
Wer hätte es auch gewusst ? Hier nachzulesen
https://kueko-berlin.de/erinnerungen/der-kuenstlerfriedhof/
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Text und Fotos: Rainer Heubeck
Der weltweit geschätzte Schriftsteller Lion Feuchtwanger war 55 Jahre alt, als er das zweite Mal in das Gefangenenlager Les Milles bei Aix en Provence eingeliefert wurde. Am 21. Mai 1940 um 5:02 Uhr betrat er das Lager – und erhielt dort die Nummer 187 zugeteilt. Lion Feuchtwanger verstand die Welt nicht so recht – angeblich sollte in dem Konzentrationslager eine „Siebung“ durchgeführt werden, um festzustellen, wer mit Nazideutschland sympathisiert und wer nicht. Doch dass Feuchtwanger als oppositioneller Schriftsteller aus Gegnerschaft zu den Nazis nach Frankreich emigriert war, das wussten eigentlich auch die französischen Behörden. „Die Internierung so vieler Leute, die sich einwandfrei als erbitterte Gegner der Nazis erwiesen hatten, war eine dumme, ärgerliche Komödie“, schrieb Feuchtwanger später.

All das ist lange her – und doch hat es bis zum Jahr 2012 gedauert, bis das Camp des Milles, eine ehemalige Ziegelei, die von 1939 bis 1942 zuerst zum Gefangenen- und später zum Deportationslager wurde, offiziell zur Gedenkstätte erklärt und ausgebaut wurde. Kurz nach der Eröffnung, im Jahr 2013, waren Aktivitäten in der Gedenkstätte ein wichtiger Bestandteil des Programms der europäischen Kulturhauptstadt bzw. Kulturregion Marseille-Provence.

Mit Kultur sowie mit Unkultur hat die Geschichte des Lagers in der Tat zu tun – zahlreiche Künstler und Intellektuelle, darunter Schriftsteller, Maler, Juristen und Medizinnobelpreisträger, waren dort zeitweise gefangen. „Wir waren, die politischen Flüchtlinge aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei, die in Südostfrankreich wohnten, während des Krieges von den französischen Behörden eingesperrt worden in der großen verlassenen Ziegelei von Les Milles bei Aix in der Provence. Wir waren unser über tausend, einmal waren wir beinahe dreitausend, die Ziffer wechselte, ein großer Teil von uns waren Juden“, schrieb Lion Feuchtwanger, nachdem ihm später die Flucht in die USA gelungen war. „Ziegelstaub füllte unsere Lungen, entzündete unsere Augen“, berichtet Feuchtwanger in seinem in den USA verfassten Buch „Der Teufel in Frankreich.“ Professoren, Anwälte und Ärzte, so schildert er, seien in dem Lager interniert gewesen und hatten dort Ziegelstapel angelegt, die sie am nächsten Tag wieder abtragen mussten. „Die Arbeit war nicht eben schwer. Das Ärgerliche, Empörende daran war ihre vollkommene Sinnlosigkeit“, berichtete Feuchtwanger.

Der in München geborene Schriftsteller war nicht der einzige Intellektuelle aus Deutschland, der beengt im Strohlager in der staubigen Ziegelei seine Nächte verbringen musste. Auch der Maler Max Ernst, Oswald Hafenrichter und Max Bellmer, die Schriftsteller Walter Hasenclever, der sich im Lager schließlich das Leben nahm, Alfred Kantorowicz, Friedrich Wolf, Franz Hessel und Golo Mann, der als Kriegsfreiwilliger nach Frankreich gegangen war, um gegen die Deutschen zu kämpfen, und viele andere wurden in das Lager eingesperrt.
Die Ziegelei, so berichtet Odile Boyer, die Geschäftsführerin der Les Milles-Gedenkstätte, sei in den 30er Jahren stillgelegt worden, weil sie nach der Wirtschaftskrise von 1929 in Schwierigkeiten geraten war. Les Milles, so Boyer, ist das einzige noch erhaltene und zugängliche französische Internierungs- und Deportierungslager aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Die im September 2012 eröffnete Gedenk-, Kultur- und Bildungsstätte, die sich als Erinnerungsstätte gegen das Vergessen versteht, soll insbesondere jungen Leuten vermitteln, wie es zu einem Genozid kommen kann – aus diesem Grund befasst sich die Ausstellung nicht nur mit historischen, sondern auch mit aktuellen Beispielen.

Die Geschichte des Lagers gliedert sich in drei Epochen – von September 1939 bis Juni 1940 waren in dem Camp, das unter französischer Militärhoheit stand, vor allem Deutsche interniert, die in die unbesetzten Gebiete Frankreich emigriert waren, darunter zahlreiche Intellektuelle und Künstler. Von Juni 1940 bis Juni 1942 in der Zeit des Vichy-Regimes wurde das Lager von der französischen Polizei geführt, diese internierte hier vor allem Regimegegner und Ausreisewillige. Darunter auch der Ungar Laszlo Radvanyi, der Mann der deutschen Schriftstellerin Anna Seghers. Er verbrachte das Jahr 1940 im Lager Vernet Ariege am Rande der Pyrenäen. Anschließend wurde er nach Les Milles verlegt, wo er mehrere Monate interniert war.

Von August 1942 bis zum 10. September, noch bevor die Deutschen auch diesen Bereich Frankreich besetzt hatten, begann das traurigste Kapitel des Lagers. In dieser Zeit wurden in Les Milles vor allem Juden interniert, die kurz darauf über Drancy bei Paris in die NS-Vernichtungslager deportiert worden sind. Unter ihnen auch zahlreiche jüdische Frauen und Kinder aus Marseille. Siebzig Jahre, nachdem der letzte Deportationszug in Les Milles abgefahren war, wurde endlich die Gedenkstätte eröffnet. „Wir haben 29 Jahre daran gearbeitet, die ehemalige Ziegelei in eine Gedenkstätte umzuwandeln.1983, als wir anfingen, kämpften wir vor allem mit ideologischen Vorbehalten, in den letzten zehn Jahren waren es vor allem praktische und finanzielle Schwierigkeiten, denen wir uns stellen mussten“, berichtet der Soziologe Alain Chouraqui, der das Gedenkstättenprojekt mit initiiert hat. Insgesamt 10.000 Menschen, so Odile Boyer, waren zwischen 1939 bis 1942 in der ehemaligen Ziegelfabrik interniert, rund 2000 Juden wurden von ihr aus in den fast sicheren Tod geschickt.

In der Gedenkstätte Les Milles finden sich zahlreiche Informationstafeln, auch die früheren Schlafräume der Internierten können besichtigt werden. Den Gefangenen gelang es in der Zeit von 1939 bis 1940, als das Lager noch kein Deportationslager war, im Lager eine Art kulturelles Leben aufrecht zu erhalten, sie spielten Theater, malten Fresken und Karikaturen. An den Wänden verschiedener Räume sind noch Überreste davon erhalten. Eine Reihe von Bildern wurde von den Häftlingen sogar im Auftrag der Lagerverwaltung erstellt – diese wollte sich ihren Wachraum mit karikaturähnlichen Wandmalereien ausschmücken lassen.
In dieser Lagerphase war Les Milles zwar ein Internierungslager, in dem die sanitären Verhältnisse zum Teil unzumutbar war. Es war jedoch kein Lager, in dem Menschen gequält und geschunden wurden. Feuchtwanger schrieb später, er habe in Les Milles nie etwas erlebt, „das man als Grausamkeit oder auch nur als schlechte Behandlung hätte bezeichnen können. Niemals wurde geschlagen oder gestoßen oder auch nur geschimpft.“ Feuchtwanger beklagte hingegen eine Mischung aus Schematismus und Schlamperei, aus Gedankenlosigkeit und Herzensträgheit, aus Konvention und Routine.

Wer verstehen will, wie der Alltag im Lager damals war, der findet diesen in Feuchtwangers Buch „Der Teufel in Frankreich“ ausführlich dargestellt. Feuchtwanger schreibt von Nächten, in denen an Schlaf kaum zu denken war, vom „Gegrunze, Gestöhne, Gegähne und Gerülpse“ am Morgen, vom Wettlauf um den Platz an der Latrine und am Wassertrog – und von bis zu 100 Menschen, die in der Schlange standen, um die Toiletten benutzen zu können. „Es gab kein Wasser, man konnte sich vor dem Kot nicht retten und nicht von den dicken Schwärmen von Fliegen“, erinnerte sich Feuchtwanger.

Wer die Region Marseille-Provence besucht, für den bietet es sich an, auch die Gedenkstätte „Les Milles“ zu besuchen. Sie ist ein Mahnmal dafür, dass Kultur und Zivilisation keine Selbstverständlichkeiten sind, sondern stets brüchig und bedroht sind. Dies zeigt die Ausstellung in der Gedenkstätte eindrucksvoll am Beispiel der Genozide an den Armeniern, den Juden, den Sinti und Roma und an den Tutsis in Ruanda. Les Milles soll künftig auch regelmäßig zum Veranstaltungsort werden. „Die kulturelle Auseinandersetzung mit dem Thema ist für uns ein zusätzlicher Ansatz, neben dem rationalen und dem wissenschaftlichen“, erläutert der Soziologe Alain Chouraqui. Wichtig ist ihm dabei, die Gedenkstätte nicht als Kulisse für beliebige Events zu nutzen, sondern Veranstaltungen anzubieten, die helfen, die Mechanismen, die zu Gewalt und Genozid führen, besser zu verstehen.
Kontakt
Site-Mémorial du Camp des Milles, 40, chemin de la Badesse, CS 50642 13547 Aix-en-Provence Cedex 4, Tel. +33 442391711, Fax +33 442243468, www.campdesmilles.org
Literaturtipp
Gausmann, Angelika: Deutschsprachige Bildende Künstler im Internierungs- und Deportationslager Les Milles von 1939 bis 1942. Verlag: Möllmann, Ch, ISBN: 978-3-931156-17-6, 33,00 Euro
Weitere Infos
Tourismusbüro Bouches-du-Rhône : www.visitprovence.com
Französische Zentrale für Tourismus: http://de.rendezvousenfrance.com/
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Sanary wurde im Jahr 1035 als San Nazari gegründet. Der ursprüngliche, provenzalische Name wurde 1890 in Sanary-sur-Mer geändert.
Im 12. Jahrhundert gab es an dem heutigen Hafen einen Konvent der Abtei Saint-Victor in Marseille, der dem Heiligen Saint Nazaire gewidmet war. Ende des 13. Jahrhunderts wurde der unter dem heutigen Namen bekannte „Tour Romane“, der als Wehrturm diente, gebaut. 1436 errichtete König René I. eine kleine Garnison, auf dessen Turm es, als Zeichen des königlichen Privilegs, ein Taubenhaus gab. Heute ist der Turm in eine Gruppe von Gebäuden, dem „Hotel de la Tour“, integriert, das während der Herrschaft der Nationalsozialisten deutsche Emigranten beherbergte. Seit 1990 befindet sich in den Gebäuden das Museum Frédéric Dumas.

Schon 1907 hatte der Dichter André Salmon die Provence und die Küste zwischen Marseille und Toulon entdeckt und sich in Sanary niedergelassen. Dazu gesellte sich der mit dem Ehepaar Salmon befreundete Maler Moise Kisling. Der Maler Rudolf Levy verbrachte die Sommermonate in Sanary-sur-Mer. Er schätzte vor allem die Schlichtheit der Bewohner und die herrliche Landschaft. Nach dem Ersten Weltkrieg hatten sich viele Maler und Schriftsteller aus ganz Europa hier und in der Nähe angesiedelt, unter ihnen Aldous Huxley und Julius Meier-Graefe mit seiner Partnerin Anne-Marie Epstein, die die ersten deutschen Emigranten empfingen.

In den Jahren nach der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland hielten sich in der kleinen Stadt am Mittelmeer viele deutsche Emigranten auf. Die Stadt gilt seither als wichtiges Exilzentrum. Zu den berühmtesten Exilanten zählten
Bertolt Brecht, Ferdinand Bruckner, Franz Theodor Csokor, Albert Drach, Lion und Marta Feuchtwanger, Bruno Frank, Walter Hasenclever, Franz und Helen Hessel, Alfred Kantorowicz, Hermann Kesten, Egon Erwin Kisch, Arthur Koestler, Annette Kolb, die Brüder Golo und Klaus Mann, ihre Eltern Katja und Thomas Mann und dessen Bruder Heinrich Mann, Ludwig Marcuse, Erwin Piscator, Anton Räderscheidt, Joseph Roth, Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel, Friedrich Wolf, Arnold Zweig und Stefan Zweig.
Während des Zweiten Weltkrieges war Sanary auch Aufenthaltsort von Jacques-Yves Cousteau, neben Émile Gagnan Miterfinder des modernen Atemreglers. Er besaß dort ein «Villa Baobab» genanntes Haus, wo er seine Erfindung vor dem Zugriff der deutschen Besatzer schützen konnte. 1943 wurden die ersten Tauchversuche gemeinsam mit Philippe Tailliez in Bandol durchgeführt. Später bildeten diese beiden Tauchpioniere zusammen mit Frédéric Dumas, der seit seiner Kindheit in Sanary wohnte, ein bekanntes Trio mit dem Spitznamen Les Trois Mousquemers. Dumas erfand viele Tauchgerätschaften (Unterwasserharpune, Tauchmaske, Tarierweste etc.)
Weiterführende Literatur




© Wikipedia
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Das Landesdenkmalamt Berlin hat die in Berlin bisher vorhandenen 2.548 Litfaßsäulen auf ihren Denkmalwert überprüft: „24 dieser Säulen genießen Denkmalschutz und bleiben als Zeugnisse der Berliner Stadtgeschichte an Ort und Stelle erhalten“, teilt Landeskonservator Dr. Christoph Rauhut mit. Hintergrund für die aufwändige Recherchearbeit war die Neuordnung des Werbemarktes in Berlin.
Die denkmalwerten Litfaßsäulen stehen in den Bezirken Charlottenburg-Wilmersdorf (6), Kreuzberg-Friedrichshain (5), Mitte (4), Pankow (3), Reinickendorf (3), Steglitz-Zehlendorf (2) und Treptow-Köpenick (1). Sie sind Teil von Denkmalbereichen, etwa Siedlungen und Wohnprojekten wie an der Karl-Marx-Allee oder der Reichsbanksiedlung Schmargendorf, oder Gartendenkmalen wie dem Mexikoplatz.
Findet man vom Anfang des Jahrhunderts noch vereinzelte Blechsäulen, wurden die Säulen schon vor dem 2. Weltkrieg aus Beton hergestellt. Manchmal handelt es sich um ehemalige Transformatorensäulen, die umgestaltet und auch versetzt wurden. Das Herstellungsdatum lässt sich meist nur annähernd schätzen, da es keine Bauunterlagen dazu gibt. Die älteste der denkmalgeschützten Litfaßsäulen ist vermutlich die am Hackeschen Markt (Blechsäule, um 1900). Die jüngste datiert von 1987 und gehört als historisierender Nachbau zur Ausstattung des zeitgleichen Nikolaiviertels in Berlin-Mitte.





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Das Atelierbüro des Kulturwerks des bbk berlin GmbH hat mit Datum vom 11.07.2019 insgesamt 6 Ateliers aus dem Arbeitsraumprogramm (Atelieranmietprogramm) ausgeschrieben.
Das Angebot richtet sich an alle in Berlin lebenden professionellen Bildenden Künstlerinnen und Künstler.
Die Besichtigungstermine der Ateliers finden am 24. Juli 2019 statt.
Bewerbungsschluss ist der 06. August 2019.
Die nächste Ausschreibung erscheint voraussichtlich am 10. September 2019. Die dazu gehörenden Besichtigungen werden voraussichtlich am 17. und 18. September 2019 stattfinden.
Alle Details der Ausschreibung können den Webseiten des Kulturwerks des bbk berlin GmbH http://www.bbk-kulturwerk.de oder bei der Senatsverwaltung für Kultur und Europa http://www.kultur.berlin.de: entnommen werden.
Wilhelminenhofstr. 83-85 in 12459 Berlin (Oberschöneweide) – ein Atelier
Deadline: 06.08.2019
Im dritten OG eines denkmalgeschützen Industriegebäudes befinden sich insg. 22 Ateliers. In einem Teilabschnitt der Etage liegen 6 Ateliers, die…
Schönstedtstraße 13 in 12043 Berlin (Neukölln) – ein Atelier
Deadline: 06.08.2019
Das Atelierhaus liegt zentral zwischen Karl-Marx-Straße und Sonnenallee, U Rathaus Neukölln. Vom Erdgeschoss bis zum 4.OG befinden sich…
Langhansstr. 7, Atelierhaus in 13086 Berlin (Weißensee), ein Atelier
Deadline: 06.08.2019
Im Komponistenviertel, ganz in der Nähe vom Antonplatz, befinden sich in der Langhansstraße acht Künstlerateliers. Das Atelierhaus liegt in…
Hans-Schmidt-Straße 4, Atelierhaus in 12489 Berlin (Adlershof) – drei Ateliers
Deadline: 06.08.2019
Das seit 1994 bestehende Atelierhaus (Haus 6) mit 59 Ateliers ist fussläufig vom S-Bhf. Adlershof gut erreichbar. Die Ateliers sind im EG, 1.…
aktuelle Atelierausschreibung (PDF)
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Liebe Bezieher des Newsletters Breitenbachplatz,
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Roderick Miller wollte wissen, ob in seinem Haus in Neukölln Verfolgte des Nazi-Terrors wohnten. Die Recherche ließ ihn nicht mehr los. Mit dem Projekt „Mapping the Lives“ hat Miller fast allen Opfern der Nazis im Dritten Reich einen digitalen Stolperstein gelegt.
„Der Junge hat im selben Haus gewohnt. Er ist jeden Tag durch denselben Flur gegangen, hat denselben Boden und dieselbe Haustür gesehen. Das ist schon ein merkwürdiges Gefühl“. Roderick Miller steht vor seinem Haus in der Hobrechtstraße in Berlin. In der Hand hält er ein Foto von dem Jungen, der im dritten Reich im selben Haus gewohnt hat, wie Miller jetzt.
Gert Kahan, 1925 geboren, verfolgt, weil er Jude war. Als er 15 Jahre alt war, wurde sein Vater in Dachau ermordet. Seine Mutter wurde über Theresienstadt nach Auschwitz deportiert. Gert schaffte es, 1941 mit 16 Jahren nach Palästina zu fliehen. Später emigrierte er nach Kanada.

Miller hat diese Informationen aus Gedenkbüchern und Daten aus dem Bundesarchiv zusammengetragen. Nicht nur für sein Haus, sondern für fast jedes in Berlin und ganz Deutschland. Auf der digitalen Stadtkarte „Mapping the Lives“ [mappingthelives.org] hat er die jüdischen Schicksale mit schwarzen Punkten markiert. So kann jeder recherchieren, wer in seinem Haus oder der Nachbarschaft gewohnt hat.
„Als ich 2004 nach Berlin kam, habe ich die Stolpersteine bemerkt und ich wollte auch wissen, wer in meinem Haus gewohnt hat“, sagt Miller. Die Suche war nicht leicht. Miller konnte nicht einfach nach der Adresse suchen, sondern musste das Berliner Gedenkbuch mit zehntausenden Namen durchgehen. So entstand die Idee für das Projekt Mapping the Lives, die digitalen Stolpersteine.

„Ich wollte, dass es leicht möglich ist, zu sehen, wer in welcher Straße gewohnt hat“, sagt Miller. Viele wüssten nicht über das Ausmaß der Verfolgung Bescheid. „Aus fast jedem zweiten Haus wurde jemand vertrieben“, sagt Miller. „Ich finde es wichtig, dass die Menschen, die heute hier wohnen, das verstehen. Wir wohnen in den gleichen Häusern wie damals, das schafft eine Verbindung, das vergisst man nicht.“

Auf der Karte, die es auch als App geben soll, sind nicht nur Verfolgte jüdischen Glaubens vermerkt. Miller und seine Kollegen des gemeinnützugen Vereins „Tracing the Past“ wollen alle bekannten Opfer des NS-Regimes, die aufgrund ihrer Nationalität, Religion, politischer Überzeugung, sexueller Orientierung, sozialer Ausrichtung, körperlicher oder geistiger Behinderung oder als Widerstandskämpfer verfolgt wurden, dokumentieren. So wollen sie die zwischen 1933 und 1945 existierenden Wohngegenden in ganz Europa nachbilden. Die Arbeit am Projekt wird durch Spenden finanziert.
Die Daten für Deutschland basieren auf der durch Hitler angeordneten Volkszählung von 1939, ergänzt durch Informationen aus dem Bundesarchiv. „Fast alle Akten sind von Nazi-Behörden erstellt worden“, sagt Miller, damit müsse man vorsichtig umgehen. Auf Todesurkunden aus Konzentrationslagern stünde beispielsweise „Herzschwäche“, obwohl die Opfer ermordet wurden. Die Ergebnisse aus der Volkszählung seien allerdings fast die einzige Möglichkeit um die Adressen zu recherchieren.
Sendung: Abendschau, 12.07.2019, 19:30 Uhr
© RBB
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Ein Leben mit nicht nur künstlerischem Horizont unter geteiltem Himmel. Hätte man vor 20 Jahren ihren Namen erwähnt: Die beinahe-Ehrenbürgerin von Berlin, DIE Fotografin des (Ost-)Berliner Theaterlebens mit Wurzeln & Wohnort im Berliner Westen, sie wäre wohl einem jeden Kunst-Interessierten sofort ein Begriff gewesen.
13 Jahre sind seit ihrem Tod vergangen und nun gedachte das Centrum Judaicum ihr mit einer Ausstellung von 60 ausgewählten Werken aus ihrem 5550 x größerem Werk, einer Hinterlassenschaft von 333000 Negativen aus ihrem Fotografenleben von x + 60 Jahren.
Das „X“: Eva Kemlein, die kleine (nur 1,50 Meter große) Frau mit der großen Hinterlassenschaft, wurde geboren als Eva Ernestine Graupe im vornehmen Charlottenburg, in einer 6,5-Zimmer-Wohnung mit bezahlter Dienerschaft. Ihr bereits 1933 verstorbener Vater, jüdischer Getreidehändler & Bankier, förderte nicht nur Waisen- & Armenhäuser, sondern auch die einzige Tochter mit liberaler Güte und Strenge.
Ihr erster Ehemann, Herbert Kemlein, linker Journalist und Tausendsassa: Mit ihm emigrierte sie nach der Heirat 1933 per Motorroller nach Griechenland. Reisereportagen mit ersten beruflichen Fotos aus ihrer Leica & seinen Texten, dennoch Scheidung wg. Auseinanderlebens, „Mischehe“ & „Rassenschande“; Ausweisung aus Griechenland 1937 und Rückkehr nach Berlin.
Zusammenleben mit der Mutter in einer kleinen Wohnung in Wilmersdorf, Gelegenheitsarbeiten als Fotografin und mit zunehmender Judenverfolgung stets prekärer werdende Zwangsarbeiten (Löten bei Siemens, Lumpen sortieren).
Ein Lichtblick in der dunklen Zeit: Werner Stein, Jahrgang 1888, 21 Jahre älter als sie. 1939 lernte sie ihn kennen und lieben. Wie sie jüdischer Herkunft; Schauspieler & Herzens-Kommunist. Er wird ihr Vorbild im Hoffen auf ein besseres Morgen: Denn das Heute, das war im Berlin unter dem Hakenkreuz die Hölle: Mehr als ein Jahr nachdem die „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen war, hätte es um ein Haar auch sie getroffen: Doch als die SS ihre Mutter am 13.08.1942 holte (und 5 Tage später im KZ Riga ermordete) war sie gerade nicht zuhause und kehrte – gewarnt von ihrem Onkel – auch nicht mehr dorthin zurück.
Was folgte, war die Odyssee der Illegalität: Leben mit falschen Pass („Else Koch“) in permanenter Angst des Entdecktwerdens; aber auch: Leben durch die Solidarität von Menschen, die sie unter eigener Lebensgefahr versteckten. Immer dabei: Die Leica. Fotos entstanden in dieser Zeit keine (?).
Die Kontakte „ihres Steins“ – wie sie den Mann an ihrer Seite liebevoll nannte – waren es auch, die im Mai 1945 dazu führten, dass es zu einer lebenswendenden Begegnung kam: Zwei ihr bislang unbekannte Männer –Fritz Erpenbeck, Mitglied der Gruppe Ulbricht & Rudolf Herrnstadt – kamen in die soeben frisch bezogene Wohnung in der Wilmersdorfer Künstlerkolonie. Herrnstadt soll sie dort gefragt haben: „Hast Du noch ne Kamera…?“
Das „Ja“, dass Eva Kemlein dann aussprechen konnte, war ein „Ja“-Wort, das tatsächlich erst mit dem Tod 4 Tage nach ihrem 95. Geburtstag 2004 endete.
Dazwischen liegen jene 59 Jahre, in denen Eva Kemlein Geschichte hautnah dokumentiert, z.B. als sie als Gegenüber-Nachbarin das erste denkwürdige Zusammentreffen der voneinander überraschten Überlebenden Ernst und Eva Busch in der Künstlerkolonie im Bild festhielt.
Die „Ja-Antwort auf die Frage Herrnstadts machte sie zur 1. Bildreporterin der 1. Berliner Nachkriegs-Zeitung. Kemlein dokumentierte Not & Elend des Lebens nach der „Stunde Null“:
Schwarzmarkt, Trümmerfrauen, Ackerbau im Tierpark, 1950 in 3000 Bildern das Berliner Stadtschloss unmittelbar vor seinem Abriss.
Im Auftrag Fritz Erpenbeck hatte sie für dessen Theaterdienst Fotos von Brechts ersten Proben nach seiner Rückkehr aus dem Exil gemacht und war elektrisiert von dieser Theaterwelt: Sie kündigte beim ILLUS-Bilderdienst und widmete sich als freischaffende Fotografin der Dokumentation dessen, was sie wie das Beobachten eines Bildhauers beim Schaffen seiner Figuren empfunden hatte. Aus dem Zuschauerraum entstanden unzählige Künstlerporträts, u.a. die von Ernst Busch als Richter Azdak im Kaukasischen Kreidekreis, als Galileo Galilei, Helene Weigel als Mutter Courage.
Die ersten 15 Jahre ihrer Selbstständigkeit arbeitete sie nur an Ost-Berliner Bühnen, später (ab Oktober 1964) auch an West-Berliner Theatern.
Sie kannte sie alle: Brecht, Eissler, Busch, Dessau, Piscator, Langhoff… – und alle kannten sie, diese ungewöhnliche Frau, die im Berliner Leben auch deswegen eine besondere Klammer der Kulturen darstellt, weil sie – obwohl durch und durch Sozialistin – IMMER im Westen gewohnt hat.
Wie das wohl in der Hoch-Zeit des „geteilten Himmels“ direkt nach dem Mauerbau und lange vor dem Passierschein-Abkommen im Dezember 1963 möglich war…? (Wer dazu von den Lesern Erinnerungen hat, bitte Mail an die Redaktion)
Eines ist jedenfalls gewiss: Eva Kemleins Leidenschaften überdauerten die DDR, denn sie war noch immer gern gesehener Gast am DT, als es den Staat schon lange nicht mehr gab – ihre letzten nun im Bestand des Berliner Stadtmuseums befindlichen Negative stammen von 2002. Und die Frage nach dem Sozialismus, die sei auch „noch nicht erledigt“, wie sie 2003 bei der letzten Ausstellung ihrer Bilder vor ihrem Tod im Centrum Judaicum „cool“ feststellte.
© Volker Hegmann, Ernst Busch Gesellschaft
Buch: „Berlin lebt auf!“ – Die Fotojournalistin Eva Kemlein (1909 – 2004)
herausgegeben von Anna Fischer & Chana Schütz, 128 Seiten, 80 Abbildungen
Klappenbroschur, 14,90 €, ISBN 978-3-95565-181-7, Hentrich & Hentrich Verlag, Berlin, 2016
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Rückblicke auf meine Jugend in der Künstlerkolonie

© Text- und Fotorechte bei Michael Rickelt
Wenn ich an die Künstlerkolonie denke erinnere ich mich an den Schrankkoffer der Lina Lassen, und es kommt mir das Brummen der Flugzeugmotoren in der Nacht in den Sinn. Die Häuserblocks waren zum großen Teil von Bomben verschont geblieben. (Wie uns die Konzertsängerin Nuscha Richter, die 1945 Dolmetscherin des russischen Stadtkommandanten gewesen war, berichtete, wurde den russischen Bombern befohlen, die Künstlerkolonie zu verschonen, weil dort der den Russen bekannte Ernst Busch gewohnt hat. Dennoch fiel eine kleine Bombe in das Haus am Laubenheimer Platz 9. Anm.d.R.). Nach Kriegsende flogen die Militärflugzeuge der Amerikaner über den Laubenheimer Platz, der 1963 in Ludwig-Barnay-Platz umbenannt wurde. Sie flogen hier schon tiefer, bevor sie in Tempelhof zur Landung ansetzten. Man konnte die runden Fenster am silbernen Rumpf erkennen. In späterer Zeit, als ich mal mit einer Propellermaschine der British European Airways in Richtung Frankfurt geflogen bin, habe ich den Platz mit den Bäumen und dem Sandkasten von oben sehen können.

Wir hatten Pappe in den oberen Fenstern statt Glasscheiben. Die sehe ich noch, auch wie das Licht schlagartig ins Zimmer kam, wenn das Fenster geöffnet wurde. Während der Zeit der Blockade flogen die dicken Brummer im Stundenrhythmus, aber es störte mich kaum als Kind. Ich spielte auf den Holzdielen des Fußbodens Panzer mit Schachteln, in die ich kleine Zweige steckte. Ich bestaunte die schweren Militär-Panzer der Amerikaner, wenn sie mit grell leuchtenden Scheinwerfern über den Südwestkorso rasselten und die Soldaten von ihrem Kanonenturm herunterwinkten.
Bis auf diese lautstarken Signale der Außenwelt schienen die Häuser um den Laubenheimer Platz wahre Gefilde der Ruhe und Abgeschiedenheit zu sein. Um zwölf Uhr mittags läuteten die Glocken vom Turm der Kirche am nahe gelegenen Bergheimer Platz. Dann klapperten Pferdehufe, ein Wagen der Domäne Dahlem stellte sich auf, die Leute kamen mit Blechkannen, um Milch zu holen. Die Szenerie hat geradezu ländlich gewirkt. Das alles konnte ich als kleiner Junge vom Fenster aus beobachten. Ich wohnte im ersten Stock am Laubenheimer Platz 6, zusammen mit meiner Mutter und der Großmutter väterlicherseits. Mein Vater (Martin Rickelt) war in sowjetischer Gefangenschaft in Sibirien. Er hatte meine Mutter während des Krieges in der Ukraine kennengelernt, eine junge Sängerin namens Tamara Ponomarenko.
Das war im Fronttheater von Slawjansk, das er leitete. Eine solche Beziehung war natürlich im „Dritten Reich“verboten, aber er hatte es dennoch fertiggebracht, sie nach Deutschland reisen zu lassen, wo sie bei seiner Mutter in der Künstlerkolonie unterkam. Geboren wurde ich in Schmargendorf, im Säuglingsheim an der Lentzeallee.

Marie Baumann, meine Großmutter, stammte aus einer großbürgerlichen Familie. Sie war in Riga und Freiburg im Breisgau aufgewachsen und fühlte sich als junge Frau vom Glanz der aufstrebenden Theater-Metropole Berlin mächtig angezogen. Sie wollte Schauspielerin werden und begegnete dem als Charakterdarsteller bekannt gewordenen Gustav Rickelt, meinem Großvater.
Zu jener Zeit war dieser schon in den Fünfzigern, spielte im Berliner Künstlertheater in Hauptmanns Biberpelz die Rolle des Rentiers Krüger und war mit dem Dichter Frank Wedekind befreundet. Gustav Rickelt, der spätere Präsident der Bühnen genossenschaft und als solcher Gründer der Künstlerkolonie, hatte das abenteuerliche Wanderleben ein es Theaterschauspielers mit allen Sonnen- und Schattenseiten kennengelernt. Um 1890 befand er sich mit den Meiningern auf Tournee in Amerika. Der Neue Theater-Almanach von 1892 vermerkt ihn als Ensemblemitglied eines deutschsprachigen Thalia-Theaters in der Bowery, New York.

In dem autobiografischen Buch „Königin, das Leben ist doch schön, mit dem Untertitel „Ein deutscher Theater-Roman“, schildert er anschaulich einige Episoden aus dieser Zeit. Als mein Vater aus Russland zurückkehrte, versuchte er, wieder als Schauspieler in Berlin Fuß zu fassen. Die Situation war die denkbar schlechteste, die Theater waren zerstört. Immerhin betrieben die Besatzungsmächte Rundfunkstationen. Aber irgendjemand aus dem Nachbarhaus muß ihn wegen seiner russischen Frau bei den Amerikanern denunziert haben. Daraufhin bekam er Arbeitsverbot beim RIAS. Und im Osten gab ihm ein Kulturfunktionär insgeheim den guten Rat, lieber im Westen zu bleiben. Der das sagte, war Kulturminister der DDR, er hieß Johannes R. Becher (ebenfalls ehem. Bewohner der Künstlerkolonie, Anm.d.R.) und war ein Bekannter von Niels, dem Bruder meines Vaters, der in Dänemark lebte.
Aus der Verbindung meines Großvaters mit Marie Baumann gingen zwei Söhne hervor, Niels und Martin. Da Gustav Rickelt mit einer anderen Frau verheiratet war, hießen sie Baumann. Erst später ließ ihr Vater die beiden legalisieren und seinen Namen annehmen. Nachdem die ersten Wohnblocks der Künstlerkolonie zwischen Südwestkorso und Kreuznacher Straße errichtet worden waren, bekam Marie Baumann in der Bonner Straße eine Wohnung, die sie mit ihren Söhnen bezog.
Auch ihr Bruder, Paul Baumann, wohnte nun einige Häuser weiter. Er hatte in München einen literarischen Verlag „Die Wende“ gegründet und ein kostspieliges Mappenwerk mit Druckgrafiken herausgegeben. Seinerzeit bekannte Künstler wie Emil Pirchan, Wilhelm Schnarrenberger und Emil Betzlerwaren daran beteiligt. In Berlin unterrichtete er dann als Lehrer an der Privatschule des Pädagogen Berthold Otto in Lichterfelde. Über diesen hat er in seinen letzten Lebensjahren ein wissenschaftlich-biografisches Werk verfaßt. Ich bin oft die vielen Stufen zu Paul Baumanns Wohnung in der Bonner Straße 1 hinaufgestiegen und habe mich in die merkwürdigsten seiner unzähligen Bücher vertieft. Dicke alte und wertvolle Folianten mit Bildnissen von Gelehrten und geheimnisvollen Pflanzen standen in den Regalen, die auch die Wände des Flurs einnahmen.

Ein anderer Bruder meiner Großmutter wohnte ebenfalls in der Künstlerkolonie. Hans Baumann, der als Pressezeichner für die BZ am Mittag begann und sich dann einen Fotoapparat zulegte, um Bilder von berühmten Persönlichkeiten wie Gustav Stresemann, Gerhart Hauptmann oder Mussolini zu schießen. Diese wurden großformatig in der Berliner Illustrierten veröffentlicht. Als die Nazis kamen, ging er nach London, wo er zum Chefreporter der Picture Post avancierte. Als Felix H. Man ist er später in die Geschichte des Foto-Journalismus eingegangen.

Während mein Vater die Berthold-Otto-Schule besuchte, ging sein älterer Bruder Niels auf die Karl-Marx-Schule in Neukölln. Hier hatte er sich schon früh kommunistisch orientierten Schüler- und Studentengruppen angeschlossen. Als die Künstlerkolonie, der „rote Block“, im März 1933 von SA-Männern umstellt wurde, fand in der Wohnung meiner Großmutter eine erste Hausdurchsuchung statt. Aber außer ein paar Büchern mit verdächtigem lnhaltfanden sie nicht das, was sie suchten. Niels war bereits untergetaucht und befand sich auf dem Weg über die Ostsee nach Kopenhagen. Während der deutschen Besatzungszeit agierte er im politischen Untergrund für den dänischen Widerstand. Nach dem Krieg blieb er in Dänemark und bekleidete eine Stelle im Staatsarchiv. Das Arbejdermuseet in Kopenhagen bewahrt seinem politischen Wagemut ein Andenken in Form von Briefen, Dokumenten und Fotos. Darunter auch ein Foto seiner Mutter, die bis zu ihrem Tode 1975 zurückgezogen in ihrer Wohnung in der Bonner Straße 8 lebte.
Meine Eltern und ich waren vom Laubenheimer Platz in die Kreuznacher Straße gezogen. Die von Reben bewachsenen Fassaden waren sonnenverwöhnt, den ganzen Sommer über summten die Wespen. Gegenüber erstreckten sich die Schrebergärten bis zum Breitenbachplatz.
Im Parterre unseres Hauses wohnte eine ältere Dame. Es war die Schauspielerin Lina Lassen. Sie trat bereits in Stummfilmen auf, spielte mit Zarah Leander und Gustaf Gründgens und wirkte in einem der letzten Filme des „Dritten Reiches“ unter der Regie von Wolfgang Liebeneiner mit. Ganz oben im Haus sah man ab und zu vom Balkon einen stattlichen Mann mit gebräuntem Oberkörper und Hornbrille herunterschauen, es war der Schriftsteller Oswald Richter-Tersik, der Unterhaltungsromane wie „Tänzerin der Liebe“ und „Lady Hamilton“ verfaßt hatte.

Mein Zimmer ging zum Hof hinaus, der war ziemlich dunkel. Aber wir Kinder rannten dort gern herum, sehr zum Verdruß des Hausmeisters, einer korpulenten Respektsperson. Wir verpaßten ihm den Spitznamen Fiegenklotz und machten uns einen Spaß daraus, vom Hof gejagt zu werden. Sonst malten wir mit Kreide auf dem Asphalt der Straßen am Laubenheimer Platz weitläufige Grundrisse unserer Fantasiehäuser. Kein einziges Kraftfahrzeug war zu sehen, das unser Treiben hätte beeinträchtigen können.
Meine erste Schule war die ehemalige Gartenarbeitsschule in der Dillenburger Straße. Dorthin hatte ich einen recht weiten Weg, der über den Breitenbachplatz führte. Ich habe noch das friedliche Bild des Platzes vor Augen mit den hohen Pappeln, die den Eingang zur U-Bahn überragten. Später kam ich in die gerade neu erbaute Pavillonschule am Rüdesheimes Platz, die zu einem Aushängeschild für die damals moderne Schulpolitik des Berliner Senats wurde. Zur Eröffnung traten wir im Schulchor auf. Bezirksbürgermeister Dumstrey übergab den Goldenen Schlüssel an die Rektorin, Frau Schnee, eine begnadete Pädagogin.
Der Einser-Bus fuhr über den Südwestkorso in Richtung Moabit. Mit diesem Bus fuhr ich abends als Neunjähriger in die Bismarckstraße ins Schiller-Theater. Mein Vater hatte mich dem Intendanten Boleslaw Barlog vorgestellt, und nachdem ich als „Weberjunge“ in Hauptmanns Die Weber zu den Ruhrfestspielen nach Recklinghausen mitfahren durfte, bekam ich eine kleine Rolle im „Hauptmann von Köpenick“. Den spielte der legendäre Werner Krauß. Ich trat in einer Szene als Sohn des Bürgermeisters Obermüller auf, den Martin Held an der Seite von Bertha Drews so glänzend witzig darstellte.
Auch beim Film wirkte ich mit, wo ich den erwähnten Regisseur Wolfgang Liebeneiner kennenlernte. Ich spielte einen Jungen in kurzen Lederhosen. Meine Partnerin war Antje Weißgerber: sie verkörperte eine schöne Frau, die im Rollstuhl saß und unglücklich in einen Mann verliebt war (Hans Söhnker). Der Film hieß Die Stärkere. Meine Mutter trat in Konzerten auf, sie sang als Mezzosopranistin z.B. auf der Freilichtbühne Rehberge im Wedding die Saffi im Zigeunerbaron von Johann Strauß. Später hat sie mit ihrer klaren und temperamentvollen Stimme russische Lieder von Glinka und Gurilew vorgetragen.
Einige Schauspieler, die mit meinen Eltern befreundet waren, arbeiteten am Berliner Ensemble im Theater am Schiffbauerdamm. Zu ihnen gehörte Heinz Schubert, der mit seiner Frau llse und zwei kleinen Töchtern auch in der Künstlerkolonie wohnte, in der Laubenheimer Straße 7.

Heinz Schubert wurde von Bertolt Brecht entdeckt und entwickelte sich auf dessen epischer Bühne zu einer markanten Darstellerpersönlichkeit. Die Familien Schubert und Rickelt sind im Sommer zusammen nach Holland zum Zelten gefahren und später nach Schweden. Ich habe Heinz Schubert als Jugendlicher bewundert, weil er einer der wenigen Erwachsenen war, die es wagten, mit Blue Jeans herumzulaufen. Das war damals verpönt und blieb den verrufenen Halbstarken vorbehalten. Nach dem Bau der Mauer gingen die Schuberts nach Westdeutschland, und in späteren Jahren wurde Heinz Schubert als Ekel Alfred Tetzlaff zum Liebling der Fernseh-Zuschauer. In jenen Jahren muß in Westberlin eine allgemeine Aufbruchstimmung geherrscht haben. Auch mein Vater folgte einem Ruf an ein westdeutsches Theater. Daß er gegen Ende seiner Schauspielerlaufbahn die Figur des hinterhältig-fiesen Alt-Nazis Onkel Franz in der „Lindenstraße“ verkörpern und damit populär werden würde, kann vielleicht als Ironie des Schicksals gesehen werden. Für uns hieß es jedoch, Abschied zu nehmen von Freunden, von Berlin und von der Künstlerkolonie. Zu unserem Umzugsgepäck gehörte unter anderem ein schwerer schwarzer Schrankkoffer, in welchen Anzüge und Kostüme eingehängt werden konnten. Den hatte die ältere Dame vom Parterre, Lina Lossen, kurz vor ihrem Tod meinem Vater vermacht. Auf dem blechumrahmten Schild konnten Zielort und Absender angegeben werden. Mit Schreibmaschine getippt stand nun hier zu lesen, Zielort: Badisches Staatstheater Karlruhe – Absender: Berlin-Wilmersdorf, Kreuznacherstraße 38. Als Erinnerung an unseren Weggang aus Berlin habe ich diesen Schrankkoffer bis auf den heutigen Tag aufbewahrt.
© Michael Rickelt, Künstlerkolonie Berlin e.V.
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Wir sind über eine interessante Buchveröffentlichung aufmerksam geworden, welches wir kurz vorstellen möchten.

Autoreninformation:
Dr. Uwe Fuhrmann hat nach einer Schreinerlehre Geschiche studiert. Er publiziert seit 2012 als Teil des AK Loukanikos über Geschichtspolitik und kritische Wissenschaften.
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