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Gedenken an Chris Gueffroy . Ein Stück Berliner Geschichte

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Gedenken an Chris Gueffroy 

22 Schüsse, einer ins Herz

Der 20-jährige Chris Gueffroy wurde als letzter DDR-Bürger bei einem Fluchtversuch an der Berliner Mauer erschossen.

Sarah Borufka in Berliner Morgenpost, 06. Februar 2019

Berlin.  An diesem eisigen Januarmorgen, bei minus fünf Grad, geschieht an dieser im Winter wirklich tristen Stelle vor der Jacobs-Fabrik in Neukölln das, was Gedenkorte im besten Fall bewirken sollen: echtes Gedenken. Hier wurde vor 30 Jahren, in der Nacht vom 5. auf den 6. Februar 1989, Chris Gueffroy getötet, als letzter DDR-Bürger bei einem Fluchtversuch an der Berliner Mauer erschossen. Heute erinnert eine rostbraune Stele am Ufer des Britzer Verbindungskanals an ihn.

Eine, die seine Geschichte immer wieder erzählt, ist Birgit Hillmer, die als Zeitzeugin Schulklassen durch die Gedenkstätte Hohenschönhausen führt und versucht, den Kindern und Jugendlichen das Ausmaß der Gräuel des DDR-Regimes bewusst zu machen. Doch wie gelingt es, jungen Menschen eine Zeit nahezubringen, die für sie längst graue Vergangenheit ist?

Chris Gueffroy wurde nur 20 Jahre alt.
Foto: Peter Rondholz / ddp images/dapd

Hillmer, die wir an der Stele zum Fototermin treffen, hat mit den Jahren festgestellt: Chris Gueffroy, der mit nur 20 Jahren starb, weil er in Freiheit leben wollte, eignet sich schon allein wegen seines Alters, aber auch wegen seiner Motive als Identifikationsfigur für junge Menschen. „Wenn ich von ihm erzähle, begreifen die meisten Schüler, dass man sich nicht nur wegen Jeans und Bananen für eine Flucht entscheidet“, sagt sie. Die 58-Jährige hat eine forsche, unaufgeregte Art, die Dinge zu benennen. Auch nach 16 Jahren in Berlin hört man ihr die fränkische Herkunft noch deutlich an. Hillmer ist aufgewachsen in Sonneberg, im Süden Thüringens.

Außer uns ist hier an diesem Dienstagvormittag sonst niemand unterwegs – bis auf einen Spaziergänger mit Hund. Der Mann, der seit mehr als drei Jahrzehnten ganz in der Nähe wohnt, spricht uns an, und wenig später erzählt er von der Nacht, in der Gueffroy erschossen wurde. „Ich habe die Schüsse gehört und zu meiner Frau gesagt: Die haben bestimmt danebengeschossen, die schießen doch heute nicht mehr auf Menschen“, sagt er. Und so kommen der Anwohner und Birgit Hillmer ins Gespräch, reden über den Schießbefehl an der Mauer, über Gueffroy und das DDR-Regime. Und der Tod des jungen Mannes ist in diesem Moment nicht vergessen.

Zeitzeugin Birgit Hillmer spricht mit Schülern über die DDR und berichtet auch von Chris Gueffroy. „Wenn ich von ihm erzähle, begreifen die meisten, dass man sich nicht nur wegen Jeans und Bananen für die Flucht entschied“, sagte sie.
Foto: Amin Akhtar

Seine Mutter hörte von

ihrer Wohnung die Schüsse

22 Mal schossen Grenzsoldaten am 5. Februar 1989, kurz vor Mitternacht, auf den 20-Jährigen, zwei Kugeln trafen ihn, eine davon zerriss seinen Herzmuskel. Auch Chris Gueffroys Mutter Karin hörte von ihrer Wohnung aus die Schüsse, die ihren Sohn töteten. Von seinem Tod erfuhr sie allerdings erst zwei Tage später. Nach Gueffroys Tod wurde der Schießbefehl an der Mauer aufgehoben, wenige Monate später fiel die Mauer, ein Umstand, der seinem Schicksal eine besondere Tragik verleiht.

Gueffroys Geschichte ist zeitlos. Es ist die eines jungen Mannes, der von einem Leben träumte, das größer ist als das, was er kennt. Der aber das Pech hatte, in einem Staat aufzuwachsen, in dem genau solche Träume unerwünscht sind. Gueffroy hat in Berlin die Sportschule des SC Dynamo besucht, war in seiner Jugend Leistungssportler, Turner. Als Jugendlicher ging er auf die Polytechnische Oberschule „Otto Buchwitz“. Nach der Schule weigerte er sich, eine Offizierslaufbahn bei der Nationalen Volksarmee (NVA) einzuschlagen. Das Abitur wurde ihm daraufhin verwehrt. So zerschlug sich auch sein Berufswunsch, Pilot zu werden. Stattdessen machte er eine Ausbildung zum Kellner im Flughafenhotel Schönefeld, bediente dort auch Gäste aus dem Westen, erhielt großzügiges Trinkgeld, mit dem er sich aber seinen Wunsch, in Freiheit zu leben, auch nicht kaufen konnte.

Gegenüber der Stelle, wo Chris Gueffroy erschossen wurde, errichteten Menschen ein Holzkreuz zum Gedenken (l.). Heute erinnern eine Stele und auch die Chris-Gueffroy-Allee in Treptow an ihn.
Foto: Fotoreport-DB / dpa

Gueffroys Entscheidung zu fliehen reifte allmählich. Wie bestimmt man im Nachhinein den Punkt, an dem etwas gekippt ist, an dem die Angst vor der Flucht weniger schwer wog als die Sehnsucht nach Freiheit? Chris Gueffroys Mutter, die Medienauftritte meidet, sagte in einem ihrer seltenen Interview 2014 gegenüber der Zeitung „Die Welt“, ihr Sohn habe schon länger darüber nachgedacht zu fliehen. Als eine Freundin der Mutter in den Westen ausreiste, fragte Gueffroy sie: „Warum bleiben wir noch hier, wenn alle gehen?“ Ihren Einwand, dass sie beide niemanden im Westen kannten, schmetterte er ab. „Mutti, das reicht nicht fürs Leben: Arbeit, ein kleines Auto, Geld auf der Bank. Das ist zu wenig“, so zitierte ihn seine Mutter im Interview.

Zur Sehnsucht nach mehr Leben kam die Angst durch Schikanen seitens des Systems. Im Januar 1989 erfuhr Gueff­roy, dass er bis zum Mai zum Wehrdienst eingezogen werden soll. Gemeinsam mit seinem Freund Christian Gaudian schmiedete er einen konkreten Plan zu fliehen. Über die Mauer, rund zwei Kilometer von seiner Wohnung an der Südostallee in Treptow entfernt. Am Abend des 5. Februar machten sich die beiden Freunde gegen 21 Uhr auf. Eine Stunde lang versteckten sie sich in der Kleingartenkolonie „Harmonie“ nahe der Mauer in einem Schuppen, beobachteten die Grenzanlage. Schließlich, gegen 23.30 Uhr, verließen sie den Schuppen. Chris half seinem Freund per Räuberleiter auf die Hinterlandmauer, Gaudian zog ihn nach, als er oben saß.

Chris Gueffroys Mutter (oben, 3.v.r.) erreichte, dass ihr Sohn nicht anonym begraben wurde, sondern beerdigt werden konnte – am 23. Februar 1989.
Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Gueffroy rechnete nicht damit, dass die Grenzsoldaten schießen. Ein Freund, der ebenfalls an der Grenze diente, hatte ihm erzählt, dass der Schießbefehl aufgehoben sei. Die beiden Männer machten sich über den Todesstreifen auf in Richtung Mauer, überwanden den Signalzaun, lösten um 23.39 Uhr einen Alarm aus. Sirenen heulten, Gueffroy und Gaudian wurden vom Flutlicht geblendet.

Grenzsoldaten eröffneten mit Kalaschnikows das Feuer auf die beiden jungen Männer, die immer noch versuchten, ein Metallgitter zu überwinden – das letzte Hindernis auf ihrem Weg in die Freiheit. Einer der Grenzer, Ingo H., war damals nur drei Jahre älter als Gueffroy. Er zielte aus 40 Meter Entfernung auf den jungen Mann, traf ihn erst am Fuß. Gueffroy hob die Hände, doch da durchschlug die zweite Kugel sein Herz. 15 Minuten nach Mitternacht war er tot, sein Freund Gaudian überlebte schwer verletzt. Er kam in der DDR in Haft, wurde sieben Monate später von der Bundesregierung freigekauft.

Gueffroys Mutter wurde nach dem Tod ihres Sohnes stundenlang verhört, die Staatssicherheit behauptete, er habe einen Anschlag auf eine militärische Einrichtung verübt. Da war seine Leiche schon eingeäschert worden. Später berichtete sie, sie sei in den Wochen nach dem Tod ihres Sohnes zu einer Form aufgelaufen, welche die Stasi sicher nicht von ihr erwartet hätte. So schaffte sie es, eine Bekannte nach West-Berlin zu schicken, die die Nachricht vom Tod ihres Sohnes an den Sender Freies Berlin (SFB) übergab. So kam es, dass, während die Zeitungen in Ost-Berlin schwiegen, der Tod von Chris Gueffroy in der „Abendschau“ des SFB vermeldet wurde. Gueffroy wurde nicht, wie andere Maueropfer, anonym begraben, sondern auf dem Friedhof Baumschulenweg im Beisein von 120 Menschen beigesetzt. Seine Mutter nannte es später „ihre kleine Rache“ an der DDR.

Die vier Soldaten erhaltenein Leistungsabzeichen

Die vier Soldaten, die an Gueffroys Tod beteiligt waren, erhielten ein Leistungsabzeichen und je 150 DDR-Mark Prämie. Nach der Wiedervereinigung wurde Gueff­roys Todesschütze 1991 in Berlin zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Bei diesem Prozess war die Mutter dabei, die Schützen vermieden den Blickkontakt. Der Bundesgerichtshof hob das Urteil später auf, verhängte eine Bewährungsstrafe von zwei Jahren.

„Was macht das mit einer Mutter, wenn die Mörder ihres Sohnes nur wenige Monate nach der Tat einfach so nach West-Berlin laufen können?“, fragt Birgit Hillmer. Es ist eine rhetorische Frage. Hillmer hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, gegen jede Art der DDR-Nostalgie auf die Barrikaden zu gehen. Dabei ist ihre eigene Rolle im damaligen Regime auch durchaus kritisierbar. Hillmer, Tochter einer Lehrerin und eines Ingenieurs, die beide „mehr als mitgelaufen sind“, wie sie selbst sagt, machte Abitur, wurde Lehrerin für Geschichte und Staatsbürgerkunde. Einer der zentralen Leitsätze der damaligen Arbeit an Schulen: „Schüler müssen zum Hass und zur Verachtung auf den imperialistischen Klassenfeind erzogen werden.“ Doch Hillmer glaubte nicht an das, was sie unterrichtete. „Aber das Studium abzubrechen, war auch keine Option. Jeder wusste, dass man danach kein zweites Studium machen durfte“, sagt sie. „Ich habe mich geschämt, wenn ich vor der Klasse stand und unterrichtete. Ich wusste, dass meine Schüler das, was ich sage, nicht glauben – und dass sie auch wissen, dass ich nicht daran glaube.“

Heute nennt sie die DDR eine „Erziehungsdiktatur“, hat ihre Rolle im Regime immer wieder kritisch hinterfragt, sich auf eigene Faust mit Pädagogik­seminaren fortgebildet und in den 90er-Jahren weiter als Lehrerin gearbeitet. Ihre leidenschaftliche Kritik am DDR-Regime und den einstigen Lehrmethoden brachte ihr an einer Schule in ihrer Heimat Thüringen im Kollegium einen Ruf als „Wendehals“ ein. Nach massivem Mobbing verließ sie das Gymnasium schließlich.

Als freie Mitarbeiterin der Gedenkstätte Hohenschönhausen sieht sie ihre Aufgabe auch darin, Schülern ein Verständnis für die Demokratie und das Privileg ihrer Freiheit zu vermitteln. „Den meisten ist zum Beispiel gar nicht klar, wie wenige von ihnen in der DDR überhaupt das Abitur machen und studieren konnten“, sagt sie. „Wie sehr der Erfolg und das eigene Leben von dem System und der eigenen Rolle darin abhing. Für die meisten ist das jedes Mal ein Aha-Moment.“

Gueffroys Tod jährt sich in diesem Jahr zum 30. Mal. Eine ganze Generation ist seitdem herangewachsen, die das Land, aus dem er fliehen wollte, gar nicht mehr kennt. Für die Freiheit ganz selbstverständlich ist, sagt Hillmer. Und die genau deshalb seine Geschichte kennen sollte.

Die DDR und der Schießbefehl an der Grenze

Mindestens 140 Menschen wurden zwischen 1961 und 1989 an der Berliner Mauer erschossen oder kamen unter anderen Umständen ums Leben, so die Gedenkstätte Berliner Mauer. An der gesamten innerdeutschen Grenze waren es mindestens 327, das ergab eine Studie der Bundesregierung im Jahr 2017. Über die genauen Zahlen wird noch immer geforscht – auch weil die DDR die Opfer nach Möglichkeit verheimlichte.

Auch über die Frage, ob es überhaupt einen Schießbefehl an der DDR-Grenze gab, wurde viel gestritten. Noch 2007 relativierten ihn Linke-Politiker wie etwa der damalige Parteichef Lothar Bisky, der in einem Interview sagte, er kenne kein entsprechendes Dokument. Nach Ende der DDR wurden jedoch immer mehr Quellen dafür bekannt.

Bereits am 22. August 1961, neun Tage nach dem Mauerbau, hatte Staatschef Walter Ulbricht gesagt: „Wer provoziert, auf den wird geschossen.“ 1974 zitierte ein Protokoll des Nationalen Verteidigungsrates den damaligen Staatschef Erich Honecker: „Nach wie vor muss von der Schusswaffe rücksichtslos Gebrauch gemacht werden, und es sind die Genossen, die die Schusswaffe erfolgreich angewandt haben, zu belobigen.“

Erst unter dem Druck der politischen Veränderungen hob Honecker den Schießbefehl, der angeblich nie existiert hatte, Anfang April 1989 schließlich auf.

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