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Studie: Künstler sind arm wie Kirchenmäuse

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Die neue IFSE-Studie beschäftigt sich mit der Situation Berliner Künstler. Den meisten droht Altersarmut.

Ein Überblick.

Gabriela Walde in Berliner Morgenpost 25.04.2018
 

Berlin. Der Kultursenator wird sich kaum freuen, wenn er die Zahlen auf seinen Tisch bekommt. Gleich zu Anfang seiner Amtszeit hat er klargemacht, dass ihm die Förderung freier Künstler eine Herzensangelegenheit ist. Zumal Berlin sein Image als quirlige und international beliebte Kunst-Hauptstadt halten will. Dass die Mieten steigen, die Räume weniger werden, ist nicht zu übersehen. Die Zahlen werden Klaus Lederer erschrecken. Berlins Künstler sind nämlich arm wie Kirchenmäuse: Männer verdienen durchschnittlich im Jahr etwas mehr als 11.000 Euro, der Verdienst der Frauen beträgt nur 8390 Euro – brutto. Der Unterschied beträgt 28 Prozent.

Für 80 Prozent der etwa 8000 Künstler in der Stadt bedeutet Kunst ein Verlustgeschäft, sie schlagen sich mit zahlreichen Nebenjobs oder mit Hilfe von Freunden durch. Zehn Prozent leben sogar zu mehr als 50 Prozent von staatlicher Unterstützung. Die wirtschaftlich unsichere Situation spüren besonders Frauen, die verdienen weniger und tragen den Hauptteil der Kindererziehung. Für viele Künstlerinnen schließen sich daher Kind und Familie aus.

Künstlern droht Altersarmut

Der GAU aber kommt im Alter: Da droht Altersarmut mit einer durchschnittlichen Rentenerwartung von 357 Euro. Da ist kaum ein Caffè Latte drin und vom Mythos des genialischen Künstlerpoeten bleibt nicht viel übrig. Das belegt die kompakte Studie vom Institut für Strategieentwicklung IFSE, die jetzt vorgestellt wurde und ein bezeichnendes Schlaglicht auf die Situation der Berliner Künstler und Künstlerinnen wirft. Wer die 27 Din-A4-Seiten durchblättert, weiß, für diesen Beruf braucht man nicht nur Talent, sondern mindestens ebenso viel Durchhaltevermögen, Vermarktungswillen und Leidenschaft, um die Produktion im Atelier überhaupt über die Jahre durchzuziehen.

Eine Kärrnerarbeit, die das Team um Studienautor Hergen Wöbken mit ihrer Auswertung geleistet hat. Endlich liegen verlässliche Zahlen vor, die Lederer durchaus als Handlungsempfehlung für seine Arbeit verstehen darf. Die Studie gilt als repräsentativ, 1745 Künstler haben – im Alter von 18 bis 89 Jahren – daran teilgenommen. Per Mail angeschrieben wurden rund 8000 Künstler. Der Altersdurchschnitt liegt bei 47 Jahre. 75 Prozent haben einen deutschen Pass, einen Migrationshintergrund geben 17 Prozent von ihnen an. Die Qualität der 10.000 Textantworten habe ihn überrascht, erzählt Wöbken.

Künstlerinnen sind nach wie vor benachteiligt

Gegenüber ihren männlichen Kollegen sind die Künstlerinnen nach wie vor benachteiligt. Zwar studieren mehr Frauen Kunst an Akademien und Hochschulen, weit über 50 Prozent, doch im Galeriebetrieb sind viel weniger vertreten. Der Gender-Gap fällt besonders bei den Einzelausstellungen auf, bei den Männern liegt die Teilnahme um 22 Prozent höher als bei Frauen. Beim diesjährigen Gallery Weekend seien, so Wöbken, die Künstler stark überrepräsentiert, der „Gender Show Gap“, so hat er errechnet, liegt bei 40 Prozent. Wir werden nachrechnen!

Malerei ist mit 25 Prozent weiterhin das Genre Nummer eins, das in den Galerien gut verkauft wird, zu sehen auch während des Gallery Weekend. Es folgen Installation, Skulptur, Fotografie und Konzeptkunst mit nur acht Prozent. Nicht ganz so überraschend ist ein anderes Ergebnis: Für die meistens Künstler spielt das große kulturelle Angebot Berlins eine wichtige Rolle als Standort, vor allem aber die internationale Kunstszene. Der Name Berlin gehört mittlerweile zum Selbstverständnis einer Künstlervita. Im Vordergrund aber steht die Verfügbarkeit von Räumen und Nischen, die (noch) zahlbar sind.

Ateliers werden knapp

Das ändert sich derzeit mit den steigenden Mieten und der Gentrifizierung. Die größte Angst der Künstler ist, dass sie sich ihr Atelier nicht mehr leisten können. Kein Wunder, dass der hochpreisige Bezirk Prenzlauer Berg langsam seine Künstler verliert. Aus den ehemaligen Freiräumen sind Eigentumswohnungen geworden. Neukölln und Kreuzberg liegen dagegen weit vorne, ein Drittel lebt momentan in Kreuzkölln, Tendenz steigend. 400 Euro kostet die Miete derzeit durchschnittlich. Ein Anstieg von mittlerweile 23 Prozent.

Am Ende wird man sehen, welche Impulse so eine Studie für Berlins Kulturpolitik bedeutet. Arbeits- und Recherchestipendien helfen als eine Form temporärer Grundsicherung. Die Atelierförderung steht an erster Stelle, da ist der Lederer dran. Über vier Millionen Euro sind 2019 für den Ausbau von Arbeitsräumen vorgesehen, über eine Million mehr als noch in diesem Jahr.

„Am besten, die Künstler würden streiken“, ruft ein Mann hinauf aufs Podium von Hergen Wöbken. So richtig aber kann darüber niemand lachen.

© Berliner Morgenpost


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