Augen-Blick. Marburger Hefte zur Medienwissenschaft. Heft 33: Flucht durch Europa. Schauspielerinnen im Exil 1933-1945 (2002), S. 108–130. DOI: https://doi.org/10.25969/mediarep/1539.


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Sie flohen vor dem Hakenkreuz….Ein Lesebuch für Deutsche

Walter Zadek

Emigration und Wesenswandlung

 

Walter Zadek, der vor den Nazis geflohene Journalist aus dem Berlin der Weimarer Republik, hat seit vielen Jahren seine Begegnungen mit den Überlebenden der Emigration in Europa, den USA und in Israel dazu genutzt, ein Panorama der deutschen Emigration aufzuzeichnen. Aus bisher unveröffentlichten Texten und Selbstaussagen, die Walter Zadek aufs Tonband genommen hatte, aus Briefen und Zeugnissen von Verwandten und Freunden der Autoren ist dieser Band entstanden. Er gibt Zeugnis vom Leben auf der Flucht, von Armut und Elend der Emigration. Bei weitem nicht alle haben wieder eine neue Heimat Schriftsteller gefunden oder und sind Dichtergar in die alte Heimat zurückgekehrt. Die Emigration der Schriftsteller haben die Deutschen nach 1945 kaum nachvollzogen, die lebenslange Trauer der Emigration nie begriffen.

 

„Vor allem aber erhob sich noch die sprachliche Barriere, schwer die gerade für den ausgewanderten Schriftsteller unüberwindbar schien. Nur schwer und langsam wuchs uns die hebräische Sprache zu und wir in sie hinein. Nur ganz wenigen ist es gelungen, in dieser alten und erneuerten Sprache des eigenen Volkes literarisch produktiv zu werden. Thomas Mann hat aus seiner Exilerfahrung darauf hingewiesen, daß ein Schriftsteller ein Mensch sei, dem es schwererfalle, sich auszudrücken als anderen Leuten … Aber auch das Land der Herkunft blieb für uns, die wir Deutschland nach 1933 verlassen mußten, verfremdet. Nach über zwanzig Besuchen in der Bundesrepublik und längeren Aufenthalten in deutschen Städten bekenne ich dankbar, daß sich dort vieles entscheidend gewandelt hat und ich mich als gern gesehener Gast empfinden durfte. Aber als Gast, dessen Legitimität gerade in seiner Rückverbindung zu Israel gesehen wird. So bleibt es unser Schicksal, in dem Land unserer Auswanderung nicht mehr und im Land unserer Einwanderung nicht ganz heimisch zu sein“.  (Schalom Ben-Chorin)

 

Walter Zadek geb. 1900 in Berlin war Bewohner der Künstlerkolonie in Berlin und wohnte in der Bonner Strasse 3. Er begann 1919 als Buchhändler und Antiquar, 1924 Redakteur des «UHU», dem ersten deutschen Magazin, 1925 Ressortchef beim« Berliner Tageblatt», 1930 Leiter der « Zentralredaktion für deutsche Zeitungen», 1933 Verhaftung und Flucht, ab1933 Israel. Lebt in Holon bei Tel Aviv (Winter) oder Frankfurt! Main (Sommer). Herausgeber diverser Bücher

 

Unter Bestien

 

Am Freitag, dem 20. Januar 1933, kommt es in Berlin vor dem Eingang zum Untergrundbahn­hof Breitenbachplatz zu einem kleinen Handgemenge. Ich höre, wie ein untersetzter Herr seiner Begleiterin zuruft: «Schande, daß man dies Judenzeug immer noch ausstellen darf!» Damit weist er auf einen Zeitungsautomaten hin, in dem das Berliner Tageblatt steckt. Ich sage daraufhin zu meiner Frau: «Wollen wir mal das Judenzeug kaufen?»

Vor der Eingangssperre haben die Antisemi­ten auf mich gewartet. Als ich den engen Durch­gang betrete, werde ich von dem kräftigen Mann derb hineingestoßen. Ich wehre mich, wenn auch durch die Dauerverletzung einer Hand be­hindert, auf ähnliche Weise. Die anschließende Prügelei wird durch Bahnbeamte abgebrochen. Auf dem Weg zum Vorsteher, der die Namen aufnehmen soll, schlägt der Angreifer nochmals hinterrücks nach mir, trifft jedoch das Gesicht meiner Frau. Der Bahnvorsteher läßt sich unsere Ausweise zeigen. Der Nazi hat den holländischen Namen Bloemendaal. Ich weise mich als Leiter der «Zentralredaktion für deutsche Zeitungen» aus.

Ich besaß Arbeitsräume in der nahe gelegenen «Künsterkolonie». Das waren mehrere große Häuserblocks, erbaut für Mitglieder des Schutzverbandes deutscher Schriftsteller, der Bühnengenossenschaft und anderer Künstlerverbände. Also ein Sammelbecken freigeistiger, meist linksge­richteter Menschen und damit ein Dorn im Auge jedes Nationalsoziali­sten. In meiner Wohnung hatte, schon seit ich Ressortchef am Berliner Tageblatt gewesen war, alle vierzehn Tage eine Art jour stattgefunden, an dem sich Dichter, Politiker, Musiker usw. gegenseitig an- und aufregten, darunter Maler des Bauhauses, Mitarbeiter der Weltbühne, Schauspieler von Reinhardt u. a.

Als ich nach der abendlichen Prügelei heimkehre, sehe ich vom Fenster aus, daß der Gewaltmensch mir nachgegangen war und die Anschrift auf­zeichnet. Noch ahne ich nicht, daß dies der Auftakt zu meiner sehr frühen und dadurch lebensrettenden Emigration werden wird.

Zwei Monate später, am 15. März 1933, werden die Wohnblocks der «Künstlerkolonie» von Polizei und SA-Leuten umstellt. Ich werde durch sieben schwerbewaffnete Jungen des «Kommando zur besonderen Ver­wendung» mißhandelt und mit blutendem Gesicht die Treppe hinunterge­stoßen. Halb bewußtlos höre ich: «Das ist der Kerl, der den alten Mann geschlagen hat.» Und dann: «Wirst du Judenschwein wohl schneller lau­fen!» Trotz meiner Betäubung erinnere ich mich: «Auf der Flucht er­schossen» und taste mich nun wirklich langsamer die Stufen hinunter. Einen so raschen Triumph möchte ich Herrn Bloemendaal nicht gönnen.

Unten werde ich auf einen Polizeiwagen hinaufgestoßen. Das ist ja eine Literatenversammlung: Vor mir sitzt der Schriftsteller Manes Sperber, hinter mir der im Osten geehrte Autor Theodor Balk, alias Dr. Fodor, alias Dr. Dragutin. Einer der Uniformierten höhnt: «Hast woll Neesebluten jehabt, wa? Wisch dir mal det Jesicht ab!» Das Bild des Wagens mit den feixenden Bestien erscheint am 16. März 1933 neben einem verloge­nen Bericht in den Naziblättern.

In die Gruppenzelle des Polizeipräsidiums am Alexanderplatz wird gleich danach der heute in der DDR führende Theaterfachmann Curt Trepte hineinbefördert. Kein Jude. Zum Beweis, wie «verhört» wird, ent­blößt er seinen Hintern. Er strahlt blau und braun von Hieben. Ich bitte einige Polizeikommissare, die oft Beiträge für meine Zeitungskorrespon­denz eingesandt hatten, um Rücksprache. Keiner von ihnen rührt sich.

Nach ein paar Tagen trennt man die konsularisch beschirmten Ausländer von uns schutzlosen Deutschen. Ich werde in das Zuchthaus Spandau abgefahren. Wieder öffnet sich eine Massenzelle, gefüllt mit einer geistig regen Gesellschaft. Beherrschaft von dem kommunistischen Abgeordne­ten Heuck, einem mächtigen Burschen, Pferdehändler, der später in sei­nem Wahlkreis Kiel von Nazischergen niedergemacht werden wird. Fast dreißig andere begrüßen den Neuzugang.

Eines Nachmittags bringen zwei Wärter den greisen Justizrat Broh herein, nur mit einer Decke auf dem nackten Kröper, um Druck zu vermei­den, denn er ist am ganzen Leib braun und schwarz geschlagen. Mit Brandstellen, wo die Sadisten ihre Zigaretten ausgedrückt hatten. Den Kopf voller Krusten, weil sie ihm die Haare büschelweise mit Zangen ausgerissen hatten. Er sollte büßen, daß er als Jude linke Leute gegen die Nazis vor Gericht vertreten hatte.

 

Ausbruch

April 1933. Ich werde herausgerufen: mit Sachen! Im Direktorzim­mer: «Sie sind entlassen!» Der neue Vorsitzende des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller (SDS), Hanns Heinz Ewers, nazistischer Erbe von Tucholsky und Arnold Zweig, hat seinen Einfluß zeigen wollen und sich für den ihm unbekannten Kollegen verwendet.

Unvorbereitet erscheine ich zu Hause. Meine Arbeitsräume sind verwüstet. Mein Paß ist im «Alex» beschlagnahmt. Ein deutschnationaler Anwalt versucht, ihn vom Staatsanwalt herauszubekommen. Aber eines Vormittags, wieder befragt, flüstert er mir leise zu: «So schnell und so weit wie möglich!» Ich begreife: Die Wiederverhaftung steht bevor.

Am selben Abend verschwinde ich mit meiner Frau in einem D-Zug nach Westen. Beide nur mit einer Aktentasche bewaffnet, wenige Mark im Beutel. Schon auf dem Bahnhof Zoo waren zwei allzu unauffällige Herren in das leere Nebenabteil zugestiegen. Man hatte uns also nie aus den Augen verloren.

Köln. Sechs Uhr früh. Ein begabter Reporter hatte in einem seiner Beiträge für meinen Zeitungsdienst von den Schleichwegen der Schmuggler im Westen berichtet. Aus dem Bett geholt, behauptete er, nichts Ge­naueres zu wissen. Seit der Machtergreifung verleugnen fast alle nichtjü­dischen Bürger ihre «rassisch belasteten» Freunde und Arbeitgeber. Un­aufgefordert schaltet jeder sich gleich. Von echten Überzeugungen keine Rede. Zivilcourage, Rückgrat, Gesinnungstreue – wie wenige haben sie damals bewiesen, werden sie jemals beweisen.

Auf dem Amt der Zionistischen Organisation in Berlin hatte uns ein Unbekannter eine andere Anschrift in Köln genannt. Durch die noch schlafenden Straßen der Stadt trotten wir zum bezeichneten Haus.

Als wir uns umdrehen, tauchen hinten, in weiter Feme, gerade die zwei unauffälligen Herren aus dem Nebenabteil der Eisenbahn auf!

Ich krieche unter die Treppe. Meine Frau läutet an der Wohnungstür. Wie? Was will sie? Man verstehe sie nicht. Niemals hätten sie mit so etwas zu tun gehabt. Welche Zumutung! Da bricht die überforderte Bittstellerin in Tränen aus. Man nimmt sie herein, reicht ihr Kaffee, nennt ihr den Fluchtweg. Er hätte kaum einfacher sein können.

Es ist der 23. April 1933. Wir fahren weiter nach Aachen. Gehen hinein in die Stadt. Vorsichtshalber steigen wir an verschiedenen Haltestellen in die Straßenbahn Nummer sieben. Umsonst, alles umsonst! Auf der Platt­form stehen bereits die beiden schweigsamen Herren. An der Kreuzung Couvenstraße springe ich ab, renne zu einem bestimmten Taxistand hin­über. Gerade ist noch ein Platz frei. Kaum sitze ich, rattert der Wagen los. Ich zahle bis zum Endpunkt, lasse jedoch unterwegs halten, steige links heraus statt rechts: Gerettet!

Denn diese Straße ist ein kurzes Stück lang staatenlos. Niemandsland. Links liegt Holland, der Platz Kerkrade. Rechts das deutsche Städtchen Herzogenrath. An der Hauptstraße befindet sich eine holländische Grenzsperre. Steigt man aber hundert Meter davor aus, gelangt man auf einem Kohlenweg um die Schranke herum sofort in den blumenreichen, sauberen Ort hinein.

Wo steckt meine Frau? Sie sollte doch im nächsten Auto folgen. Unru­hig sehe ich in einen Laden, erstehe die ersten holländischen Zigaretten. Als ich heraustrete, schleicht mein blasses Weib vorüber und bricht bei meinem Anblick ohnmächtig zusammen. Da sie mich am Treffpunkt nicht gesehen hatte, glaubte sie mich von den beiden Herren abgefangen.

 

© Auszug aus dem Buch “Sie flohen vor dem Hakenkreuz”, Herausgeber Walter Zadek, erschienen 1984 im Rowohlt Taschenbuch Verlag


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Drei Generationen Familie Rickelt

Rückblicke auf meine Jugend in der Künstlerkolonie

 © Text- und Fotorechte bei Michael Rickelt

Wenn ich an die Künstlerkolonie denke erinnere ich mich an den Schrankkoffer der Lina Lassen, und es kommt mir das Brummen der Flugzeugmotoren in der Nacht in den Sinn. Die Häuserblocks waren zum großen Teil von Bom­ben verschont geblieben. (Wie uns die Konzertsängerin Nuscha Richter, die 1945 Dolmetscherin des russischen Stadtkommandanten gewesen war, berichtete, wurde den russischen Bombern befohlen, die Künstlerkolonie zu ver­schonen, weil dort der den Russen bekannte Ernst Busch gewohnt hat. Dennoch fiel eine kleine Bombe in das Haus am Laubenheimer Platz 9. Anm.d.R.). Nach Kriegsende flogen die Militärflugzeuge der Amerikaner über den Laubenhei­mer Platz, der 1963 in Ludwig-Barnay-Platz umbenannt wurde. Sie flogen hier schon tiefer, bevor sie in Tempelhof zur Landung ansetzten. Man konnte die runden Fenster am silbernen Rumpf erkennen. In späterer Zeit, als ich mal mit einer Propellermaschine der British European Airways in Richtung Frankfurt geflogen bin, habe ich den Platz mit den Bäumen und dem  Sandkasten von oben sehen können.

Wir hatten Pappe in den oberen Fenstern statt Glasscheiben. Die sehe ich noch, auch wie das Licht schlagartig ins Zim­mer kam, wenn das Fenster geöffnet wur­de. Während der Zeit der Blockade flogen die dicken Brummer im Stunden­rhythmus, aber es störte mich kaum als Kind. Ich spielte auf den Holzdielen des Fußbodens Panzer mit Schachteln, in die ich kleine Zweige steckte. Ich bestaunte die schweren Militär-Panzer der Amerikaner, wenn sie mit grell leuchtenden Scheinwerfern über den Südwestkorso rasselten und die Soldaten von ihrem Kanonenturm herunterwinkten.

Bis auf diese lautstarken Signale der Außenwelt schienen die Häuser um den Laubenheimer Platz wahre Gefilde der Ruhe und Abgeschiedenheit zu sein. Um zwölf Uhr mittags läuteten die Glocken vom Turm der Kirche am nahe gelegenen Bergheimer Platz. Dann klapperten Pferdehufe, ein Wagen der Domäne Dahlem stellte sich auf, die Leute kamen mit Blechkannen, um Milch zu holen. Die Szenerie hat geradezu ländlich gewirkt. Das alles konnte ich als kleiner Junge vom Fenster aus beobachten. Ich wohnte im ersten Stock am Laubenhei­mer Platz 6, zusammen mit meiner Mutter und der Groß­mutter väterlicherseits. Mein Vater (Martin Rickelt) war in sowjetischer Gefangenschaft in Sibirien. Er hatte meine Mutter während des Krieges in der Ukraine kennengelernt, eine junge Sängerin namens Tamara Ponomarenko.

Das war im Fronttheater von Slawjansk, das er leitete. Eine solche Beziehung war natürlich im „Dritten Reich”verboten, aber er hatte es dennoch fertiggebracht, sie nach Deutsch­land reisen zu lassen, wo sie bei seiner Mutter in der Künstlerkolonie unterkam. Geboren wurde ich in Schmargendorf, im Säuglingsheim an der Lentzeallee.

Marie Baumann, meine Großmutter, stammte aus einer großbürgerlichen Familie. Sie war in Riga und Freiburg im Breisgau aufgewach­sen und fühlte sich als junge Frau vom Glanz der aufstre­benden Theater-Me­tropole Berlin mäch­tig angezogen. Sie wollte Schauspiele­rin werden und be­gegnete dem als Cha­rakterdarsteller be­kannt gewordenen Gustav Rickelt, meinem Großvater.

Zu jener Zeit war dieser schon in den Fünfzigern, spielte im Berliner Künstlertheater in Hauptmanns Biberpelz die Rolle des Rentiers Krüger und war mit dem Dichter Frank Wedekind befreun­det. Gustav Rickelt, der spätere Präsident der Bühnen­ genossenschaft und als solcher Gründer der Künstlerkolonie, hatte das abenteuerli­che Wanderleben ei­n es Theater­schauspielers mit allen Sonnen- und Schattenseiten ken­nengelernt. Um 1890 befand er sich mit den Meiningern auf Tour­nee in Amerika. Der Neue Theater-Alma­nach von 1892 ver­merkt ihn als Ensemblemitglied ei­nes deutschsprachi­gen Thalia-Theaters in der Bowery, New York

In dem autobiografi­schen Buch “Königin, das Leben ist doch schön, mit dem Untertitel „Ein deutscher Theater-Roman”, schildert er an­schaulich einige Episoden aus dieser Zeit. Als mein Vater aus Russland zurückkehrte, versuchte er, wieder als Schauspieler in Berlin Fuß zu fassen. Die Situation war die denkbar schlechteste, die Theater waren zerstört. Immerhin betrieben die Besatzungsmächte Rund­funkstationen. Aber irgendjemand aus dem Nachbarhaus muß ihn wegen seiner russischen Frau bei den Amerika­nern denunziert haben. Daraufhin bekam er Arbeitsverbot beim RIAS. Und im Osten gab ihm ein Kulturfunktionär insgeheim den guten Rat, lieber im Westen zu bleiben. Der das sagte, war Kulturminister der DDR, er hieß Johannes R. Becher (ebenfalls ehem. Bewohner der Künstlerkolonie, Anm.d.R.) und war ein Bekannter von Niels, dem Bruder meines Vaters, der in Dänemark lebte.

Aus der Verbindung meines Großvaters mit Marie Baumann gingen zwei Söhne hervor, Niels und Martin. Da Gustav Rickelt mit einer anderen Frau verheiratet war, hießen sie Baumann. Erst später ließ ihr Vater die beiden legalisieren und seinen Namen annehmen. Nachdem die ersten Wohn­blocks der Künstlerkolonie zwischen Südwestkorso und Kreuznacher Straße errichtet worden waren, bekam Marie Baumann in der Bonner Straße eine Wohnung, die sie mit ihren Söhnen bezog.

Auch ihr Bruder, Paul Baumann, wohnte nun einige Häuser weiter. Er hatte in München einen literarischen Verlag „Die Wende” gegründet und ein kostspieliges Mappenwerk mit Druckgrafiken herausgegeben. Seinerzeit bekannte Künst­ler wie Emil Pirchan, Wilhelm Schnarrenberger und Emil Betzlerwaren daran beteiligt. In Berlin unterrichtete er dann als Lehrer an der Privatschule des Pädagogen Berthold Otto in Lichterfelde. Über diesen hat er in seinen letzten Lebensjahren ein wissenschaftlich-biografisches Werk ver­faßt. Ich bin oft die vielen Stufen zu Paul Baumanns Wohnung in der Bonner Straße 1 hinaufgestiegen und habe mich in die merkwürdigsten seiner unzähligen Bücher vertieft. Dicke alte und wertvolle Folianten mit Bildnissen von Gelehrten und geheimnisvollen Pflanzen standen in den Regalen, die auch die Wände des Flurs einnahmen. 

Ein anderer Bruder meiner Großmutter wohnte ebenfalls in der Künstlerkolonie. Hans Baumann, der als Presse­zeichner für die BZ am Mittag begann und sich dann einen Fotoapparat zulegte, um Bilder von berühmten Persönlich­keiten wie Gustav Stresemann, Gerhart Hauptmann oder Mussolini zu schießen. Diese wurden großformatig in der Berliner Illustrierten veröffentlicht. Als die Nazis kamen, ging er nach London, wo er zum Chefreporter der Picture Post avancierte. Als Felix H. Man ist er später in die Geschichte des Foto-Journalismus eingegangen.

Während mein Vater die Berthold-Otto-Schule besuchte, ging sein älterer Bruder Niels auf die Karl-Marx-Schule in Neukölln. Hier hatte er sich schon früh kommunistisch orientierten Schüler- und Studentengruppen angeschlos­sen. Als die Künstlerkolonie, der „rote Block”, im März 1933 von SA-Männern umstellt wurde, fand in der Wohnung meiner Großmutter eine erste Hausdurchsuchung statt. Aber außer ein paar Büchern mit verdächtigem lnhaltfanden sie nicht das, was sie suchten. Niels war bereits unterge­taucht und befand sich auf dem Weg über die Ostsee nach Kopenhagen. Während der deutschen Besatzungszeit agier­te er im politischen Untergrund für den dänischen Wider­stand. Nach dem Krieg blieb er in Dänemark und bekleidete eine Stelle im Staatsarchiv. Das Arbejdermuseet in Ko­penhagen bewahrt seinem politischen Wagemut ein An­denken in Form von Briefen, Dokumenten und Fotos. Darunter auch ein Foto seiner Mutter, die bis zu ihrem Tode 1975 zurückgezogen in ihrer Wohnung in der Bonner Straße 8 lebte.

Meine Eltern und ich waren vom Laubenheimer Platz in die Kreuznacher Straße gezogen. Die von Reben bewachse­nen Fassaden waren sonnenverwöhnt, den ganzen Som­mer über summten die Wespen. Gegenüber erstreckten sich die Schrebergärten bis zum Breitenbachplatz.

Im Parterre unseres Hauses wohnte eine ältere Dame. Es war die Schauspielerin Lina Lassen. Sie trat bereits in Stummfilmen auf, spielte mit Zarah Leander und Gustaf Gründgens und wirkte in einem der letzten Filme des „Dritten Reiches” unter der Regie von Wolfgang Liebeneiner mit. Ganz oben im Haus sah man ab und zu vom Balkon einen stattlichen Mann mit gebräuntem Oberkörper und Hornbrille herunterschauen, es war der Schriftsteller Os­wald Richter-Tersik, der Unterhaltungsromane wie „Tänze­rin der Liebe” und „Lady Hamilton” verfaßt hatte.

Mein Zimmer ging zum Hof hinaus, der war ziemlich dunkel. Aber wir Kinder rannten dort gern herum, sehr zum Verdruß des Hausmeisters, einer korpulenten Respektsperson. Wir verpaßten ihm den Spitznamen Fiegenklotz und machten uns einen Spaß daraus, vom Hof gejagt zu werden. Sonst malten wir mit Kreide auf dem Asphalt der Straßen am Laubenheimer Platz weitläufige Grundrisse unserer Fantasie­häuser. Kein einziges Kraftfahrzeug war zu sehen, das unser Treiben hätte beeinträchtigen können.

Meine erste Schule war die ehemalige Gartenarbeitsschule in der Dillenburger Straße. Dorthin hatte ich einen recht weiten Weg, der über den Breitenbachplatz führte. Ich habe noch das friedliche Bild des Platzes vor Augen mit den hohen Pappeln, die den Eingang zur U-Bahn überragten. Später kam ich in die gerade neu erbaute Pavillonschule am Rüdesheimes Platz, die zu einem Aushängeschild für die damals moderne Schulpolitik des Berliner Senats wurde. Zur Eröffnung traten wir im Schulchor auf. Bezirksbürger­meister Dumstrey übergab den Goldenen Schlüssel an die Rektorin, Frau Schnee, eine begnadete Pädagogin.

Der Einser-Bus fuhr über den Südwestkorso in Richtung Moabit. Mit diesem Bus fuhr ich abends als Neunjähriger in die Bismarckstraße ins Schiller-Theater. Mein Vater hatte mich dem Intendanten Boleslaw Barlog vorgestellt, und nachdem ich als „Weberjunge” in Hauptmanns Die Weber zu den Ruhrfestspielen nach Recklinghausen mitfahren durfte, bekam ich eine kleine Rolle im „Hauptmann von Köpenick”. Den spielte der legendäre Werner Krauß. Ich trat in einer Szene als Sohn des Bürgermeisters Obermüller auf, den Martin Held an der Seite von Bertha Drews so glänzend witzig darstellte.

Auch beim Film wirkte ich mit, wo ich den erwähnten Regisseur Wolfgang Liebeneiner kennenlernte. Ich spielte einen Jungen in kurzen Lederhosen. Meine Partnerin war Antje Weißgerber: sie verkörperte eine schöne Frau, die im Rollstuhl saß und unglücklich in einen Mann verliebt war (Hans Söhnker). Der Film hieß Die Stärkere. Meine Mutter trat in Konzerten auf, sie sang als Mezzoso­pranistin z.B. auf der Freilichtbühne Rehberge im Wedding die Saffi im Zigeunerbaron von Johann Strauß. Später hat sie mit ihrer klaren und temperamentvollen Stimme russi­sche Lieder von Glinka und Gurilew vorgetragen.

Einige Schauspieler, die mit meinen Eltern befreundet waren, arbeiteten am Berliner Ensemble im Theater am Schiffbauerdamm. Zu ihnen gehörte Heinz Schubert, der mit seiner Frau llse und zwei kleinen Töchtern auch in der Künstlerkolonie wohnte, in der Laubenheimer Straße 7.

Heinz Schubert wurde von Bertolt Brecht entdeckt und entwickelte sich auf dessen epischer Bühne zu einer markanten Darstellerpersönlichkeit. Die Familien Schu­bert und Rickelt sind im Sommer zusammen nach Holland zum Zelten gefahren und später nach Schweden. Ich habe Heinz Schubert als Jugendlicher bewundert, weil er einer der wenigen Erwachsenen war, die es wagten, mit Blue Jeans herumzulaufen. Das war damals verpönt und blieb den verrufenen Halbstarken vorbehalten. Nach dem Bau der Mauer gingen die Schuberts nach Westdeutschland, und in späteren Jahren wurde Heinz Schubert als Ekel Alfred Tetzlaff zum Liebling der Fern­seh-Zuschauer. In jenen Jahren muß in Westberlin eine allgemeine Aufbruchstimmung geherrscht haben. Auch mein Vater folgte einem Ruf an ein westdeutsches Theater. Daß er gegen Ende seiner Schauspielerlaufbahn die Figur des hinterhältig-fiesen Alt-Nazis Onkel Franz in der „Linden­straße” verkörpern und damit populär werden würde, kann vielleicht als Ironie des Schicksals gesehen werden. Für uns hieß es jedoch, Abschied zu nehmen von Freun­den, von Berlin und von der Künstlerkolonie. Zu unserem Umzugsgepäck gehörte unter anderem ein schwerer schwarzer Schrankkoffer, in welchen Anzüge und Kostü­me eingehängt werden konnten. Den hatte die ältere Dame vom Parterre, Lina Lossen, kurz vor ihrem Tod meinem Vater vermacht. Auf dem blechumrahmten Schild konnten Zielort und Absender angegeben werden. Mit Schreibma­schine getippt stand nun hier zu lesen, Zielort: Badisches Staatstheater Karlruhe – Absender: Berlin-Wilmersdorf, Kreuznacherstraße 38. Als Erinnerung an unseren Weg­gang aus Berlin habe ich diesen Schrankkoffer bis auf den heutigen Tag aufbewahrt. 

© Michael Rickelt, Künstlerkolonie Berlin e.V.

 


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Erinnerung an den Widerstand in Wilmersdorf

Die Künstlerkolonie am Laubenheimer Platz

In der Nähe des Breitenbachplatzes ließ die „Berufsgenossenschaft deutscher Bühnenangehöriger” und der „Schutzverband deutscher Schriftsteller” in den Jahren von 1927-1929 drei Wohnblocks für ihre Mitglieder um den Laubenheimer Platz (heute: Ludwig-Barnay-Platz) errichten.

Im Gegensatz zur Villenkolonie Grunewald lebten hier vor allem notleidende Künstler, denen die Bühnengenossenschaft und der Schutzverband günstigen Wohnraum boten. Nach dem Konzept der „Gartenterrassenstadt” sollte hier gemeinschaftliches Wohnen gefördert werden. Die Gartengestaltung der Innenhöfe kam dieser Idee ebenfalls entgegen.

Unter den Mietern befanden sich viele prominente Künstler und lntellektuelle, die fast alle politisch links eingestellt waren. Viele von ihnen kämpften gerade in der Endphase der Weimarer Republik für eine gemeinsame sozialistische Aktions­front gegen den anwachsenden Nationalsozialismus und überwanden in ihren Reihen den damals erbittert geführten ideologischen Kampf zwischen KPD und SPD.

Zahlreiche Bewohner der Künstlerkolonie waren jüdischer Abstammung und wurden zudem als Linksintellektuelle von den Nazis gleich zu Beginn der Diktatur besonders verfolgt.

Bis zum Frühjahr 1933 lebten etwa 300 Schriftsteller, Journalisten, Maler, Sänger und Schauspieler in den Häusern um den Laubenheimer Platz, unter ihnen Ernst Busch, Erich Weinert, Ernst Bloch, Arthur Koestler, Walter Hasenclever, Alfred Kantorowicz, Manes Sperber, Susanne Leonhard, Johannes R. Becher, Martin Kessel, Steffie Spira-Ruschin und ihr Mann Günther Ruschin, Walter Zadek und viele andere.

Im Zuge der Weltwirtschaftskrise waren Dreiviertel der Bewohner ohne Engagement und arbeitslos.

Axel Eggebrecht (1899-1991), der im gleichen Haus wie Susanne und Wolfgang Leonhard in der Bonner Straße 12 wohnte, schrieb in seinen Erinnerungen:

,,Nun brachten viele Bewohner selbst die niedrigen Mieten nicht mehr auf, wie überall in Berlin drohten Exmittierungen (Ausweisung aus einer Wohnung, Anm. d. V.), wie überall gab es dagegen Protestaufmärsche. Bei uns ähnelten sie eher Volksbelustigungen, hatten fast immer Erfolg. Und dabei zeigte sich schon ein Gemein­schaftsgeist, der in naher Zukunft eine wichtige Rolle spielen sollte.”

Die Mieter solidarisierten sich und forderten eine Mietsenkung, um die zunehmende Entmietung der Künstlerkolonie zu beenden. Sie wählten die Schriftsteller Karl Otten und Sigmund Reis sowie den Schauspieler Rolf Gärtner zu Mieterräten, die die Interessen der Gesamtmieterschaft vertraten.

Zwangsräumungen verhinderten die Bewohner, indem sie in kürzester Zeit die geräumten Möbelstücke von der Straße wieder hinauf in die jeweilige Wohnung trugen. Viel war es meistens ohnehin nicht.

Gustav Regler beschrieb in seiner Biographie „Das Ohr des Malchus” (1958) den Lebensstandard in der Künstlerkolonie so:

,,Es waren billige Wohnungen, und doch bezahlte kaum einer seine Miete; weder die Gehälter noch die sogenannten Einkünfte der freien Berufe reichten aus. In den meisten Behausungen lag nur eine Matratze am Boden. Die Künstler aßen von Seifenkisten, über die sie Zeitungen gebreitet hatten; keiner verhungerte, man half sich gegenseitig und wanderte von Wohnung zu Wohnung, man roch, wo einer Arbeit gehabt hatte und etwas Speck und Käse zu finden war.”


Laubenheimer Platz (heute: Ludwig-Barnay-Platz)

Im Januar 1933 zeigten sich für die solidarische Mietergemeinschaft erste Erfolge.

Den Bewohnern wurde eine Mietsenkung um 8% gewährt. Gleichzeitig erhielten jedoch die drei Mieterräte, die sich in den vergangenen Wochen besonders engagiert hatten, die Kündigung ihrer Wohnungen zum 1. April 1933.

Organisierter Selbstschutz gegen SA-Übergriffe in den Jahren 1931-1933

Neben den Mieterräten bildete sich noch ein anderer Schutzverband zu Beginn der 30er Jahre in der Künstlerkolonie heraus. Die Parterre-Wohnung von Alfred Kantorowicz (1899-1979) in der Kreuznacher Straße 48 wurde ein Treffpunkt kritisch gesinnter Menschen.

Der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller, von seinen Freunden „Kanto” genannt, war erst 1931 in die Kommunistische Partei eingetreten. Mit Gleichgesinnten gründete er die Zelle „Künstlerblock“, deren Zellenwart er war. Gustav Regler übernahm die Funktion des Organisationsleiters.

Da die Nationalsozialisten wußten, daß in der fortan „Roter Block” genannten Kolonie Nazi-Gegner auf engstem Raum zusammenlebten, kam es immer wieder zu Übergriffen der SA.

Axel Eggebrecht beschrieb diese Zeit in seinen Erinnerungen so:

,,SA zog provozierend durch unser Viertel. Spät abends wurden einzelne Heimkehrer am U-Bahnhof Breitenbachplatz angerempelt, … Als die Bedrohung nicht aufhörte, gründeten wir einen Selbstschutz …. Die wenigen, die mit den Nazis liebäugelten, waren geächtet, verkrochen sich oder zogen fort …

Ohne Rücksicht auf politische Unterschiede bildete sich spontan ein fünfköpfiger Ausschuß, der die Organisation des Selbstschutzes vor SA-Übergriffen übernahm.

Alfred Kantorowicz schrieb in seinen Erinnerungen „Deutsches Tagebuch“, daß etwa 400 von den rund 1000 Bewohnern der Künstlerkolonie aktiv am Selbstschutz beteiligt waren:

,,ln den drei Künstlerblocks aber zeigte sich auch nach der Machtübernahme Hitlers am 30. Januar 1933 bis zum Tage des Reichstagsbrandes nicht eine einzige Fahne mit dem Hakenkreuz … Rückten die SA-Stürme an, so waren wir vorbereitet, sie zu empfangen … An Wahltagen prangten die drei Blocks trotzig im Schmuck Hunderter von schwarz-rot-goldenen und roten Fahnen und Transparenten … “

Gelegentlich erhielt der Selbstschutz auch Hilfe von Nazi-Gegnern aus anderen Stadtteilen Berlins. Nach dem Reichstagsbrand vom 27./28. Februar 1933 war Kantorowicz, wie andere KP-Mitglieder, der ersten Verhaftungswelle der Nationalsozialisten ausgesetzt. Bei einem Freund konnte er sich verstecken und setzte von dort aus seine Widerstandstätigkeit einige Wochen lang weiter fort.

,,In einem Keller stand noch ein Vervielfältigungsapparat, und die Genossen zogen den Text eines bereits von mir auf eine Wachsplatte getippten Flugblattes gegen die Nazis ein paar hundertmal darauf ab, und wir steckten die Blätter noch vor Morgengrauen in die Briefschlitze der Bewohner der Künstlerblocks am Laubenheimer Platz oder hefteten sie an Mauern und Bäume, verstreuten sie vor den Ein­gängen der U-Bahn, neben Zeitungsständen, auch in der Nähe größerer Betriebe … “

Kantorowicz berichtet in seinen Erinnerungen ebenfalls davon, daß er mit seinen Genossen im März 1933 Parolen mit Ölfarbe an Hauswände und auf Straßen geschrieben hat:

,,Für Arbeit, Freiheit, Brot – der Künstlerblock bleibt rot!”
oder
„Gegen Krieg und Barbarei – wählt Kommunisten, Liste drei!”

Gemeint waren die Reichstagswahlen zum 5. März.

Kantorowicz mußte als Jude und Kommunist wie viele andere Bewohner der Künstlerkolonie Ende März 1933 die Flucht ins Ausland antreten. Sein erster Wohnort im Exil war Paris, wo er Mitbegründer des „Schutzverbandes deutscher Schriftsteller im Exil” und der „Freiheitsbibliothek” wurde. lm Herbst 1936 kämpfte er als Offizier der Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg. Zurück­gekehrt nach Frankreich kam er1939 in verschiedene Internierungslager, u. a. Les Milles, bis ihm 1941 die Flucht in die Vereinigten Staaten gelang.

Die Bewohner der Künstlerkolonie wußten, daß sie vom NS-Terror zunehmend bedroht waren. Bereits im Februar 1933 war es vereinzelt zu Wohnungsdurchsuchungen gekommen. Axel Eggebrecht berichtet, daß der Selbstschutz zur Verteidigung der Wohnblocks Waffen organisierte und Wachposten aufstellte.

Eggebrecht wurde 1933 verhaftet und kam für kurze Zeit ins KZ. Zwei Jahre erhielt er Schreibverbot. Von 1935 bis 1945 nutzte er die Möglichkeit, an Drehbüchern mitarbeiten zu können.

 

Groß-Razzia und Verhaftungswelle im „Roten Block”

Am 15. März 1933 führten als „Schutzpolizei” getarnte SA-Trupps eine Groß-Razzia in der Künstlerkolonie durch, um den verhaßten „Kulturbolschewisten“ ein Ende zu bereiten. Das „Neuköllner Tageblatt“ vom 16.2.1933 berichtete:

Die Kommandos fuhren auf verschiedenen Wegen nach dem Breitenbach- und Laubenheimer Platz und besetzten von dort aus überraschend die Zugänge zu den verschiedenen Straßen und zu den Häusern in der Kreuznacher, Laubenheimer und Bonner Straße. Polizeiposten mit Karabinern sperrten den gesamten Verkehr und riegelten das Viertel hermetisch ab … Einige Wohnungsinhaber verbarrikadierten sich derartig in ihren Wohnungen, daß die Polizei über Feuerwehrleitern durch die Fenster mit Gewalt eindringen mußte.”


Axel Eggebrecht

Bei den Wohnungsdurchsuchungen kam es zu Diebstählen und sinnlosen Verwüstungen. Belastendes Material wurde beschlagnahmt, Bewohner mißhandelt und 14 Deutsche sowie einige Ausländer verhaftet.

Der Journalist Walter Zadek (geb.1900), der seit 1925 Ressortchef beim „Berliner Tageblatt” und seit 1930 Leiter der bedeutenden Nachrichtenagentur „Zentralredaktion für deutsche Zeitungen” war, berichtet in seinem Buch „Sie flohen vor dem Hakenkreuz” (1981) u.a. von seiner Verhaftung in der Künstlerkolonie:

“ … Ich besaß Arbeitsräume (Laubenheimer Straße 3, seit 1932, Anm. d. V.) in der nahe gelegenen ,Künstlerkolonie’ .

. . . In meiner Wohnung (Bonner Straße 3, seit 1930,Anm. d. V.) hatte, schon seit ich Ressortchef beim Berliner Tageblatt gewesen war alle vierzehn Tage eine Artjour stattgefunden, an dem sich Dichter, Politiker, Musiker usw. gegenseitig an- und aufregten, darunter Maler des Bauhauses, Mitarbeiter der Weltbühne, Schauspieler von Reinhardt u. a …. , am 15. März 1933 werden die Wohnblocks der ,Künstlerkolonie’ von Polizei und SA-Leuten umstellt. Ich werde durch sieben schwerbewaffnete Jungen des ,Kommando zur besonderen Verwendung’ mißhandelt und mit blutendem Gesicht die Treppe hinuntergestoßen.

Halb bewußtlos höre ich: …Wirst du Judenschwein wohl schneller laufen!’ … Un­ ten werde ich auf einen Polizeiwagen hinaufgestoßen …. “

 

Ein Foto (Seite 16) der Verhaftung erschien am 16. März 1933 mit einem entstellenden Bericht in den Nazi-Zeitungen. Walter Zadek wurde zusammen mit Theodor Balk, Manes Sperber, Curt Trepte, Günther Ruschin und anderen verhaftet. Wie die meisten der Verhafteten kam er zunächst in das Polizeigefängnis am Alexanderplatz und danach für etwa vier Wochen in Gefängnishaft nach Spandau. Durch einen Zufall wurde er entlassen und konnte die Flucht ins Exil über Holland nach Belgien antreten, die ihn schließlich im Dezember 1933 nach Palästina führte.

Der Romancier und Essayist Manes Sperber (1905-1984) hatte Anfang 1933 seine Wohnung in der Paulsborner Straße 3 aufgegeben und sich bei einem Bekannten in der Künstlerkolonie am Laubenheimer Platz 5 einquartiert. Sperber, der seit 1927 in Berlin war und in dieser Zeit in die KPD eingetreten war, verbrachte seit dem Reichstagsbrand die Nächte meistens nicht mehr in seiner Wohnung, sondern bei politisch nicht gefährdeten Freunden. Mit seinen Genossen verbreitete er noch in den Märztagen 1933 Nachrichten über den Naziterror um Bedrohte zu warnen und die verbrecherische Skrupellosigkeit der Nazis zu enthüllen. Aufgefordert durch seinen Bekannten Jensen, versteckte Sperber in seinem Quartier in der Künstlerkolonie zwei Armeepistolen und mehrere Revolver in drei Bettcouches. Die Munition verteilte er unter einigen Genossen.

Durch einen Zufall verbrachte Manes Sperber ausgerechnet die Nacht zum 15. März 1933 in dieser Wohnung. Während der Razzia wurde er verhaftet und in „Schutzhaft” genommen. Die Waffen blieben unentdeckt. Im April 1933 erhielt er seine Entlassung und konnte als österreichischer Staatsbürger über Jugoslawien nach Paris emigrieren. 1937 trat er aus der kommunistischen Partei aus. Bedeutende Werke Sperbers sind u. a. die Romantrilogie „Wie eine Träne im Ozean” (1949-53) und „Erinnerungen” (1974-77). 1983 erhielt er den Friedenspreis des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.

Einzelschicksale in der Künstlerkolonie und die Flucht ins Exil

Susanne Leonhard wohnte ab 1931 im gleichen Haus wie Axel Eggebrecht, zusammen mit ihrem zehnjährigen Sohn Wolfgang (geb.1921), der Mitglied der Jungen Pioniere war und die von dem Reformpädagogen Fritz Karsen (SPD) geleitete Karl-Marx-Schule in Neukölln besuchte. (Siehe die Neukölln-Darstellung dieser Schriftenreihe). ‘- Susanne Leonhard war früh in die Kommunistische Partei eingetreten und vor­übergehend mit einem Sowjetdiplomaten verheiratet. 1925 erfolgte ihr Austritt aus der Partei, sie blieb aber weiterhin eine) überzeugte Revolutionärin in der Tradition Rosa Luxemburgs.

Bis zu ihrer Emigration arbeitete sie als Redakteurin für die Parteizeitung „Rote Fahne“. 1933 ging sie mit ihrem Sohn Wolfgang ins Exil nach Schweden und 1935 in die UdSSR. Im sowjetischen Exil wurde Susanne Leonhard verhaftet. Wolfgang Leonhard machte sich nach dem Krieg als politischer Schriftsteller in der Bundesrepublik vor allem durch sein autobiographisches Buch „Die Revolution entläßt ihre Kinder” (1955) einen Namen.

Die Schauspielerin und Schriftstellerin Hedda Zinner (geb. 1907) lebte seit 1929 mit ihrem Mann Fritz Erpenbeck (1897-1975), Schriftsteller und Regisseur, in der Künstlerkolonie im Barnayweg 3 (heute: Steinrückweg). Nach ihrem Eintritt in die KPD arbeitete sie als Korrespondentin für die „Rote Fahne“. Ihre Begeisterung für die KPD war typisch für viele Intellektuelle zu Beginn der 30er Jahre. Im Bewußtsein der drohenden Gefahr durch den Nationalsozialismus und enttäuscht von der aus ihrer Sicht schwachen SPD sahen viele in der KPD die einzig ernstzunehmende politische Kraft. Erst die Erlebnisse im Exil, z. B. Berichte über Schauprozesse und Terrormaßnahmen Stalins, vor allem die „großen Säuberungen” in den Jahren 1935-38, denen viele Unschuldige zum Opfer fielen, führten bei vielen KP­ Mitgliedern zu einem Sinneswandel.

Zahlreiche Bewohner der Künstlerkolonie haben ihre desillusionierenden Erfahrungen mit der Kommunistischen Partei beschrieben, die meist zum Austritt und zu entschiedener Gegnerschaft gegen jede Form von Totalitarismus führten, so bei Axel Eggebrecht, Alfred Kantorowicz, Wolfgang Leonhard, Manes Sperber, Ernst Bloch, Arthur Koestler, … um nur einige zu nennen.


Hedda Zinner

Hedda Zinner gehörte nicht zu diesen scharfen Kritikern jeder rotalitären Ideologie. Sie emigrierte 1933 mit ihrem Mann nach Prag und 1935 nach Moskau. Nach dem Kriegsende kehrten beide nach Berlin (Ost) zurück. Hedda Zinner wurde 1959 Vizepräsidentin der „Gesellschaft für kulturelle Verbindungen mit dem Ausland“. In den siebziger Jahren beschrieb sie in ihrem autobiographischen Roma „Fini” die Aktivitäten der Antifaschistin Fini Freising von Anfang 1932 an im „Roten Block“.

Ebenfalls ins Exil flüchten mußte das Schauspielerehepaar Steffie Spira-Ruschin (geb.1908) und Günther Ruschin. Sie wohnten in einer kleinen Wohnung in der Bonner Straße 9. Steffie Spira wurde 1928 zur „Vertrauensfrau” der Bühnengenossenschaft gewählt und ging kurze Zeit darauf an die Volksbühne unter Erwin Piscator. Sie wirkte an der Uraufführung von Bertolt Brechts Stück „Mann ist Mann” unter der Regie von Erich Engels mit. Der mit Brecht befreundete Regisseur wohnte auch in der Künstlerkolonie in der Kreuznacher Straße.

1931 trat Steffie Spira-Ruschin in die KPD ein. Gemeinsam mit ihrem Mann schloß sie sich der politischen Theatergruppe „Truppe 1931” an, die der Regisseur Gustav von Wangenheim leitete. Wie von Wangenheim lebten noch weitere Mitglieder der „Truppe 1931” in der Künstlerkolonie, so die Schauspieler Hans Meyer-Hanno (S. 25 ff.) und Curt Trepte.

Von Wangenheim schrieb unter Mitwirkung des ganzen Theaterkollektivs Stücke, so „ Die Mausefalle“, „Da liegt der Hund begraben” und zuletzt „Wer ist der Dümmste ?”, das 1933 von den Nazis verboten wurde, da mit dem „Dümmsten” im Stück Adolf Hitler gemeint war.

Die „Truppe 1931” hatte großen Erfolg, spielte monatelang im „Kleinen Theater” Unter den Linden und ging auf Tournee bis in die Schweiz.

Die politische Theaterarbeit der Gruppe fand mit Hitlers Regierungsantritt ein jähes Ende. Während der Razzia am 15. März 1933 durchsuchten SA-Leute auch die Wohnung der Ruschins. Steffie Spira wurde zum nächsten Polizeirevier gebracht, kurze Zeit später aber wieder freigelassen. Sie trat sogleich ihre Flucht in die Schweiz an. Ihren Mann, Günther Ruschin, hatten SA-Männer zum Polizeigefängnis am Alexanderplatz mitgenommen. Später kam er nach Moabit in Einzelhaft. Mitte Mai 1933 wurde er dort überraschend mangels Beweisen freigelassen. Er packte sofort seine Koffer und folgte seiner Frau nach Zürich. Später erfuhr er, daß zwei Stunden nach seiner Abreise SA erschienen war, um ihn in Schutzhaft zu überführen.

Von der Schweiz ging das Ehepaar Ruschin zu Fuß nach Frankreich. In Paris brachte Steffie Spira 1939 ihren Sohn zur Welt. Es ging der Familie damals ziemlich schlecht, zumal sie kaum Französisch sprachen. Dennoch spielte Steffie Spira weiter Theater, bis sie Ende 1939 für zwei Jahre in ein Internierungslager gebracht wurde, während man ihr ihr neugeborenes Kind wegnahm, ,,evakuierte”.

Mit großem Glück entging sie 1941 dem drohenden Abtransport nach Auschwitz, fand kurze Zeit darauf auch ihren Sohn und Mann wieder. Zu dritt traten sie im November 1941 von Marseille aus die Seereise ins Exil nach Mexiko an, wo sie mit Anna Seghers (S. 166) und Egon Erwin Kisch (S. 166) Freundschaft schlossen. 1947 kehrte die Familie Ruschin nach Berlin (Ost) zurück, wo Steffie Spira in die SED eintrat. Obwohl sie bis heute überzeugte Marxistin geblieben ist, forderte die populäre Schauspielerin bei der großen Demonstration am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz mutig und entschieden die damalige DDR-Führung auf abzutreten.

Die Schriftstellerin Dinah Nelken (1900-1989) bekam durch die Vermittlung einer Freundin eine Wohnung in der Künstlerkolonie. Sie fühlte sich von der Gegend sehr angezogen, da dort lauter interessante Menschen lebten.

Unter dem Pseudonym Bernhardine Schneider schrieb sie einen Roman mit autobiographischen Zügen, ,,Eineinhalb-Zimmer-Wohnung“, der die Künstlerkolonie als lokalen Hintergrund verrät und noch im Jahr 1933 erschien.

Großes Aufsehen erweckte sie jedoch mit einem „literarischen Nebenprodukt”, dem kleinen Roman „Ich an Dich, Roman in Briefen für Liebende und solche, die es werden wollen.“, den sie zusammen mit ihrem Bruder Rolf Gera im ersten Jahr ihrer Emigration 1937 in Wien fertigstellte.

Dinah Nelken, die aus ihrer geschiedenen Ehe einen Sohn zu versorgen hatte, schloß sich dem Kommunisten Heinrich Ohlenmacher an, den sie später heiratete. Nach dem 30. Januar 1933 beteiligte sie sich an illegalen Aktionen gegen die Nazis. Auch als ihr Lebensgefährte verhaftet und in das KZ Esterwegen verschleppt wurde, blieb sie im Widerstand aktiv. Ihr Bruder Rolf Gera verließ Deutschland bereits 1933. Erst als 1936 Heinrich Ohlenmacher aus der KZ-Haft freikam, folgte Dinah Nelken mit ihrem Sohn und dem Lebensgefährten dem Bruder ins Wiener Exil.

Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Österreich gelang es ihnen, nach Jugoslawien zu entkommen und sich auf der Insel Korcula zu verstecken.

Inzwischen wurde das völlig unpolitische Buch der Emigrantin mit jüdischem Namen „Ich an Dich” 1939 unter dem Titel „Eine Frau wie du” mit Brigitte Horney und Joachim Gottschalk (S. 134 f.) in den Hauptrollen verfilmt.


Dinah Nelken

1941, als deutsche und italienische Truppen Jugoslawien besetzten, unterstützten Dinah Nelken, Rolf Gera und Heinrich Ohlenmacher die Partisanen auf der Insel Korcula durch Nachrichtenschmuggel und Lebensmittelversorgung.

Als der Druck der Besatzer zu stark wurde, wich Dinah Nelken mit ihrem Bruder und dem Mann 1943 nach Italien aus. In Rom lebten sie während der deutschen Besatzung sieben Monate illegal und in ständiger Angst entdeckt zu werden. 1950 kehrte sie mit ihrem Mann nach West-Berlin zurück.

Eine herausragende Künstlerpersönlichkeit, die in der Künstlerkolonie lebte, war der Lyriker und Dramatiker Walter Hasenclever (1890-1940). Mit seinem Drama „Der Sohn” (1914) über den Vater-Sohn-Konflikt wurde er zur Identifikationsfigur für die rebellierende Jugend und zum Repräsentanten der expressionistischen Bewegung. Aufgrund seiner Fronterfahrungen im 1. Weltkrieg entwickelte er sich zu einem radikalen Pazifisten (Foto S. 21).

Von 1930-1933 lebte Hasenclever am Laubenheimer Platz 3. Zu Beginn der Diktatur setzten die Nazis seinen Namen auf die Liste der ausgebürgerten Intellektuellen. Sie nannten ihn einen „Asphalt-Literaten” und verboten und verbrannten seine Bücher. Sein Weg ins Exil führte ihn über Frankreich, Jugoslawien und Lon­on nach Italien. Wieder in Südfrankreich, wurde er zu Beginn des 2. Weltkrieg verhaftet. Er kam in das Lager „Les Milles“. Aus Angst vor den anrückenden deutschen Truppen setzte er 1940 mit einer Überdosis Veronal seinem Leben ein Ende.

Von 1931-1933 lebte in der Bonner Straße der Schriftsteller und Journalist Arthur Koestler (geb.1905): Als zionistischer Siedler war er 1926 nach Palästina gegangen und arbeitete drei Jahre lang als Auslandskorrespondent im Nahen Osten.

1930 wurde er Redakteur beim Ullstein-Verlag. 1931 nahm er an der Polarexpedition mit dem „Graf Zeppelin” teil.

Dieses Jahr ließ ihn aber auch politisch Stellung beziehen:

,,Nach der Septermberwahl des Jahres 1930 hatte ich miterlebt, wie der liberale Mittelstand seine Uberzeugungen verriet und alle seine Grundsätze über Bord warf.Aktiver Widerstand gegen die braune Flut schien _somit nur möglich, indem man sich entweder den Sozialdemokraten oder den Kommunisten anschloß. Ein Vergleich der Vergan­genheit dieser beiden, ihrer Energie und Entschlossenheit, schloß die ersteren aus und begünstigte die letzteren”. Arthur Koestler trat 1931 in die KPD ein und verlor daraufhin seine Stellung beim Ullstein-Verlag.

,,Nach dem Verlust meiner Stellung war ich frei von allen bürgerlichen Fesseln … Ich gab meine Wohnung in dem teuren Bezirk Neu-Westend auf und zog in eine Wohnung am Bonner-Platz (gemeint ist die Bonner Straße. Anm. d. V.); das Haus wurde der ,Rote Block’ genannt, da die meisten Mieter, meistens mittellose Schriftsteller und Künstler, für ihre radikalen politischen Ansichten bekannt waren. Dort trat ich der kommunistischen Straßenzelle bei und durfte endlich das richtige Leben eines regulären Parteimitglieds führen … Unsere Zelle hatte ungefähr zwanzig Mitglieder … Wir hatten mehrere Literaten unter uns, zum Beispiel Alfred Kantorowicz und Max Schroeder, den Psychologen Wilhelm Reich … einige Schauspieler des Avantgardtheaters, Die Mausefalle’ … “

 


Ernst Bloch                                                                   Arthur Koestler

1933 flüchtete auch Arthur Koestler ins Exil. Zuerst nach Paris, dann in die Schweiz. 1936 nahm er als Korrespondent am Spanischen Bürgerkrieg teil. Aufgrund sei­ner inzwischen gemachten Erfahrungen mit dem Kommunismus trat er 1937 aus der Partei wieder aus. Die spanischen Faschisten verurteilten Koestler zum Tode und hielten ihn vier Monate lang in Einzelhaft gefangen. Er hatte Glück, wurde ausgetauscht und 1940 in Frankreich interniert. Er erkaufte sich die Freiheit mit dem Eintritt in die französische Armee. Er lebt seit 1942 in London. Mit seinen Freunden, Bertrand Russel und George Orwell, wandte er sich immer wieder vehement gegen jede totalitäre Ideologie.

Sein Roman „Sonnenfinsternis” (1940) und seine politische Aufsatzsammlung „Der Yogi und der Kommissar” (1945) tragen auto­biographische Züge und sind Belege für seine persönlichen Erfahrungen und Auseinandersetzungen mit dem Stalinismus.

Der Schriftsteller und Lyriker Martin Kessel (1901-1990) zog 1928/29 in die Kreuznacher Straße 48, wo er bis 1945 lebte. Nach dem 30. Januar 1933 wurde seine Wohnung zweimal durchsucht, er selbst blieb unbehelligt. Der zeitkritische Moralist schrieb über die Bewohner der Künstlerkolonie 1965 den grotesk-ironischen Roman „Lydia Faude“. Er erhielt den Berliner Kunstpreis (1961) und das Große Bundesverdienstkreuz.

In der Kreuznacher Straße 52 lebte einer der bedeutendsten modernen, deutschen Philosophen, Ernst Bloch (1885-1977). Von Marx und älteren Sozialutopien ausgehend, entwickelte er in den 20er Jahren „utopische Entwürfe einer sozialistischen Zukunft”, die sich später zu einem theologischen Weltprinzip wandelten. 1933 flohen Ernst Bloch und seine Frau Karola vor den Nationalsozialisten ins Exil. Nach den Stationen Wien, Paris und Prag lebten sie von 1938 bis 1949 in den USA. Bloch schrieb im Exil sein Hauptwerk „Das Prinzip Hoffnung“, für das er in den Vereinigten Staaten keinen Verleger fand. 1939 wurde es zum ersten Mal in Mexiko in spanischer Übersetzung herausgegeben. Ohne weitere Aussicht auf Veröffentlichung setzte Bloch seine Arbeit in den Exiljahren im Verborgenen fort. 1937 schrieb er über die Situation in Deutschland:

“Möge man leise reden, es ist ein Sterbender im Zimmer. Die sterbende deutsche Kultur, sie hat im Innern Deutschlands nicht einmal Katakomben zur Verfügung. Nur noch Schreckenskammern, worin sie dem Gespött des Pöbels preisgegeben werden soll; ein Konzentrationslager mit Publikumsbesuch. Das wird toll und immer toller. Was tut nur ein ehrlicher, ein begabter Mensch in diesem Land. Sein einfaches Dasein ist ihm gefährlich, er muß es verstecken. Jede Art von Begabung ist ihrem Träger lebensgefährlich, außer der des Duckens. Unverhüllt wird Künstlern, die es sind, Kastrierung oder Zuchthaus angedroht; das ist kein Scherz, es gibt keinen Scherz aus sol­chem Munde. Man hat gelernt, das Lächerliche ernst zu nehmen”.
(Ernst Bloch, Gauklerfest unter dem Galgen)

Ernst Bloch kehrte 1949 nach Deutschland zurück und wurde zunächst Professor in Leipzig. Da er aber mit der Staatsdoktrin der DDR der 50er Jahre nicht überein­stimmte, erhielt er 1957 die Zwangsemeritierung. 1961 siedelte er in die Bundesrepublik über und bekam eine Professur an der Universität Tübingen.

Der spätere Minister für Kultur in der DDR (1954), Johannes R. Becher (1891- 1958), wohnte bis zu Hitlers Machtantritt in der Künstlerkolonie in der Laubenheimer Straße 2. Der expressionistische Lyriker, Dichter und Publizist hatte Philosophie und Medizin studiert und kam über die USPD (1917) und den Spartakusbund (1918) zur KPD. 1928 wurde er Vorsitzender des „Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller” und zum Mitbegründer der Zeitschrift „Die Linkskurve“. 1925/26 war er in einem Prozeß wegen „Vorbereitung zum Hochverrat” angeklagt.

Sechs Jahre später, 1932, arbeitete er als Feuilleton-Redakteur der „Roten Fahne“. Der Kommunisten-Verfolgung durch die Nationalsozialisten entging er mit seiner Flucht ins Exil 1933. 1934 wurde Johannes R. Becher ausgebürgert. Sein Emigrantenweg führte ihn über Österreich, die Tschechoslowakei, die Schweiz und Frankreich 1935 in die Sowjetunion. Dort wurde er Chefredakteur der Zeitschrift „Internationale Literatur-Deutsche Blätter“. Nach dem Kriegsende kehrte Johannes R. Becher nach Berlin (Ost) zurück. Neben anderen Zeitschriften begründete er 1949 die bedeutendste Literatur-Zeitschrift derDDR „Sinn und Form“. Außerdem war er Präsident des „Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands” in Ost-Berlin und seit 1954 Minister für Kultur. In seiner Rolle als Repräsentant des SED-Regimes blieb er bis heute umstritten.

In der Kreuznacher Straße 34 lebte der Schauspieler, Schriftsteller und Graphiker Erich Weinert (1890-1953). Er trat 1923 im Berliner Kabarett „KüKa” auf und galt als populärer Rezitator, der mit dem Vortrag von Gedichten Massen begeistern konnte. Seit 1924 schrieb er für zahlreiche linksgerichtete Blätter, so die „Weltbühne”, ,,Simplizissimus”, ,,Lachen Links” und den „Eulenspiegel“. Er war in einem Prozeß wegen Gotteslästerung angeklagt und erhielt Redeverbot. 1933 führte ihn der Weg ins Exil über die Schweiz nach Paris, ins Saargebiet, das damals noch dem Völkerbund unterstand, und 1935 nach Moskau. Er nahm 1937/38 am Spanischen Bürgerkrieg teil. Zu Beginn des 2. Weltkriegs wurde er in Südfrankreich interniert. Er erhielt politisches Asyl in der Sowjetunion, wo er von 1943-1945 Präsi­dent des „Nationalkomitees Freies Deutschland” (NKFD) war. 1946 kehrte er nach Berlin (Ost) zurück und wurde Vizepräsident der Zentralverwaltung für Volksbildung in der DDR.

Er schrieb engagierte Lyrik und Prosa gegen Militarismus, Nationalsozialismus und Faschismus, so z. B. ,,Der Tod fürs Vaterland” (Szenen, 1942) und „Erziehung vor Stalingrad” (Fronttagebuch, 1943) (Foto S. 24).


Erich Weinert

Ernst Bloch

Der Sänger und Schauspieler Ernst Busch (1900-1980) kam 1927 nach Berlin. Er spielte unter Erwin Piscator und lernte auf der Bühne Hans Eisler kennen. Aus der Begegnung entwickelte sich eine lebenslange Zusammenarbeit und Freundschaft. Eislers Kompositionen und Buschs gesangliche Interpretationen wurden zu einem Symbol der Arbeitermusikbewegung. Gleich zu Beginn der 30er Jahre zog Ernst Busch mit seiner Frau Eva in die Bonner Straße 11. Aufgrund seiner politischen Lieder (,,Roter Wedding“) erhielt er den Spitznamen „Barrikaden-Tauber“. Eine Hausdurchsuchung Anfang März 1933 in der Künstlerkolonie verschlief Ernst Busch unbeschadet in seiner Wohnung. Die SA glaubte nicht daran, daß der Künstler sich noch in Berlin aufhalten könnte.

Er flüchtete ins Exil über Holland, Belgien, Zürich, Paris und nach Wien, schließlich in die Sowjetunion. Wie viele Gleichgesinnte ging Busch 1937 nach Sanien und schloß sich den Internationalen Brigaden an. Nach Francos Sieg kehrte Busch nach Belgien zurück. Als die deutsche Wehrmacht im Mai 1940 in Belgien und den Niederlanden einmarschierte, wurde Ernst Busch zusammen mit vielen anderen deutschen Emigranten interniert, 1943 nach einem Fluchtversuch an der Schweizer Grenze verhaftet und der Gestapo ausgeliefert.

Die Anklage gegen ihn in Berlin lautete „Vorbereitung zum Hochverrat”, und er sollte zum Tode verurteilt werden. Durch die Fürsprache des Schauspielers und Intendanten Gustaf Gründgens – den Klaus Mann (S. 167) in seinem Roman „Mephisto” (1936) als Opportunisten und Mitläufer der NS-Zeit darstellte – erhielt Busch jedoch „nur” eine vierjährige Zuchthausstrafe.

Im April 1945 befreite ihn die sowjetische Armee aus dem Zuchthaus Brandenburg. 1951 zog er nach Ost-Berlin und arbeitete unter Bertolt Brechts Regie im Berliner Ensemble. Er war einer der beliebtesten Schauspieler und Sänger in der DDR, blieb aber für den SED-Staat ein politisch unabhängiger und unbequemer Mann.

Zugehörigkeit von Bewohnern der Künstlerkolonie zu
kommunistischen Widerstandskreisen nach 1939

Obwohl die Nationalsozialisten gleich zu Beginn ihrer Diktatur alle bekannten Künstler und Intellektuellen aus der Künstlerkolonie vertrieben, konnten sie den Widerstand nie ganz unterdrücken.

In der Wohnung von Alexander Graf Stenbock-Fermor (1902-1972) am Laubenheimer Platz 5 wurde im Herbst 1940 die Widerstandsgruppe „Revolutionäre Arbeiter und Soldaten” (RAS) gegründet.

Stenbock-Fermor hatte 1922/23 als Bergarbeiter im Ruhrgebiet gearbeitet und sich vom Konservativen zum Marxisten gewandelt. Seit 1929 lebte er als freier Schriftsteller in Berlin und kam nach 1933 mehrmals in „Schutzhaft”. Er erhielt Berufsverbot und seine Ausbürgerung.

Stenbock-Fermor brachte in seiner Wohnung den ehemaligen Freikorpsführer Josef (Beppo) Römer (1892-1944) und den Kommunisten Willy Sachse (1896- 1944) zusammen. In seiner Autobiographie „Der Rote Graf” (1973) schrieb er :

„In unserer Wohnung am Laubenheimer Platz 5 trafen sich Römer und Sachse zum ersten Mal. Diese gegensätzlichen Naturen spürten bald ihre Zusammengehörigkeit. Nach einer langen politischen Diskussion fand man die gemeinsame Plattform. Das Ergebnis war eine Widerstandsgruppe, die sich später RAS nannte, ,Revolutionäre Arbeiter und Soldaten’. Uns war klar, daß die Gruppe kleln gehalten werden mußte. Aufnahme nur von Freunden, denen man absolut vertrauen durfte. Beim Verfassen von illegalen Flugschriften mußten die Autoren der Texte streng von den technischen Herstellern und Verbreitern getrennt werden”.

Beppo Römer näherte sich in seiner politischen Einstellung in den späten zwanziger Jahren der KPD und gab die Zeitschrift „Aufbruch” heraus, um die sich ein Kreis von Linksintellektuellen sammelte. Insgesamt verbrachte Römer von 1933- 1939 mehrere Jahre in Untersuchungs- und KZ-Haft, u. a. im berüchtigten Columbiahaus. Römer stand in Kontakt zu Nikolaus von Halem, der wiederum Verbindung zu Adam von Trott zu Salz, Justus Delbrück und Karl Ludwig Freiherr von und zu Guttenberg hielt.

Der Schriftsteller Willy Sachse gehörte zu einer kommunistischen Widerstandsgruppe im Berliner Norden. Die illegalen Schriften der Gruppe RAS wurden auf dem Gelände des Segelclubs ,,Wiking” in Tegel hergestellt. Weitere Mitglieder der Gruppe waren der Schauspieler Hans Meyer-Hanno mit seiner Frau lrene, der Arbeiter Fritz Riedel und Alja Blomberg.

Stenbock-Fermor schrieb dazu in seinen Erinnerungen: ,,

Wir trafen uns abwechselnd bei mir, in der Wohnung von Alja Blomberg am Südwestkorso und oft bei Meyer-Hanno am Laubenheimer Platz 2. Hans Mayer-Hanno und seine Frau lrene wurden die eifrigsten Mitarbeiter. Wir verfaßten Texte für antifaschistische Flugblätter und Flugschriften”.


Alexander Graf Stenbock-Femor

Josef Römer

Ab Ostern 1941 wurde die Wohnung von Josef (Beppo) Römer in der Mansfelder Straße 23 bei Hildegard Goetz, seiner späteren Frau, der überwiegende Treffpunkt der Gruppe. Die wichtigste illegale Flugschrift war der „Informationsdienst“, eine anspruchsvolle Untergrundzeitschrift, die Römer herausgab.

Verschickt wurden die Schriften von verschiedenen Postämtern aus an Adressen in Deutschland und im Ausland, ja sogar an die Front unter Feldpostnummern. Der „Informationsdienst” erschien 1941 fast jeden Monat. Die Zielsetzung der Autoren war, der Kriegsvorbereitung gegen die Sowjetunion militärisch-politische Argumente entgegenzusetzen.

Im Herbst 1941 stellte der Widerstandskreis um Römer Verbindung zu Robert Uhrig her, der um 1940 als Kopf des kommunistischen Widerstands in Berlin galt. Uhrig konnte über Römer seine Verbindung nach München und schließlich bis Tirol ausdehnen.

Anfang 1942 deckte die Gestapo den Römer-Kreis auf. Josef Römer, Willy Sachse und Fritz Riedel wurden zum Tode verurteilt und im Spätsommer 1944 hingerichtet.

Hans Meyer-Hanno, der der Verhaftungswelle entgangen war, schloß sich der Widerstandsorganisation um Anton Saefkow und Franz Jacob an, die eine der größten illegalen Gruppen mit den weitreichendsten Verbindungen war.

Da Meyer-Hanno als Schauspieler zu bekannt war, blieb er in der Widerstands­ arbeit mehr im Hintergrund; so durfte er bei größeren Zusammenkünften nicht anwesend sein.

Als die Gestapo Ende Juli 1944 die Saefkow-Gruppe auflöste, wurde er verhaftet und zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Es war eine verhältnismäßig geringe Strafe, da Meyer-Hanno nur zum „äußeren Ring” der Gruppe gehörte und sich auf Nichtwissen berufen konnte. Seine Verurteilung lautete: wegen „Nichtanzeigens eines hochverräterischen Unternehmens”.

Über das Ende seines Freundes Hans Meyer-Hanno schrieb Alexander Graf Stenbock-Fermor:

,,Im Zuchthaus Bautzen erhielt er eine leichte Tatigkeit im Büro. Ende April 1945 wurden die Häftlinge plötzlich mobilisiert, in eine Luftabwehrkaserne in der Nähe geführt, militärisch notdürftig eingekleidet und bewaffnet … Hans Meyer-Hanno versuchte, über die Mauer zu klettern, schrie: ,Ich schieße auf keinen Menschen!’ Das waren seine letzten Worte, er fiel unter den Kugeln der SS. Seine Frau lrene konnte, wie durch ein Wunder, Verschleppung und Vergasung entgehen “.

Alexander Graf Stenbock-Fermor war 1945/46 Oberbürgermeister von Neustrelitz und lebte seit 1947 als Film- und Fernsehautor in Berlin (West).

HIife für Verfolgte

Helene Jacobs (Bonner Straße 2) und Dr. Franz Kaufmann (Hobrechtstraße 3)

Helene Jacobs (1906-1993) zog 1934 in eine Wohnung in der Bonner Straße 2. Etwa zur gleichen Zeit trat sie in die Bekennende Kirche ein. Sie nahm regelmäßig an den Veranstaltungen der Dahlemer Gemeinde teil und traf dort Pfarrer Niemöller sowie Pastor Gollwitzer. (Siehe die Steglitz/Zehlendorf-Darstellung dieser Schriftenreihe.)

Helene Jacobs erinnert sich 1986 in einem Gespräch mit H.-R. Sandvoß:

„Als ich 1934 auf Wohnungssuche war, kam ich auch in die ehemalige, rote Künstlerkolonie’. Viele der früheren Mieter waren bereits emigriert oder hatten, da sie kein Engagement erhielten, das Quartier wechseln müssen. Und trotzdem: Es roch hier mehr nach Menschlichkeit – irgendwie habe ich es gespürt! Ich wußte zu diesem Zeitpunkt nicht, daß meine Chance, eine Wohnung zu erhalten, damit zusammenhing, daß andere Menschen ,rausgeekelt’ worden waren.

Noch wohnten auch Schauspieler hier, zum Beispiel Joachim Gottschalk, wie ich hörte. In der Umgebung der Siedlung existierten damals noch Schrebergärten. In den Wohnungen gab es Heizung und warmes Wasser. Zudem befand sich alles in ruhiger Lage, und die Mieten waren nicht allzu hoch. Dies alles sprach mich an. Daß ein Koestler oder Weinert hier gewohnt hatten, war mir beim Einzug unbekannt – und es lag scheinbar weit zurück.

Natürlich wohnten auch Nazis hier, zum Beispiel im Nebenhaus jemand, der für den ,Völkischen Beobachter’ schrieb. Aber sie waren augenscheinlich nicht so bösartig, sondern ,nur’ auf ihren Vorteil aus, wie etwa die Erhaltung des Arbeitsplatzes. Man hat gespürt, daß viele Bewohner keine Nazis waren. Man merkte es auch an der Art, wie sie sich bewegten: es wurde nicht mit ,Heil Hitler’ gegrüßt! Andererseits bestand aber auch keine riesige Verbundenheit (oder gar Hilfsbereitschaft für Verfolgte) unter der Mieterschaft, und vor dem Luftschutzwart, Frau Dr. Günther, mußte man sich schon in acht nehmen!”.

Beruflich war Helene Jacobs bei einem jüdischen Patentanwalt, Dr. Barschall, tätig. Er konnte bis 1938 praktizieren, mußte sich jedoch nach dem Judenpogrom verstecken. Zeitweise nahm Helene Jacobs ihn in ihrer Wohnung auf. Monatelang bereitete sie die Ausreise von Dr. Barschall und seiner Familie vor. Sie fuhr nach Amsterdam, um einen Teil des dortigen Vermögens der Familie vor dem Zugriff der Gestapo zu retten. Sie fuhr nach England, um dort einen Zwischenaufenthalt für die Familie zu organisieren, bevor sie die Einreisegenehmigung in die Vereinigten Staaten erhielten. Im Juli 1939 emigrierte die Familie Barschall schließlich über Holland nach England und später nach Amerika.

In der Friedenauer Gemeinde „Zum guten Hirten” lernte Helene Jacobs die Schriftstellerin Etta von Oertzen kennen. Mit ihr zusammen gelang es, einige Juden vor der Deportation zu bewahren, indem ausländische Diplomaten die Bedrohten in ihren Haushalten vorübergehend als Bedienstete anstellten.


Helene Jacobs (1938)

Als 1940 in Stettin die ersten Juden deportiert wurden, bildete sich in der Dahlemer Gemeinde eine Gruppe von Frauen, die eine Paketaktion nach Polen organisierte. Große, wertvolle Pakete mit Lebensmitteln und Kleidung kamen zusammen und wurden von den Frauen verschickt. Frau Jacobs stellte für viele Pakete ihren Namen und ihre Anschrift als Absender zu Verfügung. So kam es, daß sie 1941 ihre erste Vorladung von der Gestapo erhielt. Die Paketaktion mußte daraufhin eingestellt werden.

In einer von Pastor Gollwitzer gegründeten Arbeitsgemeinschaft über Karl Barths Theologie lernte Helene Jacobs 1940 (1886-1944) kennen. Der Jurist war getaufter Jude und lebte in einer sogenannten „privilegierten Mischehe”, die ihn zunächst vor Verfolgung schützte. Franz Kaufmann war Oberregierungsrat am Rechnungshof gewesen, bis er 1936 als „Jude” zwangspensioniert wurde. Kaufmann, der in Halensee in der Hobrechtstraße 3 wohnte, war aktives Mitglied der Dahlemer BK, nahm aber auch Anteil an der Arbeit der Halenseer Bekenntnisgemeinde. Er wollte nicht nur über Gottes Wort reden, sondern auch danach handeln. Ein Schlüsselerlebnis für ihn wurde, als er von der Deportation eines ihm bekannten Ehepaares erfuhr.

Die Tochter hatte ihm erzählt, wie ein „korrekt wirkender Beamter” die Eltern aus der Wohnung abgeholt hat. Hinter diesem banal scheinenden Vorgang erblickte Kaufmann die ganze Tragik des Geschehens: ,,Und wir”, fragte er „sind auch wir imstande, dies alles geschehen zu lassen, diesem gehorsamen Staatsbürger … und unseresgleichen ein ruhiges Gewissen zu lassen, als wenn nichts geschehen wäre?”


Franz Kaufmann

Innerhalb der Arbeitsgemeinschaft machte er als erster den riskanten Vorschlag, Juden zu verstecken. Er stieß dabei vor allem auf Zustimmung einer Gruppe couragierter Frauen.

Dies waren, neben Helene Jacobs, Hildegard Schaeder, Hildegard Jacoby und Gertrud Staewen, eine Freundin Karl Barths.

Helene Jacobs in der Bonner Straße 2 konnten die Untergetauchten zeitweise bleiben. Frau Jacobs kaufte für sie im Metzgerladen Schröder in der Eisenacher Straße ein, denn Herr Schröder versorgte heimlich jüdische Familien mit zusätzlichen Fleischrationen.

Da die Spenden von Lebensmittelkarten im Kreis um Dr. Franz Kaufmann nicht ausreichten, mußten sie illegal besorgt und gefälscht werden. Aber auch Postausweise, Führerscheine, Werkausweise, Kennkarten und Pässe wurden im Auftrag Dr. Kaufmanns teilweise auf dem Schwarzmarkt besorgt. Die Fälscherarbeit leistete ein jüdischer Graphiker mit dem Decknamen Günther Rogoff. Während des Jahres 1942 zeichnete er auf den Ausweisdokumenten und ausgewechselten Bildern den Stempel täuschend ähnlich nach. Als Rogoff Ende 1942 selbst steckbrieflich in Berlin gesucht wurde, nahm Helene Jacobs ihn für etwa acht Monate illegal in ihrer Wohnung auf. Er setzte dort seine Fälscherarbeit fort. Frau Jacobs übermittelte ihm die zu verändernden Ausweise und Bilder und brachte die „neuen” Ausweise den Verfolgten, die sich damit tagsüber bei Kontrollen ausweisen konnten.

Aufgrund einer anonymen Denunziation flog die Gruppe im Sommer 1943 auf. Die Gestapo verhaftete im August Dr. Franz Kaufmann und hielt ihn über sechs Monate im KZ Sachsenhausen gefangen, wo er nach qualvollen Verhören und schweren Mißhandlungen am 17. Februar 1944 ohne Gerichtsverfahren erschossen wurde. Er hat die Namen seiner Helfer nicht preisgegeben.

Insgesamt wurden etwa 50 Personen verhaftet. Hildegard Schaeder kam bis zur Befreiung 1945 ins KZ Ravensbrück. Gertrud Staewen konnte sich ihrer Verhaftung rechtzeitig entziehen. Helene Jacobs wurde am 17.August 1943 verhaftet, als sie Dr. Franz Kaufmann am U-Bahnhof Breitenbachplatz treffen wollte. Es gelang ihr, die Gestapo durch ein Täuschungsmanöver so lange von ihrer Wohnung fernzuhalten, bis der dort illegal sich aufhaltende Günther Rogoff geflohen war.

Das Berliner Sondergericht 111 verhängte im Januar 1944 gegen Frau Jacobs und Hildegard Jacoby sowie zehn weitere Angeklagte Zuchthaus- und Gefängnisstrafen. Frau Jacobs erhielt 2½ Jahre Zuchthaus und Hildegard Jacoby 1 ½ Jahre Gefängnis. In der Haft erkrankte Frau Jacoby schwer an Angina pectoris. Sie wurde am 2. Juni 1944 vorzeitig aus der Haft entlassen und starb noch am selben Tag. (Helene Jacobs erhielt die Buber-Rosenzweig-Medaille der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit.)

 

Josi von Koskull: Eine Oppositionelle im Umfeld der Künstlerkolonie

Die Bibliothekarin und Schriftstellerin Josi Baronesse von Koskull (geb. 1897) wohnt in der Wetzlarer Straße 13 und kannte seit ihrer Vertreibung aus dem Baltikum zu Beginn des ersten Weltkrieges Alexander Graf Stenbock-Fermor (S. 25 f.). Da das Vermögen ihrer Familie beschlagnahmt worden war, mußte Frau von Koskull ihren Lebensunterhalt selber verdienen. Von 1924-1939 arbeitete sie beim „Berliner Börsenkurier” in der Handelsredaktion. 1939 wurde sie zur Briefzensur eingezogen, da sie viele Sprachen, u. a. Russisch und Französisch fließend von Kindheit an sprechen konnte.

Als Frau von Koskull 1931 in die Nähe der Künstlerkolonie zog, traf sie dort zufällig ihren Landsmann Alexander Graf Stenbock-Fermor wieder.

,,Wir sind unabhängig voneinander hierher gezogen. Er war Kommunist. Ich hatte auch sehr linke Ansichten, weil die Rechten eben die Nazis waren. Da wich man gerne aus”. (Josi von Koskull am 30.Juli 1990)

Weiter erinnert sich Frau von Koskull an die Atmosphäre, die von der Künstlerkolonie ausstrahlte:

,,Am Rüdesheimer Platz gab es ein Lokal, wo sich die Künstler gerne trafen. Die Stühle standen draußen im Sommer, es war preiswert und gut, da lernte man sich kennen“.

1941 traf Frau von Koskull Beppo Römer bei Alexander Stenbock-Fermor. Sie wußte von Stenbock-Fermors Untergrundarbeit.

Darüber hinaus war Frau von Koskull mit dem Architekten Dr.-lng. Erich Gloeden und dessen Frau Dr.jur. Lieselotte Gloeden befreundet. Das Ehepaar lebte in der Kastanienallee 23 in Charlottenburg und half, obwohl selbst als „Mischlinge 1.Grades” eingestuft, verfolgten Juden. Sie beschafften falsche Ausweispapiere und halfen beim „Untertauchen”.

Vom 29. Juli bis zum 3. September 1944 hielt sich in der Wohnung der Gloedens General Fritz Lindemann versteckt. Lindemann gehörte seit 1943 zum Verschwörerkreis um Henning von Tresckow und Stauffenberg. Nach dem 20.Juli 1944 beschloß er unterzutauchen. Bald darauf wurde er steckbrieflich gesucht und eine Belohnung von 500 000 RM auf seine Ergreifung ausgesetzt. In dieser Zeit gab Frau von Koskull in der Wohnung der Gloedens dem untergetauchten General Russisch-Unterricht, da Lindemann beabsichtigte, an der Ostfront überzulaufen und mit dem Nationalkomitee Freies Deutschland zusammenzuarbeiten. Frau von Koskull gelang es Ende August 1944 in der Briefzensur einen Hilferuf in russischer Sprache an die sowjetische Botschafterin in Schweden, Alekxandra Kollontai, zur Weitervermittlung an General Seydlitz in Moskau zu schmuggeln. Lindemann und seine Helfer wurden wenige Tage später denunziert.

Am Nachmittag des 3.September 1944 war Frau von Koskull in der Kastanienallee 23. Sie erinnert sich:

„Ich war bei Gloedens, meinen langjährigen Freunden, als die Gestapo uns alle verhaftete. Lindemann wollte aus dem Fenster springen. Man schoß auf ihn, er blutete sehr stark, starb (später) im Krankenhaus. Die Gloedens und ich kamen zum Verhör in die Prinz-Albrecht-Straße. Dann in das Gefängnis am Alexanderplatz. Ich hatte drei lange Verhöre zu überstehen, log mich frei, behauptete, L. nur als „Herrn Exner” zu kennen. Man ließ mich laufen. Beide Gloedens … wurden mit dem Beil hingerichtet im Dezember 1944″.

Obwohl Frau von Koskull sehr wohl um die Identität Lindemanns wußte und Lebensmittelmarken für ihn besorgt hatte, war sie offenbar in der Auslandsbriefprüfstelle zum einen unabkömmlich, zum anderen lagen keine eindeutigen Beweise gegen sie vor. Insofern kam sie als einzige der Beteiligten mit dem Leben davon.

mit freundlicher Genehmigung durch

© Felicitas Bothe von Richthofen

Aus Band 7 der Schriftenreihe über den Widerstand in Berlin von 1933 bis 1945


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Osterspaziergang 2019

Wir laden ein zum

Osterspaziergang 2019

 

vom Breitenbachplatz zum Rüdesheimer Platz

Bildvergrößerung: 187. Kiezspaziergang am 08.07.2017 Kartenskizze
Bild: BA-CW, ML
 

Treffpunkt: Nördlicher Ausgang des U-Bahnhofs Breitenbachplatz auf der Mittelinsel vor dem Lateinamerika-Institut

Herzlich willkommen zu unserem Osterspaziergang 2019 ! Die Künstlerkolonie wird dieses Jahr 91 Jahre alt und zahlreiche darstellende Künstler und Künstlerinnen, Schriftsteller und Schriftstellerinnen haben hier gewohnt. 

 

Station 1: Breitenbachplatz

Bildvergrößerung: Start des Kiezspaziergangs am Breitenbachplatz
Bild: BA-CW, ML
Start des Kiezspaziergangs am Breitenbachplatz
 

Station 1: Breitenbachplatz / Herkunft des Namens
Wir stehen hier am nördlichen Ende des Breitenbachplatzes, der hauptsächlich zu Dahlem gehört. Von 1892 bis 1913 hieß er Rastatter Platz, nach der badischen Stadt Rastatt. Seinen heutigen Namen erhielt der Platz anlässlich der Eröffnung der U-Bahn-Linie nach Dahlem am 26.August 1913. Namensgeber war der – bei der Eröffnung anwesende – preußische Minister der öffentlichen Arbeiten Paul Justin von Breitenbach. Er hatte wesentlichen Anteil am Bau dieser Linie, die die Grundstückspreise bei der Verwertung der Königlichen Domäne Dahlem erheblich steigerte.

In den 70er-Jahren wurde der Platz durch die Betonrampe für die Stadtautobahn leider grundlegend geändert.

Bildvergrößerung: Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin
Bild: BA-CW, ML
Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin
 

Station 2: Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin / Ehemaliges Reichsknappschaftshaus

Der Backsteinbau vor uns wurde als Reichsknappschaftshaus 1930 im Auftrag der Reichsknappschaft in Berlin von Max Taut und Franz Hoffmann gebaut. 

Das Gebäude ist in Stahlskelettbauweise errichtet und hat eine mit Siegersdorfer Keramikplatten verkleidete Fassade. Das Skelett wurde mit Eisenklinkern ausgefacht und aus stereometrischen Baukörperteilen im Drei-Meter-Raster errichtet. Diese Bauweise war zu damaliger Zeit neu. Der Mittelteil des Gebäudes mit offener Vorhalle, Haupttreppe und großem Sitzungssaal treten als besondere Einheit aus dem übrigen Baukörper hervor. Die Rückfront bildet ein halbrundes verglastes Treppenhaus mit freischwingender Treppe.

Im Zweiten Weltkrieg erlitt das Gebäude Schäden, die 1950 beseitigt wurden. Der große Sitzungssaal konnte dabei jedoch nicht mehr mit seinen ursprünglichen Verkleidungen aus Eichenholz in Bronzerahmen ausgestattet werden.

Bis 1970 befand sich die Filiale für wissenschaftliche, soziale und künstlerische Berufe des Arbeitsamts in dem Baukomplex, danach kurzzeitig das Musikarchiv der Deutschen Bibliothek. Seit den 70er-Jahren befindet sich in dem denkmalgeschützten Haus das Lateinamerika-Institut (LAI) der Freien Universität Berlin.

 

Station 2: Steinrückweg 7

Station 2.1: Gustav-Rickelt-Weg / Herkunft des Namens

Der Gustav-Rickelt-Weg ist nach dem Präsidenten der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger benannt, der maßgeblich an der Planung der Künstlerkolonie Wilmersdorf beteiligt war. Er wurde 1862 in Dortmund geboren und starb 1946 in Oberbayern. Rickelt war Schauspieler und Regisseur. In Berlin arbeitete er am Thaliatheater, Residenztheater, Schiller- und dem Lessingtheater.

Rickelts Fach waren Charakterfiguren, patriarchalische Väter und Würdenträger ebenso wie humorig-kauzige Typen.

Mehr als mit seiner Schauspieltätigkeit hat sich Gustav Rickelt einen Namen als engagierter Verfechter für die Rechte der Schauspieler gemacht. Als langjähriger Präsident der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger kämpfte Rickelt für die soziale Absicherung ebenso wie für eine angemessene tarifliche Entlohnung der Schauspieler. Außerdem förderte er in dieser Funktion die Gründung der Künstlerkolonie Wilmersdorf. Ziel war es, für Künstler*innen und Schriftsteller*innen preiswerten und komfortablen Wohnraum zur Verfügung zu stellen.

Station 2.1: Steinrückweg / Herkunft des Namens

Der 1872 geborene Albert Steinrück begann als Maler, ehe er seine Berufung im Theater und Stummfilm fand. 1906 ging er zu Max Reinhardts Ensemble an das Deutsche Theater. Von 1908 bis 1920 war er am Hof- und Nationaltheater in München, wo er auch Regie führte und am Ende Schauspieldirektor war. Dabei spielte er unter anderem den Woyzeck in der Uraufführung des gleichnamigen Dramas von Georg Büchner am 8. November 1913. In den 1920er Jahren war er wieder an verschiedenen Bühnen in Berlin beschäftigt. Ab 1919 war Albert Steinrück auch beim Film tätig. 1929 sollte er in der Volksbühne Berlin den sterbenden Leo Tolstoi spielen und starb während der Proben.

Station 2.2: Steinrückweg 7 / Gedenktafel / Eva Kemlein

Am 25. August 2014 wurde für Eva Kemlein an ihrem ehemaligen Wohnhaus eine Gedenktafel angebracht. Darauf steht:

In diesem Haus lebte von 1952 bis zu ihrem Tode
EVA KEMLEIN
4. 8. 1909 – 8. 8. 2004
Fotografin

Die Fotojournalistin erhielt 1933 als Jüdin Berufsverbot. Als Zwangsarbeiterin entzog sie sich 1942 der Deportation durch ein Leben im Versteck und war im Widerstand gegen den Nationalsozialismus aktiv. Ab 1945 dokumentierte sie mit ihrer Kamera den Wiederaufbau Berlins und das Kulturleben in Ost und West Ihrer Leidenschaft, der Theaterfotografie, ging sie bis zuletzt nach

Eva Kemlein wurde 1909 als Eva Graupe in Charlottenburg geboren und starb 2004 in Berlin. Sie war eine wichtige Berliner Fotografin und Fotojournalistin.

Eva Kemlein war Tochter jüdischer Eltern. 1933 ging sie mit ihrem Mann nach Griechenland ins Exil. Sie lebten dort von ihren fotografischen Arbeiten. Herbert Kemlein schrieb dazu als Journalist Artikel für deutsche Zeitungen. Nach der Einführung der Nürnberger Rassegesetze erhielt Eva Kemlein Berufsverbot, und auch ihr Ehemann hatte auf Grund der Mischehe Probleme, seine Artikel bei deutschen Zeitungen abzusetzen. Eva Kemleins Vater schickte ihnen Geld, damit sie in Griechenland überleben konnten.

1937 wurde das Ehepaar dann völlig überraschend aus Griechenland ausgewiesen, und sie kehrten nach Berlin zurück. Herbert Kemlein ließ sich von seiner jüdischen Frau scheiden, um wieder arbeiten zu können, das hat Eva Kemlein ihrem Mann nie verziehen.

In dieser Zeit lernte Eva Kemlein den Schauspieler Werner Stein kennen. Kemlein als Jüdin und Werner Stein als politisch links stehender Schauspieler gingen in den Untergrund. Eva Kemlein machte bereits während des Krieges Aufnahmen z. B. im Siemenswerk, wo sie unentdeckt eine Arbeitsstelle am Fließband hatte. Beide überlebten den Krieg.

Im Mai 1945 zog sie mit ihrem Mann in den Steinrückweg 7. Kemlein und Stein beteiligten sich aktiv beim Aufbau eines neuen Kulturlebens im Ostteil der Stadt. Eva Kemlein dokumentierte in Tausenden von Bildern das Leben in der Trümmerstadt. Ihre ersten Bilder erschienen bereits Ende Mai 1945 in der neu gegründeten Berliner Zeitung. Die Anerkennung als „rassisch Verfolgte“ wurde ihr von West-Berliner Senat mit der Begründung verweigert: „Ihrem Antrag auf Anerkennung als rassisch Verfolgte konnte nicht entsprochen werden, da Sie als Bildreporterin für einen sowjetdeutschen Verlag im sowjetischen Sektor tätig sind.“

Durch ihren Mann und Ernst Busch, der auch hier wohnte, begann sie in Theatern zu fotografieren: So fotografierte 1945 die Aufräumarbeiten in den Ruinen des Deutschen Theaters durch das Ensemble oder den Aufbau des Berliner Ensembles, aber sie dokumentierte auch alle Inszenierungen Bertolt Brechts und machte sehr persönliche Fotos von u.a. Hanns Eisler und Ernst Busch. In den 1970er Jahren entstanden dann auch Aufnahmen am Schillertheater, Schlossparktheater und an der Schaubühne von Inszenierungen von Peter Stein. Sie fotografierte auch das Leben hier in der Künstlerkolonie.

Über 300.000 Negative verkaufte sie 1993 an das Berliner Stadtmuseum – darunter die Fotos vom Nachkriegsberlin sowie Fotos aus über 50 Jahren Berliner Theatergeschichte. Weitere Fotos und viele historische Bücher und anderes Material gab sie an das Archiv der Künstlerkolonie Berlin.

Wir gehen jetzt wieder zurück in die Kreuznacher Straße und treffen uns gleich vor der Hausnummer 52.

Station 3: Kreuznacher Straße 52

Station 3.1: Kreuznacher Straße / Herkunft des Namens
Die Kreuznacher Straße ist nach dem Kurort Bad Kreuznach an der Nahe benannt.

Station 3.2: Kreuznacher Straße 52 / Gedenktafel / Ernst Bloch

Hier lebte von 1931 bis 1933
ERNST BLOCH
8. 7. 1885 – 4. 8. 1977

Philosoph, begann hier sein Werk “Erbschaft dieser Zeit”. Seit 1933 im Exil, zuletzt in den USA, schrieb dort “Das Prinzip Hoffnung”. Seit 1949 Professor in Leipzig, wurde dort 1957  zwangsemerittiert. Seit 1961 Professor in Tübingen.

Ernst Bloch gehört zu den wichtigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Sein Werk Das Prinzip Hoffnung wurde und wird immer noch weltweit rezipiert. Nach dem Scheitern der Sozialutopien im real existierenden Sozialismus setzte er sich mit dem Begriff Utopie und seiner Gültigkeit auch in unserer heutigen Zeit auseinander. Utopie ist für ihn kein konkreter Ort, sondern eher das menschliche Entwicklungspotenzial zu einem besseren Menschen und einer besseren Gesellschaft, auch christliches Gedankengut fließt in Blochs Theorien ein.

Station 3.3: Kreuznacher Straße 52 / Gedenktafel / Peter Huchel

Hier lebte von 1931 – 1933
PETER HUCHEL
3. 4. 1903 – 30. 4. 1981
Lyriker, Hörspielautor

Vertreter einer sozial und politisch geprägten Lyrik. 1949 bis zum erzwungenen Rücktritt 1962
Chefredakteur der Literaturzeitschrift “Sinn und Form”. Nach neun Jahren Isolation und Überwachung 1971 Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland.

Hier ein Gedicht von Peter Huchel:

Die See schreibt
in der Schrift der Algen
die letzte Seite des Logbuchs
auf salzige Felsen −
verleugne die Heimkehr,
sei unterwegs
auf Meeren mit stürzendem Himmelsstrich,
wo jeder Name verlorengeht.

DIE STERNENREUSE
Daß du noch schwebst, uralter Mond?
Als jung noch deine Scheibe schwebte,
hab ich an einem Fluß gewohnt,
wo nur das Wasser mit mir lebte.
Das Wasser schwoll, es war Gesang,
ich schöpfte und mein Atem lauschte,
wie es um Steine tönend sprang
und schäumend schoß und niederrauschte.

Zwei Felsen, wie betäubt von Ruß
und steil und schmal wie eine Schleuse,
umstanden damals noch den Fluß.
Im Wasser hing die Sternenreuse.
Ich hob die Reuse aus dem Spalt,
es flimmerten kristallne Räume,
es schwamm der Algen grüner Wald,
ich fischte Gold und flößte Träume.

O Schlucht der Welt, des Wassers Schwall
kam wie Gesang: war es mein Leben?
Damals sah ich im dunkeln All
ganz nah die Sternenreuse schweben.

Der Dichter Peter Huchel wurde 1903 in Lichterfelde geboren und starb 1981 in Staufen bei Freiburg im Breisgau. Er ließ sich 1931 in der Künstlerkolonie nieder, war aber schon vorher mit Ernst Bloch, Alfred Kantorowicz und Fritz Sternberg befreundet, bei letzteren wohnte er auch zeitweise. Seine frühe Lyrik war stark von der märkischen Landschaft geprägt.

1931 veröffentlichte er die Prosastudie Im Jahre 1930 über einen NS-Mitläufer aus dem Kleinbürgertum. Von 1934 bis 1940 war er Hörspielautor, dabei deutete sich bereits seine Fähigkeit an, Politisches in versteckten Zitaten zu verschlüsseln.

Ab 1945 arbeitete er beim Rundfunk der DDR. 1949 wurde er Chefredakteur der Zeitschrift Sinn und Form, die auch heute noch von der inzwischen vereinigten Akademie der Künste herausgegeben wird. Anfang der 50er-Jahre wurde Huchel wegen seiner systemübergreifenden künstlerischen Konzeption für Sinn und Form angegriffen. Auf Druck von offizieller Seite wurde Huchel 1953 zur Kündigung seines Redaktionspostens genötigt, was nur durch die Intervention Bertolt Brechts verhindert werden konnte. Als sich nach Brechts Tod 1956 die Angriffe auf Huchel wieder verschärften und seine Arbeit bei Sinn und Form in immer größerem Ausmaß behindert wurde, sah er sich 1962 endgültig zum Rücktritt gezwungen.

1963 erhielt er den Fontane-Preis für den im selben Jahr im bundesdeutschen Fischer Verlag erschienenen Lyrikband Chausseen, Chausseen. Da er sich weigerte, diesen West-Berliner Preis abzulehnen, durfte er in der Folgezeit in der DDR weder publizieren noch reisen. Ab 1968 wurde auch die an ihn gerichtete Post konfisziert. Erst nach Interventionen der West-Berliner Akademie der Künste, der Präsidenten des Internationalen PEN-Zentrums und Heinrich Bölls wurde Huchel 1971 die Ausreise aus der DDR genehmigt.

Station 4: Kreuznacher Straße 48

Bildvergrößerung: Gedenktafel für Alfred Kantorowicz
Bild: BA-CW, ML
Gedenktafel für Alfred Kantorowicz
 

Station 4.1: Kreuznacher Straße 48 / Gedenktafel / Alfred Kantorowicz

In diesem Haus der ehemaligen Künstlerkolonie
lebte von 1931 bis 1933

ALFRED KANTOROWICZ
12. 8. 1899 – 27. 3. 1979

Literaturwissenschaftler und Schriftsteller, emigrierte 1933 über Frankreich in die USA. Mitbegründer der Exilorganisation “Schutzverband Deutscher Schriftsteller”, seit 1946 in Berlin (Ost), 1947 bis 1949 Herausgeber der Zeitschrift “Ost und West”, seit 1957 in der Bundesrepublik Deutschland.

Alfred Kantorowicz wurde 1899 in Berlin geboren und starb 1979 in Hamburg. Er war Jurist und Schriftsteller. Auch Kantorowicz war mit Ernst Bloch befreundet. Kantorowicz war vor 1933 Redakteur der Vossischen Zeitung, engagierte sich publizistisch gegen den aufkommenden Nationalsozialismus, trat 1931 in die KPD ein und musste 1933 vor den Nazis nach Frankreich flüchten. Er kämpfte weiter gegen den Nationalsozialismus und veröffentlichte Beiträge in zahllosen Zeitschriften. Zum ersten Jahrestag der Bücherverbrennung in Deutschland 1933, am 10. Mai 1934, gründete Kantorowicz in Paris eine „Bibliothek der verbrannten Bücher“ (Deutsche Freiheitsbibliothek), die von Alfred Kerr und Egon Erwin Kisch eröffnet wurde. Was in Deutschland verboten und verbrannt war, wurde in aller Welt gesammelt, bereits am Eröffnungstag zählte die Freiheitsbibliothek über 11.000 Bände. Sie wurde nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Paris zerstört.

Kantorowicz kämpfte auch im Spanischen Bürgerkrieg gegen das Francoregime. 1941 konnte Kantorowicz vor den Nazis in die USA flüchten.1946 kam er nach Deutschland zurück und gründete in Berlin die Zeitschrift Ost und West mit Beiträgen zu kulturellen und politischen Fragen der Zeit, die auf Druck der SED nach drei Jahren eingestellt wurde. Später wurde er Professor für neue deutsche Literatur an der Humboldt-Universität Berlin. Hier machte er sich einen Namen als Forscher der Exilliteratur. 1957 flüchtete er vor der drohenden Verhaftung nach Westdeutschland.

Die Zeit in der Künstlerkolonie nannte er später:

„ein ehrenhaftes Kapitel des Widerstandes freier, unabhängiger Geister gegen gewalttätige Diktatur – mit zweifach tragischem Ausgang: nach 1933 und nach 1945“.

Station 4.2: Stolpersteine für Erna Jezower und Ignaz Sebastian Jezower

 

HIER WOHNTE
ERNA JEZOWER
GEB. MÜNCHENBERG
JG.1888
DEPORTIERT 13.1. 1942
ERMORDET IN
RIGA

HIER WOHNTE
IGNAZ SEBASTIAN
JEZOWER
JG.1878
DEPORTIERT 13.1. 1942
ERMORDET IN
RIGA

Erna und Ignaz Sebastian Jezower lebten zusammen mit ihrer Tochter Veronika von 1931 bis 1939 in der Künstlerkolonie.

Station 5: Ludwig-Barnay-Platz

Station 5.1: Bonner Straße 2 / Gedenktafel / Helene Jacobs

In diesem Hause lebte von 1935 bis zu ihrem Tode die Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus

HELENE JACOBS
25. 02. 1906 – 13. 08. 1993

Sie versteckte in ihrer Wohnung untergetauchte Juden und verhalf ihnen zur Flucht. Sie wurde von der Nazi-Justiz zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt.

Helene Jacobs ist uns bei unserem Kiezspaziergang im März schon einmal begegnet. Sie war von Oktober 1942 bis April 1945 im Frauengefängnis in der Kantstraße 79. Von Haus war sie Bankangestellte.

Gegenüber in der Bonner Straße 12 von Helene Jacobs ehemaligem Haus hängt eine Gedenktafel für Axel Eggebrecht.

Station 5.2: Bonner Straße 12 / Axel Eggebrecht

Hier lebte von 1931 – 1933

AXEL EGGEBRECHT
10. 1. 1899 – 11. 7. 1981

Schriftsteller und Journalist

In den 20er Jahren Mitarbeiter der “Weltbühne” und der “Literarischen Welt” Wegen seines radikaldemokratischen Engagements wurde er 1933 für einige Monate im KZ Hainwalde inhaftiert 1945 Mitbegründer des Nordwestdeutschen Rundfunks in Hamburg Kommentator und Hörspielautor des NDR

Eggebrecht arbeitete ab 1925 als Filmdramaturg und Regieassistent bei der UFA, bei Siegfried Jacobsohns Weltbühne und als Filmkritiker beim Berliner Tageblatt, außerdem schrieb Eggebrecht als freier Schriftsteller in der Literarischen Welt. 1933 war Eggebrecht für einige Monate im Konzentrationslager Hainewalde inhaftiert. Unter Decknamen schlug er sich nach seiner Freilassung in der Filmbranche als Drehbuchautor, Assistent und Kritiker durch. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, im Juni 1945, holten britische Besatzungsoffiziere Eggebrecht ins Funkhaus des vormaligen Reichssenders Hamburg. So gehörte Eggebrecht zu den Mitbegründern des im September 1945 ins Leben gerufenen Nordwestdeutschen Rundfunks (NWDR) und war dort Abteilungsleiter. Als Journalist zählte Axel Eggebrecht zu den Pionieren des Radio-Features. Mit Peter von Zahn gründete Axel Eggebrecht 1946 die Nordwestdeutschen Hefte, deren Mitherausgeber er bis 1948 war. 1963 bis 1965 berichtete er über den Auschwitz-Prozess in Frankfurt am Main. Eggebrecht wurde 1965 Mitglied des PEN-Clubs Deutschland und war von 1972 an dessen Vizepräsident. Er schrieb Gedichte, Romane, Hörspiele, Filme und Essays.

Und am Haus daneben hängt die Gedenktafel für Ernst Busch.

Station 5.3: Bonner Straße 11 / Ernst Busch

Hier lebte von 1931 bis 1933
und von 1945 – 1946
ERNST BUSCH
22. 1. 1900 – 8. 6. 1980

Schauspieler und Regisseur, Sänger politischer Lieder: “Barrikaden-Tauber” Emigrierte 1933. Von 1943 bis 1945 in Gestapo-Haft. Seit 1950 Mitglied des “Berliner Ensemble”.

Ernst Busch wurde 1900 in Kiel geboren und starb 1980 in Berlin. Ab 1920 nahm Busch Schauspiel- und Gesangsunterricht und begann seine Karriere 1921 am Stadttheater Kiel. 1927 zog er nach Berlin, wo er an der Piscator-Bühne engagiert war und ab 1929 in der Künstlerkolonie wohnte. Ab 1928 trat er in Berlin an der Volksbühne, dem Theater der Arbeiter und der Piscator-Bühne in Stücken von Friedrich Wolf, Bertolt Brecht und Ernst Toller auf. In der Verfilmung der Dreigroschenoper von Georg Wilhelm Pabst spielte er den Moritatensänger und sang das bekannte Mackie-Messer-Lied.

Nach der Machtergreifung der NSDAP floh Busch über Holland, Belgien, die Schweiz, Österreich in die Sowjetunion, wo er für Radio Moskau arbeitete. 1937 reiste Busch nach Spanien, trat als Sänger bei den Internationalen Brigaden auf, gab Liederbücher heraus, nahm Schallplatten auf und hatte Radioauftritte. 1940 wurde er verhaftet und bis 1942 im südfranzösischen Gurs interniert. Bei seiner Flucht in die Schweiz wurde er erneut verhaftet und der Gestapo in Berlin ausgeliefert. Einem Todesurteil entkam er wegen einer schweren Kopfverletzung während der Luftangriffe im November 1943. Stattdessen wurde er zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt.

Nach dem Krieg wohnte er wieder in der Künstlerkolonie, zog aber 1949 nach Ostberlin. Als Schauspieler trat er am Berliner Ensemble, dem Deutschen Theater und der Volksbühne auf.

Busch wurde auch als Interpret der Lieder von Hanns Eisler und internationaler Arbeiterlieder bekannt. Von 1963 bis 1975 spielte er in der Schallplattenreihe Aurora der Deutschen Akademie der Künste etwa 200 seiner Lieder ein. Er war Mitglied der Akademie der Künste.

Station 5.4: Ludwig-Barnay-Platz / Herkunft des Namens

Ludwig Barnay, der eigentlich Ludwig Weiß hieß, wurde 1842 in Budapest geboren und starb 1924 in Hannover. Barnay begann seine Schauspielkarriere mit 18 Jahren und ging kurze Zeit später ans Burgtheater nach Wien. Er setzte sich sehr für die Interessen der Schauspieler ein und gründete 1871 die Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger, die auch die Künstlerkolonie mitgegründet hat. Barnay war an zahlreichen deutschsprachigen Bühnen engagiert und leitete auch mehrere Theater.

Bildvergrößerung: Herr Naumann und Herr Schütze neben dem Mahnmal für die politisch verfolgten der Künstlerkolonie
Bild: BA-CW, ML
Mahnmal für die politisch verfolgten der Künstlerkolonie

Station 5.5: Künstlerkolonie Wilmersdorf

1926 wurde das Areal zwischen der Laubenheimer Strasse und dem Breitenbachplatz von der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger und dem Schutzverband Deutscher Schriftsteller erworben. Ziel war es für die Mitglieder bezahlbaren und – im Gegensatz zu den Mietskasernen – angenehmen Wohnraum zu schaffen. Künstler*innen, Schriftsteller*innen und Schauspieler*innen haben im Regelfall ja kein festes Einkommen und viele unter ihnen verdienen auch nicht so viel. Im Volksmund hieß die Künstlerkolonie deshalb auch Hungerburg.

Die Siedlung wurde von den Architekten Ernst und Günther Paulus entworfen. Sie orientierten sich an dem Konzept der “Rheinischen Siedlung”, die vor dem Ersten Weltkrieg in den Jahren 1911-15 um den Rüdesheimer Platz erbaut worden war. Es sollte eine “Gartenterrassenstadt” entstehen, die gemeinschaftliches Wohnen und Zusammenleben – auch durch die Anlage der Innenhöfe – fördern sollte. Am 30. April 1927 erfolgte die Grundsteinlegung durch den damaligen Präsidenten der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger Gustav Rickelt.

In der Planung von 1929 war noch ein vierter Block zum Breitenbachplatz hin vorgesehen, der einen Lesesaal als Kommunikationszentrum hätte erhalten sollen. Das Naziregime, dem die ganze Siedlung überhaupt suspekt war, hatte aber eine weitere Bebauung untersagt.

Der Publizist Axel Eggebrecht schrieb in seinen Erinnerungen Der halbe Weg – Zwischenbilanz einer Epoche von 1981:

Mir gelang es, eine sehr billige Wohnung in der Bonner Straße nahe dem Breitenbachplatz zugeteilt zu bekommen, in der ‘Künstlerkolonie’. Das war kein Worpswede, keine romantische Siedlung. Bühnengenossenschaft und Schriftstellerverband hatten für ihre Mitglieder drei ganz normale Häuseblocks gebaut, gerade noch rechtzeitig vor der Krise. Nun brachten viele Bewohner selbst die niedrigen Mieten nicht mehr auf, wie überall in Berlin drohten Exmittierungen, wie überall gab es dagegen Protestaufmärsche. Bei uns ähnelten sie eher Volksbelustigungen, hatten immer Erfolg. Und dabei zeigte sich schon ein Gemeinschaftsgeist, der in naher Zukunft eine wichtige Rolle spielen sollte.

Die Weltwirtschaftskrise führte gerade unter den Künstlern zu großer Arbeitslosigkeit; etwa 75 % der Bewohner waren zu dieser Zeit ohne Einkommen. Viele Bewohner konnten die Miete nicht mehr aufbringen, und die Wohnungsbaugesellschaft GEHAG strengte Zwangsräumungen an, die jedoch meist am solidarischen Widerstand in der Künstlerkolonie scheiterten. Um die Interessen der Mieter zu vertreten und Mietminderungen zu erreichen, wählten die Bewohner Mieterräte. Im Januar 1933 wurde tatsächlich eine Mietsenkung um acht Prozent erreicht, jedoch erhielten die drei Mieterräte die Kündigung ihrer Wohnungen. Zu diesem Zeitpunkt im Frühjahr 1933 lebten etwa 300 Schriftsteller*innen und Künstler*innen in der Künstlerkolonie.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden viele Bewohner verfolgt und inhaftiert, wenn sie nicht rechtzeitig fliehen konnten, was ja aus den einzelnen bisher vorgetragenen Lebenswegen schon zu hören war. Erst 1952 ging die Künstlerkolonie, die 1933 der Reichskulturkammer zugeordnet wurde, zurück in den Besitz der GEHAG. Nach 1952 errichtete diese zwischen Steinrückweg und Breitenbachplatz auf der ehemaligen Erweiterungsfläche der Künstlerkolonie für einen vierten Wohnblock „moderne“ Neubauten, an denen wir eben vorbeigegangen sind. Diese verfolgten jedoch nicht den ursprünglichen Bauplan und können den Gemeinschaftsgeist der Kolonie architektonisch nicht mehr zum Ausdruck bringen.

Lange Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg blieb das schwere Schicksal der zahlreichen Bewohner der Künstlerkolonie „unsichtbar“. Erst in den 1980er Jahren wurde begonnen, Gedenktafeln an den Häusern anzubringen. 1988 wurde das Mahnmal hier auf dem Ludwig-Barnay-Platz aufgestellt. Es trägt eine Bronzeplatte mit der Inschrift „MAHNMAL, FÜR DIEPOLITISCH VERFOLGTEN DER KÜNSTLERKOLONIE.“

Viele aus der Künstlerkolonie vertriebenen Bewohner*innen kehrten nach dem Krieg zurück. Auch für Künstler der Nachkriegsgeneration besitzt die Künstlerkolonie, heute mehr aus Gründen der Historie als wegen preiswerten Wohnraums, wieder Anziehungskraft.

Im Jahr 1990 wurde die Gartenstadt am Südwestkorso unter Denkmalschutz gestellt. Diese beinhaltet auch die Künstlerkolonie, die etwa 20 % der Fläche ausmacht. Gut vier Jahre später wurde am 31. Dezember 1994 die Künstlerkolonie an die Veba (später Viterra, dann Deutschbau, Deutsche Annington, heute Vonovia) verkauft. Die Interessen der heutigen Mieter vertritt ein Mieterbeirat.

Bei dem Begriff Künstlerkolonie assoziiert man allgemein eine kleine Gemeinschaft von Künstlern, wie z.B. in Ahrenshoop oder anderswo. Unsere Künstlerkolonie hier in Wilmersdorf ist hingegen etwas völlig anderes und international einmalig!

Es handelt sich um diese Wohnanlage hier um den Ludwig-Barnay-Platz, zu welcher Ende der 1920er Jahre 632 Wohnungen und Ateliers fertig gestellt waren und nach dem 2. Weltkrieg, Ende der 50er Jahre, die Neubauten am Zipfel zum Breitenbachplatz hinzu kamen. Insgesamt handelt es damit um knapp 700 Wohnungen, die einst von der Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger (GDBA) und dem Schutzverband Deutscher Schriftsteller mit einer eigens gegründeten Wohnungsgesellschaft für ihre Mitglieder gebaut wurden.

Zu dieser Zeit gibt es eine Besonderheit einzufügen: Aus der Inflation 1923 konnten sich fast alle Immobilieneigentümer zu ihren Hypotheken entschulden, woraufhin seinerzeit im Deutschen Reich eine Sondersteuer zum dringend nötigen Wohnungsbau eingeführt wurde, – die sogenannte Mietzinssteuer auf alle Kaltmieten der Vorkriegsbauten. In Berlin ging das in einen Sicherheitsfonds ein zur Absicherung von Hypothekenkrediten, womit die meisten der heute als Altneubauten bezeichneten Wohnungen Berlins errichtet wurden. Ich erwähne das so gerne, weil ich denke, das wäre vielleicht auch heute eine Möglichkeit der Mietspekulation zu begegnen, wie damals schon erfolgreich.

Wir gehen davon aus, dass damals vermutlich durchschnittlich mindestens 4 Personen in einer Wohnung wohnten. Also in knapp 700 Wohnungen mal durchschnittlich 4 Personen, und bis heute über 4-5 Generationen gerechnet, gehen wir von wahrscheinlich etwa zehntausend Künstlerinnen und Künstlern, die mit ihren Familienangehörigen hier wohnten und vielfach noch immer hier wohnen. Diese Quantität künstlerischer Nachbarschaft blieb weltweit einmalig und sollte nach unserer Ansicht möglichst weitgehend erhalten bleiben.

Das ist durchaus nicht einfach, denn bereits im Januar 1933, unmittelbar nach der sogenannten Machtergreifung der Nazis stürmte die SA mit Unterstützung preußischer Hilfspolizisten hier viele Wohnungen und verhaftete viele Künstler*innen, die ins Konzentrationslager Oranienburg verschleppt wurden. Andere konnten rechtzeitig mit Hilfe von Freunden und Nachbarn flüchten. Bis Ende des Jahres 1933 wurde die Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger in die Reichskulturkammer eingegliedert und die Immobilien der Künstlerkolonie kamen zur Goebbels-Stiftung. Wir haben es der Umsicht des damaligen GDBA-Vorsitzenden zu danken, dass er die diesbezügliche grundbuchamtliche Eintragung bis zum Kriegsende verschleppte. Doch gab es in dieser Zeit auch neue Bewohner aus dem Kreis des NSDAP-Umfeldes.

Hierzu gilt es noch ein historisches Kuriosum sehr eigener Art anzufügen: Mit der Weltwirtschaftskrise 1933 brach auch der Sicherheitsfonds zu Wohnungsneubauten zusammen. Daraus konnte der Zipfel der Künstlerkolonie zum Breitenbachplatz dann nicht mehr bebaut werden. Auch viele damals noch im Bau befindliche Häuser um unsere Künstlerkolonie herum blieben unfertig. In den Bauruinen spielten die Künstlerkoloniekinder, bis die Dielen und Balken als Brennmaterial benutzt wurden. Wer heute hier spazieren geht, achte deshalb auf die neben dem Hauseingang angebrachten Schilder des Nachkriegswiederaufbaus. Das sind die Häuser, die erst Anfang 1950 fertig gestellt wurden.

Aus den oben genannten Umständen konnte 1945 die wiedererrichtete GDBA ihren Anspruch auf unsere Künstlerkolonie wieder geltend machen, während der Schutzverband Deutscher Schriftsteller ausschied. Doch folgte schnell die politische Forderung, die damaligen Freiflächen zum Breitenbachplatz neu zu bebauen. Doch dazu fehlte der GDBA das Geld. Nach langen Verhandlungen übergab die GDBA diese Immobile einer kommunalen Wohnungsbau- und Verwaltungsgesellschaft, – allerdings mit einer einmaligen Klausel, nach der jede frei werdende Wohnung der GDBA zu melden sei und nur wenn diese keinen Nachfolger aus ihrem Mitgliederbestand vorschlagen konnte, durfte diese Wohnung auch an andere vermietet werden. Inzwischen wurde die Immobilie mehrmals verkauft und gehört heute zur Vonovia, – doch diese alte Klausel gilt noch immer.

So blieb die Nachbarschaft aus unterschiedlichen Künstlern erhalten. Doch nach dem Mauerbau gab es dann kaum noch Engagements für Künstler*innen im damaligen Westberlin, viele zogen nach Westdeutschland und immer öfter wurden Wohnungen an Nicht-Künstler*innen vermietet, während noch so manche alltäglich nach Ostberlin fuhren, um dort weiter zu arbeiten, wozu sie einen Dauerpassierschein hatten. Auch zu dieser kuriosen Situation wurde viel zu wenig berichtet.

Durch vermehrte neue Arbeitsmöglichkeiten für Künstler*innen in Westberlin und nachbarschaftlichen Verbindungen fanden sich Ende der 70er- und frühen 80er-Jahre wieder Künstler*innen, die auf die Bedeutung und Achtung solch eines einmaligen Wohnraum aufmerksam machen wollten. Ab 1985 konstituierte sich daraus unser Verein KünstlerKolonie Berlin e.V.

Nach dem Fall der Mauer gab es wieder viele Umschichtungen und Verwerfungen im Bereich der Engagements, – und bald stiegen die Mieten deutlich. So erhielt vor wenigen Jahren eine alte Künstlerin von der Agentur für Arbeit den Rat, sich doch eine billigere Wohnung am Stadtrand zu suchen. Eine andere ältere Künstlerkoloniebewohnerin wohnt z.B. im 3. Stock und wäre gerne in eine gerade frei gewordene Wohnung gleicher Größe im Parterre umgezogen, doch hätte das bedeutet ihren alten Mietvertrag aufzugeben und einen neuen einzugehen, der aber um 200 € teurer geworden wäre. Ein Bringedienst zum Einkaufen erwies sich als billiger, – was mir wenig vernünftig scheint.

Auf unsere Initiative hin steht diese, unsere Künstlerkolonie längst unter Denkmalschutz, was sich als gut und richtig erwies. Doch ein nachträglicher Einbau von Fahrstühlen entfällt damit.

Und lassen Sie mich nun abschließend bitte noch kurz etwas zu unserer Vereinsarbeit sagen: Zur Geschichte unserer Künstlerkolonie konnten wir bisher über 1300 Bilder, Presseberichte und Dokumente digital einspeichern, die wir mit vielen persönlichen Erinnerungsberichten und Fotos in eine historische Übersicht von 1926 bis heute einfügten. Es bleibt aber noch viel Material, was wir noch abzuarbeiten haben, bevor wir es in absehbarer Zeit als „große Ausgabe“ veröffentlichen können. Dazu trifft sich unsere Arbeitsgemeinschaft (AG) Dokumentation an jedem zweiten Sonntag eines Monats im Casino Sternstunde. Auch morgen ist wieder der zweite Sonntag im Monat, doch bitten wir alle hierzu unseren Stand auf dem Sommerfest auf dem Rüdesheimer Platz zu besuchen. Alles weitere dazu finden Sie bei uns dort. Dort können Sie bei Interesse auch Ihre Adresse hinterlassen, um zu unseren Kulturveranstaltungen eingeladen zu werden oder weitere Verabredungen zu finden.

Mit Ihrer und möglichst vieler anderer Unterstützung suchen wir einen besonderen Kiezschutz für diese, unsere Künstlerkolonie anzuregen, um auch weiterhin bei Neuvermietungen möglichst Künstler*innen zu berücksichtigen bzw. einzuwerben, damit diese weltweit einzigartige Wohnanlage mit ihrer historischen Situation weiter in die Zukunft getragen werden kann.

Station 5.6: Ludwig-Barnay-Platz 3 / Walter Hasenclever

Wir gehen nun auf der linken Seite des Ludwig-Barney-Platzes entlang in die Wetzlarer Straße und treffen uns wieder auf dem Bergheimer Platz in der Marienkirche. Auf dem Weg über den Ludwig-Barnay-Platz kommen Sie an einer Gedenktafel an dem Haus Nr. 3 vorbei, die Walter Hasenclever ehrt. Hasenclever war ein expressionistischer Dichter und Theaterschriftsteller. Auf der Gedenktafel steht:

Hier lebte von 1930 – 1932
WALTER HASENCLEVER
8. 7. 1890 – 21. 6. 1940

Lyriker, Dramatiker, Repräsentant der expressionistischen Literatur-Revolte: “Der Sohn”  (1914). 1917 Kleist-Preis. Kehrte Ende 1932 nicht mehr nach Deutschland zurück, blieb als Emigrant in Italien und Frankreich. Nahm sich aus Furcht vor der Auslieferung an die Gestapo im Internierungslager Les Milles das Leben.

Zwei Gedichte von Hasenclever: vortragen. Das erste entstand im Ersten Weltkrieg, als er durch das zerstörte Löwen in Belgien zog:

O Schreckensnacht Löwen, wir alle sind schuldig.
Gott floh aus den Kirchen der brennenden Stadt.
Kanäle verwesen, Abfluss der Toten.
Arme irre, verfallene Frau gräbt in den Scherben,
scharrt in den Kellern Verschüttete aus gequollenem Schrei.
Verbogene Straße lagern im Haufen der grauen Verwüstung.

1916 machte er sich daran, die Tragödie Antigone von Sophokles zu einem Antikriegsdrama umzugestalten. Antigone ruft darin aus:

Ich rede zu euch Witwen und Waisen,
die ihr heimkehrt in die einsamen Hütten,
wo die Seufzer der Erschlagenen
von den feuchten Steinen des Herdes
schrecken in euren Abendtraum:
Wollt ihr, dass eure Kinder,
überschrien von dem Ruhm des Schlachtrufs,
euer elendes Schicksal teilen?

Station 5.7: Ludwig-Barnay-Platz 2 / Hans Meyer-Hanno

Vor dem Haus Nr. 2 liegt ein Stolperstein für Hans Meyer-Hanno. Darauf steht:

HIER WOHNTE
HANS MEYER
HANNO
SCHAUSPIELER
GEB. 3. 6. 1906
ERMORDET
30. 4. 1945
BAUTZEN

Hans Meyer-Hanno wurde 1906 in Hannover geboren und starb 1945 im Zuchthaus in Bautzen. Er war Maler, Bühnenbildner, Musiker, Kabarettist und Schauspieler. Er war mit einer jüdischen Pianistin verheiratet.

Seine Laufbahn begann er als Theatermaler. Von 1931 bis 1933 gehörte das KPD-Mitglied Meyer-Hanno dem kommunistisch-proletarisch ausgerichteten Theaterkollektiv „Truppe 31“. Meyer-Hanno, der bereits als Kleinstdarsteller der UFA vor der Kamera ein wenig Erfahrungen mit dem Medium Film gesammelt hatte, konzentrierte sich nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten Anfang 1933 auf die Arbeit beim zunächst noch nicht übermäßig politisierten Film, wo er eine große Anzahl von Nebenrollen, vor allem Berliner Typen – einfache Schupos oder kleine Gauner, auch in NS-Propagandafilmen – verkörperte. Außerdem arbeitete er häufig als Synchronsprecher bei deutschen Fassungen ausländischer Filme. Ab 1938 hatte er ein Festengagement am Schiller-Theater, wo er bis zu seiner Verhaftung blieb. Neben seiner Arbeit als Schauspieler lebte Meyer-Hanno als überzeugter Kommunist ein Doppelleben. Er nahm er aktiv an Widerstandsaktivitäten im Umfeld der „Roten Kapelle“ teil.

Meyer-Hanno wurde laut Aussage seines damals anwesenden Sohnes Andreas während eines Urlaubs auf einem Bauernhof im Salzkammergut verhaftet und nach Berlin verbracht. Meyer-Hanno stand auf einer Liste von Personen, die Flugblätter erhalten hatten und der Gestapo in die Hände gefallen war. Er konnte jedoch glaubhaft versichern, dass er keine Flugblätter hergestellt, sondern dieses Material lediglich der Gestapo nicht ausgehändigt hatte. Der Schauspieler wurde dennoch am 4. Oktober 1944 vom Volksgerichtshof zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, die er in Bautzen zu verbüßen hatte. In den verbleibenden Kriegstagen als letztes Aufgebot gegen die anstürmende Rote Armee rekrutiert, versuchte Hans Meyer-Hanno bei der Aushebung von Schützengräben über eine Mauer zu klettern und zu entkommen und wurde dabei erschossen.

Station 5.8: Laubenheimer Straße 19 / Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Berlin e.V

Station 6: Bergheimer Platz

Station 6.1: Bergheimer Platz / Herkunft des Namens
Der Bergheimer Platz wurde nach der mittelalterlichen Stadt Bergheim im Rhein-Erft-Kreis in Nordrhein-Westfalen benannt.

Station 6.2: Laubacher Straße / Herkunft des Namens
Die Laubacher Straße ist nach einer hessischen Stadt in der Nähe des Vogelsberg benannt.

Bildvergrößerung: Pfarrer Scheele in der Pfarrkirche St. Marien
Bild: BA-CW, ML
Pfarrkirche St. Marien

Station 6.3: Pfarrkirche St. Marien

Die neoromanische katholische Pfarrkirche St. Marien wurde 1913 und 1914 von Christoph Hehl und Carl Kühn erbaut. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz. Aus der bauzeitlichen Ausstattung, die zu großen Teilen von Wilhelm Haverkamp stammt, ist nicht mehr viel erhalten. Der Altarraum wurde 1990 durch Paul Brandenburg neu gestaltet.

Im Jahr 2009 wurde die Pfarrgemeinde St. Marien mit der Gemeinde Heilig Kreuz zur Pfarrgemeinde Maria unter dem Kreuz zusammengeschlossen. Seitdem umfasst die Gemeinde die Berliner Ortsteile Wilmersdorf und Friedenau.

Seit November 1993 verfügt das Dekanat Wilmersdorf über eine Suppenküche für Obdachlose und Menschen mit geringem Einkommen. Die Räume für die Suppenküche stellt die Kirche St. Marien zur Verfügung. Getragen wird das Projekt vom Dekanatsrat Wilmersdorf mit finanzieller Unterstützung des Bezirksamtes. Haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen aus allen sechs Gemeinden des Dekanats sorgen für die Ausgabe von Essen und warmen Getränken. Ferner gibt es Duschen, eine Kleiderkammer und medizinische Versorgung. Das Essen wird von einer Firma geliefert. Die Suppenküche wird von ungefähr 50 bis 70 Personen besucht.

 

Station 7:  IBZ Internationales Begegnungszentrum der Wissenschaft e.V. Berlin

 

 

Station 8: Rüdesheimer Platz

Das sogenannte Rheingauviertel zwischen Laubacher und Binger Straße ist ein Versuch der ausgehenden Kaiserzeit, den Charakter englischer Gartenstädte mit großstädtischer Dichte zu verbinden. Der Plan zu einer einheitlichen Bebauung des Viertels stammt von 1906. Die viergeschossigen Mietshäuser sind in Anlehnung an den englischen Landhausstil erbaut. Vor allen Häusern befinden sich ansteigende Rasenvorgärten und in den Erdgeschossen Rankgerüste. 1909 erhielt der Platz seinen Namen. Straßennamen und Skulpturenschmuck beziehen sich auf das damals beliebte Reiseziel Rheingau. Mittelpunkt ist der Rüdesheimer Platz, auf dem wir uns nun befinden.

Seit 1967 gibt es von Mai bis September auf dem Rüdesheimer Platz den Rheingauer Weinbrunnen, somit liegen genau fünfzig Jahre hinter uns, was Sie heute mit uns feiern können. Auch im 51 Jahr werden an einem – für den Rheingau typischen– Weinprobierstand Wein und Sekt aus der Region ausgeschenkt.

Heute veranstaltet hier das Netzwerk am Rüdesheimer Platz, kurz Rüdi-Net e.V., jedes Jahr das Sommerfest. 

Die Rüdi-Net ist eine Vereinigung von verschiedenen Interessengruppen um den Rüdesheimer Platz herum, dazu gehören Einzelhandel, Dienstleister, Institutionen und Bürger. 


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Frühjahrsputz am Ludwig-Barney-Platz

 

Mit Unterstützung des Gartenbauamtes laden wir ein mit uns gemeinsam am

16. März 2019 ab 10:30 Uhr

den Ludwig-Barney-Platz mit einem gemeinsamen Frühjahrsputz auf den Frühling vorzubereiten und die sonnige Jahreszeit zu starten.

Das Gartenbauamt stellt uns Müllsäcke zur Verfügung die dann am 18. März 2019 abgeholt werden.

Wie uns das Gartenbauamt angekündigt hat ist zudem ist in Planung, neue Parkbänke und Mülleimer aufzustellen. Sollte das Geld noch reich, werden auch die Weg wieder hergerichtet.

Sei dabei, wir freuen uns auf Sie/Dich.

Kaffee- und Kuchenspenden sind herzlich willkommen.


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