Erinnerungen

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Marianne Lange Weinert

(1921-2005)

Sie war die Tochter von Erich Weinert.

Wir lernten Sie anlässlich der Enthüllung der Gedenktafel für Ernst Busch am Freitag dem 8.6.1990 kennen. Unser damaliger Bezirksbürgermeister Horst Dohm und der seinerzeitige Leiter des Ernst-Busch-Hauses, Erwin Burkert, enthüllten die Gedenktafel im Beisein vieler Schauspieler und Anwohnern. Unser damaliger Vorsitzende des Vereins KünstlerKolonie Berlin e.V., Holger Münzer, sang dazu zwei populäre “Ernst-Busch-Lieder” in andächtiger Atmosphäre.

Elisabeth Kiele (unsere jahrzehntelange liebe Schatzmeisterin) und Holger Münzer als Vorsitzender unseres damals frisch gegründeten Vereins lernte ich bereits 1989 bei einer großen Garten-Sommerfeier im Ernst-Busch-Haus in der Leonhard-Frank-Straße am Bürgerpark Pankow kennen.

Das Haus war in der Art des Brecht-Hauses gestaltet und die Räumlichkeiten so erhalten, dass man den Eindruck erhält, der Hausherr sei nur kurz außer Haus und würde gleich wiederkommen.

Ich brachte dort den zahlreichen Gäste Schelllackplatten über eine große Tonanlage im Hausgarten zum Gehör und gab auch eine kleine Zauberdarbietung für Groß und Klein.

Bald darauf wurde auch ich Mitglied unseres Vereins.

Im Jahre 2002 plante Holger Münzer dann eine Hommage an Erich Weinert anlässlich der beabsichtigen Errichtung einer Gedenktafel Erich Weinert in der Kreuznacher Strasse 34.

Er schlug mir vor, ergänzend zu seinem Gesangs/Rezitations-Programm Schelllackplatten mit Erich Weinert und Ernst Busch vorzuspielen.

Erwin Burkert gab mir daraufhin die Tele-fonnummer von Marianne Lange-Weinert in Klein-Machnow. Marianne Lange-Weinert habe eine große Plattensammlung ihres Vaters archiviert, vielleicht könnte sie uns ein paar Platten leihweise für diese Veranstaltungen überlassen?

Mutmaßliche Alteigentümer und Aufkäufer hatten jedoch zahlreiche Einwohner Klein-Machnows aus ihren Häusern vertrieben, und auch Marianne musste das Haus ihres Vaters verlassen und in eine kleine Wohnung umziehen.

Dem folgte unser Kontakt zu Marianne Lange Weinert.

Bei unserem ersten Telefongespräch wirkte sie noch sehr zurückhaltend und leicht deprimiert. Sie wohne nun in einer kleinen Wohnung des inoffiziell so genannten „Klein-Machnow-Ghettos“, in dem die Einwohner aus Klein-Machnow untergebracht wurden, die aus ihren Häusern ausziehen mussten. Auch sie musste ihr Haus bereits 1996 verlassen, vom Neubesitzer ziemlich rüde verabschiedet.

„Wer will denn heute noch von meinem Vater etwas wissen?“ fragte sie. Vor der Wende wurde sie ständig besucht von Schülern aller Altersstufen wie von Studenten/innen die von Erich Weinert – und auch von ihr als Kinderbuchautorin vieles wissen wollten. Es fanden regelmassig Besuche von Abordnungen, Ehrungen und Feierlichkeiten zum Gedenken und zum Geburtstag ihres Vaters statt.

Nach der Wende ändert sich das schlagartig, niemand mehr kam. Literatur-Wissenschaftler, die ihn immer in hohen Tönen gepriesen hatten, ignorierten ihn nun plötzlich. Aus den Bibliotheken wurden die Bücher ihres Vaters konsequent aus den Regalen genommen und auch seine Kinderbücher, mit schönen Bildern und Versen versehen, wurden entsorgt oder verscherbelt, ein kleiner Teil landete zumindest noch im Archiv einiger Büchereien. Mit ihren eigenen Büchern, ihre Erinnerungen bis 1945 „Mädchenjahre“ und Ihren Übersetzungen von Kinderbüchern aus dem Russischen ging es ebenso.

Es folgten in den Wochen nach dem Erstkontakt stundenlange Telefongespräche – auch mit Ihrer Mutter Marga Heinrich – in denen sie immer mehr von sich erzählte.

Dass eine Gedenktafel in unserer Künstlerkolonie für ihren Vater und mehrere Veranstaltungen über ihn vorgesehen waren, hatte sie wieder etwas aufgebaut.

Marianne Lange-Weinert erzählte uns damals: Die Schelllackplatten hatte sie alle – vor ihrem Umzug – an die Akademie der Künste übergeben müssen, da sie sonst Beschädigungen befürchtete.

Ich spielte ihr daraufhin über mein Grammophon eine Schellackplatte vor, die Ernst Busch zu Weinerts 60-zigsten Geburtstag (4.8.1950) mit seiner mächtigen Stimme aufgenommen hatte:

 

Dazu den Geburtstagsgruß von Johannes R. Becher an Erich Weinert

Berichtet sei von überfüllten Sälen

Darin die kühne Stimme vorwärts drang

Und zwang, sich zu entscheiden und zu wählen

Und Aufruf war, Gericht und Trommelklang …“

 

Marianne aufgeregt, diese Schellackplatte habe sie selber nie besessen! Erfreut war sie, dass ich diese Aufnahme zu Beginn unserer Weinert-Hommage vorgesehen hatte.

In ihrem Buch „Mädchenjahre“ habe sie von einer solchen Veranstaltung berichtet. Alle Plätze der oft großen Säle waren immer voll besetzt, die Leute standen und saßen in den Gängen, vor der Bühne. Ihr Vater war sehr beliebt, immer wieder gab es Zugaben und langanhaltenden Beifall, der nicht, wie später oft üblich, mechanisch organisiert werden musste.

An ihrem Buch „Mädchenjahre“ habe sie jahrelang gefeilt, bis es 1958 erstmals erschien. Es gab zahlreiche Auflagen, oft graphisch verschieden gestaltet. Über die Künstlerkolonie, in der sie mit ihrem Vater und ihrer Stiefmutter Li Weinert (die sie aber „ Mutti“ nannte ), über zwei Jahre lang lebte hat sie dort ausgiebig berichtet.

Einiges musste sie verschweigen/auslassen: Ihre erste schwärmerische Kinderliebe taucht als „Winnetou“ in ihrem Buch auf. Winnetou war Wolfgang Leonhard, was sie aber dem Verlag gegenüber geheim halten musste. Der ehemalige Freundeskreis ihres Vaters, die Bescheid wussten, wie Ernst Busch und Willi Bredel, schwiegen dazu, auf sie war immer Verlass.

Einen weiteren Dissidenten nannte sie ebenfalls nicht: Alfred Kantorowicz, der ihren Vater oft besuchte.

In ihren Erinnerungen schilderte sie auch nur Personen der Künstlerkolonie, die sie als 10/11-Jährige bewusst wahrgenommen hatte, so natürlich u.a. den Nachbar und Dauergast Egon Erwin Kisch, den rasenden Reporter.

Er zeigte ihr Zauberkunststücke, die sie auch nie an andere Kinder verriet. Ein paar einfache Kartentricks beherrsche sie bis heute.

1935, in Paris, in der Emigration, habe sie Egon Erwin Kisch wiedergesehen, er arbeitete nebenbei in Cafes als Zauberer, wenn das Geld knapp war. Er brauchte keine großen Apparate – sein Hauptgeheimnis waren künstliche Daumen, in denen er Geldscheine und Tücher verbarg. 1937 erreichte sie ein Foto von ihm und ihren Vater aus dem Spanischen Bürgerkrieg.

Und natürlich Ernst Busch, der von seinem Fenster von der Bonner Strasse 11 aus mit seinem Gesang den Laubenheimer Platz (heute Ludwig-Barnay-Platz) beschallte. Wir Kinder parodierten ihn dann vor seinem Fenster immer wieder, was er aber nicht krumm nahm, er sang dann so laut, das wir aufgeben mussten.

Hanns Eisler winkte uns dazu oft lachend zu. Beide waren bei uns zu Besuch und diskutierten mit meinem Vater über seine Texte. Es gab nie lauten Streit, man einigte sich schnell. Wenn Busch etwas nicht singen wollte, dann tat er es sowieso nicht.

Auch seine Frau Eva Busch hatte sie gelegentlich gesehen, sie wirkte immer etwas verträumt und abwesend nach ihrer Erinnerung.

Empfehlen kann ich persönlich nur ihr Buch „Mädchenjahre“ einmal zu lesen. Es ist antiquarisch und in Bibliotheken zu erhalten. Nach meiner Einschätzung handelt sich um ein kleines literarisches und sensibles Kunstwerk der Jugendliteratur.

In der aktuellen Literaturwissenschaft wird es verrissen als Beispiel von Rüdiger Steinlein. Er bezeichnet es als: „biographisches „Heldenbuch“, das gekennzeichnet ist durch konventionelle, vor-moderne auf einem festen Weltbild basierende Erzählweise, die sich als sozialistischer Realismus versteht …“ – Aber bilden Sie sich doch ihr eigenes Urteil!

Später besuchten Lisa Kiele und Holger Münzer sie dann des öfteren in ihrer Wohnung. (Siehe dazu auch unser Künstlerkurier Nr. 6 Zum Tode von Marianne Lange-Weinert“ sowie „ Rede zur Einweihung des Gedenktafel am 9. April 2003).

Am 8. September 2003 fand dann eine vielbeachtete und sehr gut besuchte Premiere im (damals noch nicht verkleinerten) Theater Coupé statt. Unter den Besuchern war auch Erwin Burkert.

Bei einer weiteren Aufführung am 10. Dezember 2003 überraschte uns dann Holger Münzer mit großen Aufnahmegeräten und Tontechnikern; und auch die dritte Aufführung am 27. Januar 2004 war noch gut besucht.

Aus gesundheitlichen Gründen konnte Marianne Lange-Weinert ihre Einundeinhalb-Zimmer- Wohnung später leider nicht mehr verlassen und unsere Veranstaltungen nicht mehr besuchen. Sie bekam eine technisch professionell gestaltete CD des Erich-Weinert-Abends und wurde auch als Ehren-Mitglied unseres Vereins Künstlerkolonie Berlin e.V. ständig weiter informiert.

Erfreut äußerte sie sich auch darüber, dass ein frühes satirisch-lyrisches Gedicht durch Holger Münzer vertont und vorgetragen wurde: „Das Atom“.

Die Lyrik ihres Vaters aus den frühen zwanziger Jahren wurden in der DDR nur marginal veröffentlicht. Offensichtlich wollte man ihn gleich als „fertigen Protagonisten“ sehen, was so nicht stimmte. Es war sein weiter Weg vom „bürgerlichen Dichter“ zum „proletarisch-revolutionären Schriftsteller“.

Am 14. Dezember 2005 ist Marianne Lange-Weinert verstorben.

Sein künstlerisches Erbe wird weiterhin von unserem Verein gepflegt, der Erhalt ist uns Verpflichtung. So wurden zu unserer Jubiläums–Veranstaltung (90 Jahre Künstlerkolonie/30 Jahre Künstlerkolonie Berlin e.V.) am 18. April 2018 und bei einer „Hommage an Holger Münzer“ am 12. Januar 2019 in Schloss Britz ein Gedicht von Weinert musikalisch durch Andreas Holzmann zum Vortrag gebracht dazu zählte auch wieder „Das Atom“, begleitet vom Pianisten Klaus Schäfer.

Helmut Heinrich
© KünstlerKolonie Berlin e.V.

 

 


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