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BVV Charlottenburg Wilmersdorf u.a. zur Künstlerkolonie Berlin Wilmersdorf

Der Kiosk am Ludwig Barnay Platz stellte über Jahrzehnte den zentralen Anlaufpunkt für die Bewohner der Berliner Künstlerkolonie dar und lud zum Smalltalk und kurzen Verweilen ein. Seit der Einstellung des Betriebes fehlt dieser Anlaufpunkt für die Anwohner.

Der Verein der Künstlerkolonie Berlin. e.V. schlägt vor, diesen Kiosk lastenfrei zu übernehmen und zu einem ideellen Preis von € 1,00 zu pachten.

Der „KulturKiosk der Künstlerkolonie“ soll als zeitgemäße „Litfaßsäule“ dienen und in einen wichtigen kulturellen Kontaktpunkt für den Kiez verwandelt werden.

Der Verein der Künstlerkolonie Berlin e.V. ist ein eingetragener, gemeinnütziger Verein. Dieser wird Ausstellungen im und am Kiosk organisieren und präsentieren.

Der „KulturKiosk der Künstlerkolonie“ soll die Geschichte der Kolonie und ihrer Bewohner mit wechselnden Schautafeln an den Außenseiten veranschaulichen. Wir stellen uns vor neben der grafischen Darstellung der Kolonie und ihrer Bewohner im Inneren einen Präsentationsort für die im Umfeld wohnenden KünstlerInnen aus den Bereichen Urban Art, Grafik Design, Illustration undComic zu schaffen. Weiterhin soll der KulturKiosk auch als Bücherbox fungieren; mit an den Wänden angebrachten Bänken zum Verweilen einladen und damit zum Ort der Begegnung und des Austauschs der Bewohner des Kiez werden.

Angesiedelt im Süden von Wilmersdorf, wo seit den letzten Jahren ein starker Anstieg der Mieten und ein Verlust künstlerischer Einrichtungen, Ateliers und Veranstaltungsorten zugunsten kommerzieller Strukturen prägend ist, bildet der KulturKiosk der Künstlerkolonie eine wichtige Bastion kultureller Vielfalt und künstlerischen Austausches.

Ein wichtiger Bestandteil des Küko KulturKiosk ist die ehrenamtliche Ausstellungstätigkeit des Vereins und ein wechselndes Workshop-Programm, das auch den Ludwig-Barnay-Platz einbeziehen soll (z.B. durch Malkurse für Erwachsene und Kinder, Fotografie-Workshops, Yoga-Treffen und Kultur-Picknicke).

Der „KulturKiosk der Künstlerkolonie“ wird auch die Funktion eines Treffpunktes für den Verein haben, der bei Kaffee und Kuchen an Vereinsnachmittagen den Mitgliedern ein Ort der Begegnung und des Austausches bietet.

Wir würden uns freuen mit Ihrer Unterstützung dieses Vorhaben für unseren Kiez umsetzen zu können.


BVV Sitzung am 12. September 2019, 17 Uhr
Rathaus Charlottenburg

 

Ö 10.3     Künstler-Kiosk unterstützen

Die BVV möge beschließen:

 

Das Bezirksamt wird gebeten, die Initiative der Künstlerkolonie, den Kiosk am Barnay- Platz als Ort der Kunst zu nutzen und über das historische Ensemble der Künstlerkolonie zu informieren, zu unterstützen.

 

Der BVV ist bis zum 31. 12.2019 zu berichten.

 

 

Begründung

Der Kiosk wird seit 2 Jahren nicht mehr betrieben.

Ö 10.12     Ludwig-Barnay-Platz besser pflegen und gestalten

 

Die BVV möge beschließen:

 

Das Bezirksamt wird gebeten, eine Grundpflege im Ludwig-Barnay-Platz durchzuführen und krähensichere Papierkörbe aufzustellen. Außerdem sind die Bänke zu erneuern.

Des Weiteren wird das Bezirksamt gebeten, den Ludwig-Barnay-Platz in die Investitionsplanung des Bezirks aufzunehmen, um mittelfristig die Gartenanlage neu zu gestalten.

Ferner wird das Bezirksamt gebeten, der Künstlerkolonie einen Pflegevertrag und entsprechende Unterstützung für ehrenamtliches Engagement anzubieten.

Der BVV ist bis zum 28.2. 2020 zu berichten.

 

 

Begründung

Der Ludwig-Barnay-Platz wird von den Anwohnenden stark genutzt. Jedoch ist die Pflege nicht ausreichend gewesen, so dass der Park durch den Rückbau von Beeten sowie der Auswaschung und Überwucherung von Wegen nicht mehr attraktiv ist.

Mit Maßnahmen, die leicht umzusetzen sind, wie neuen Bänken und krähensicheren Papierkörben sollte der Bezirk beginnen, die Attraktivität wieder zu erhöhen. Mittelfristig sollte der Park in die Investitionsplanung aufgenommen werden, um die Wege und Beete zu sanieren.

Die Künstlerkolonie steht als Ansprechpartner bereit, um mit ehrenamtlichem Engagement den Bezirk zu unterstützen.

 

 


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Albert Steinrück…Damals war’s…

Das Leben ist eine Rutschbahn

Ein letzter Triumph des preußischen Staatstheaters 

Am 28. März 1929, um 23 Uhr kam es in Berlin zu einem Theaterereignis welches in die Theatergeschichte Berlins eingehen sollte und bis heute kein vergleichbares Ereignis solcher Bühnenkraft stattgefunden hat.

Die Gedenkfeier für Albert Steinrück

In memoriam

Albert Steinrück. Bühnen- und Filmschaupieler, Regisseur, Direktor; geboren am 20. Mai 1872 in Wetterburg/Waldeck, gestorben am 11. Februar 1929 in Berlin. – Wesentliche Stationen: Schillertheater und (1905 bis 1908) Max Reinhardt Deutsche Theater Berlin; Hof- beziehungsweise Staatstheater München (1908 bis 1920); dann wieder Berlin, Deutsches Theater und Staatstheater. – Urwüchsiger Charakterdarsteller nicht ohne Aura der Innerlichkeit, genialische Bohemenatur; anfänglich (dann lebenslang nebenberuflich) Maler. -Unter anderem Woyczek der Münchner Uraufführung (1913); Shakespeare-, Schiller-, lbsen-, Strindberg -, Haupmann-Rollen, entscheidend beteiligt an den Erfolgen Wedekinds. Im Film zum Beispiel Partner Elisabeth Bergners ( ,Fräulein Else” ).

Heinrich Mann, aus der Sicht de Freunde, in seinen „Erinnerungen an Albert Steinrück“: ,,Er war einer der vollständigsten Menschen. Er hatte beides, die Kraft und die Feinheit.” (Essays Bd. I, Bin. 1954, . 43 ff.)-

Alfred Polgar, Nachruf: ,,Er stand wie ein Baum, breiten Schatten werfend, wuchtig und schwer in der dramatischen Landschaft. Wenn er, gefällt, stürzte, war das erschütternd … “. (Kleine Schriften Bd. 6, Hbg. 19 6 . 426 ff.)

Trotz der seit dem letzten Weltkrieg vielfältig vorangeschrittenen Theaterwissenschaft scheint eine Monographie über Steinrück, soweit bisher zu ermitteln war, noch nicht zu existieren. Ein recht kümmerlicher Artikel in H. Rischbieters Theater-Lexikon (Zürich 19 3) verzeichnet nur zwei „Quellen” mit teils umstrittenem Inhalt (W. Drews : Die Großen des deutschen Schauspiels , 1941; H. Jhering: von Josef Kainz bis Paula Wessely, 1942). – nachzutragen wäre zum Beispiel das einschlägige Kapitel in: Begegnungen mit Schauspielern. Zwanzig Porträts aus dem Nachhlaß (Bln./ R 1967· Neuauflage 1977) des – ebenfalls umstrittenen – Arnolt Bronnen. – Abschließend zur Person sci wenigstens noch Rudolf Fernau erwähnt der in einem, aus der Flut der Schauspieler-Memoiren herausragendem Lebenstage­buch „Als Lied beganns’ … “(zuerst Frankfurt/Bln. 1972) ein sehr lebendiges Porträt seines Lehrers Steinrück skizziert hat.

Dessen Ehrengrab befindet sich übrigens auf dem städtischen Friedhof Zehlendorf, Onkel-Tom-Straße 30.

Ein Verbindungsweg von der Kreuznacher Straße zum Südwestkorso an der Wilmersdorfer Künstlerkolonie trägt Steinrücks Namen. –

Kaum ein Berliner Theaterprogramm der vielmemorierten, genannten „goldenen” zwanziger Jahre dürfte eine solche Fülle prominenter Namen – und nicht nur der Bühne! – vereinen wie der hier repr oduzierte Anschlagzettel für die einmalige Nachtvorstellung vom 28. März 1929 im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt. Man studiere die Besetzung des Wedekindschen “Marquis von Keith” bis hinunter zur Statisterie sowie das nichttheatralische Personenaufgebot (wovon der „Ehrenausschuß” sicher nur eine zussätzlich anlockende Schirm­herrenfunktion hatte): zumindest als Theaterfreund wäre man gern dabei gewesen . . .Sind auch etliche Darsteller von der schnellebigen Nachwelt schon wieder vergessen, so ragen genügend andere in ihrer künstlerischen Wirkung noch unvergessen in unsere Gegenwart.

Nun sollte man sich von dem kulturellen Glanz einer derart singulären Veranstaltung, nicht über den tristen ja makabren Zeitgeschichtlichen Hintergrund hinwegtäuschen lassen, der sich – für das Jahr 1929 in Beispielen kurz zusammengerafft – etwa so darbietet: ,,Anhaltende Arbeitslosigkeit, Verschärfung der Lohnkämpfe Streik und Aussperrungen, defizitäre Finanzentwicklung. Blutige kommunistische Aktionen am 1. Mai in Berlin. Neuer Aufschwung der Nationalsozialisten ( … ) Die Schauspieler protestierten im Februar gegen ihre wirtschaftliche Lage. Polizeiliche Eingriffe in die Spielpläne einiger Berliner Theater [ … u w .).” ( . Rühle: Theater für die Republik 1917-33, Frankf. 1967 .917.)

Ferner ist daran zu erinnern, daß trotz der einmaligen Besetzung keine theaterhistorisch wichtige Aufführung stattfand sondern „nur” die aufwendige Gedächtnisfeier einer Elite für einen ihrer Besten, zugleich als Wohltätigkeitsveranstaltung ein gesellschaftlicher Anlaß. ,,Im Publikum Frack, große Toilette, Perlen. Der [für die Hinterbliebenen] wohltätige Zweck wurde erreicht.

Jessner nicht als Regisseur, sondern als Festleiter [ … ]. Selten ist ein Schauspieler so geehrt worden wie Albert Steinrück.” Der eben zitierte Kritiker Herbert Jhering berichtete am 30. März im „Berliner Börsen-Courier” anschaulich über einige Mimen und ihre Sonderleistungen, teilte aber auch die berechtigte Frage, wo denn eigentlich in solcher „Starversammlung” der Sinn des Stückes und dessen Autor geblieben seien (nachzulesen bei Jhering: Von Reinhardt bis Brecht, Bd. II Bin. 1961, . 391 ff.). -Der Dichter (Jahrgang 1 64) war schon 1918 seinem großen Lieblingsschauspieler vorausgegangen. C. Kühn

Albert Steinrück begann als Maler. Erst dann fing er an zu schauspielern, ohne jedoch eine Ausbildung durchlaufen zu haben. Seit Anfang der 1890er Jahre war er an Theatern in Mühlhausen, Breslau und Hannover sowie ab 1901 in Berlin beschäftigt. 1906 kam er zu Max Reinhardts Ensemble an das Deutsche Theater. Von 1908 bis 1920 war er am Hof- und Nationaltheater in München, wo er auch Regie führte und am Ende Schauspieldirektor war. Dabei spielte er unter anderem den Woyzeck in der Uraufführung des gleichnamigen Dramas von Georg Büchner am 8. November 1913. In den 1920er Jahren war er wieder an verschiedenen Bühnen in Berlin beschäftigt.

Seit 1919 war Albert Steinrück ständig auch beim Film tätig. Gerne wurde er besetzt in den Rollen grausamer Väter. Neben Rosa Valetti spielte er in Reinhold Schünzels Sittenfilm Das Mädchen aus der Ackerstraße. Sein Kollege Paul Wegener besetzte ihn 1920 als Rabbi Loew in Der Golem, wie er in die Welt kam. Ein großer Erfolg wurde 1922/23 Fridericus Rex von Arzén von Cserépy, in dem Steinrück Friedrich Wilhelm I. von Preußen spielte. Neben Asta Nielsen spielte er in Das Haus am Meer und Hedda Gabler, neben Henny Porten in Die Geierwally und Das goldene Kalb. Seine letzte Hauptrolle hatte er 1929 in Joe Mays Asphalt. Steinrück starb während der Probenarbeit zu Ehm Welks Schauspiel Kreuzabnahme, in dem er – an der Volksbühne Berlin – den sterbenden Schriftsteller Leo Tolstoi spielen sollte.

Albert Steinrück war in erster Ehe mit Elisabeth Gussmann (1885–1920), genannt Liesl, einer Schwester Olga Schnitzlers verheiratet, sodass er mit dem Schriftsteller Arthur Schnitzler verschwägert war. In zweiter Ehe mit der Tochter des Malers Alfred Sohn-Rethel (1875–1958), Elisabeth genannt Lissi (1897–1993). Deren Brüder waren der Sozialphilosoph Alfred Sohn-Rethel der Jüngere, sowie Hans-Joachim Sohn-Rethel (1905–1955), Maler und Geräuschimitator, der auch unter dem Pseudonym Freddy Dosh bekannt war. Einer seiner Enkel ist der Schauspieler Michael Hanemann.

Steinrück blieb ein passionierter Freizeitmaler. Einige seiner Werke wurden im Rahmen einer von Heinrich George organisierten Gedenkvorstellung im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt aus Anlass seines Todes ausgestellt und zum Verkauf angeboten und sind heute Teil der Sammlung des Stadtmuseums Berlin, so wie auch seit Mai 2016 sein Nachlass.

 

Ehrengrab von Albert Steinrück auf dem Friedhof Zehlendorf

 

Das Grab von Albert Steinrück befindet sich auf dem Friedhof Zehlendorf. Als Grabzeichen dient nur eine kleine Inschriftenplatte.[4] Auf Beschluss des Berliner Senats ist die letzte Ruhestätte von Albert Steinrück (Feld 017 Nr. 705) seit 1969 als Ehrengrab des Landes Berlin gewidmet.

Der Barnayweg in der Künstlerkolonie Berlin wurde 1944 in „Steinrückweg“ umbenannt.

 

  • 1920: Das Mädchen aus der Ackerstraße. 1. Teil
  • 1920: Katharina die Große
  • 1920: Der Richter von Zalamea
  • 1920: Der Golem, wie er in die Welt kam
  • 1920: Die geschlossene Kette
  • 1920: Die Schuld der Lavinia Morland
  • 1921: Der Leidensweg der Inge Krafft
  • 1921: Das Blut (Regie: Paul Legband)
  • 1921: Fridericus Rex
  • 1921: Die Nacht ohne Morgen
  • 1921: Die Geierwally
  • 1921: Sappho
  • 1921: Der Todesreigen
  • 1921: Das Geheimnis der Santa Margherita
  • 1922: Monna Vanna
  • 1923: Der Schatz
  • 1923: Der Kaufmann von Venedig
  • 1923: Der Wetterwart
  • 1924: Helena (2 Teile)
  • 1924: Das Haus am Meer
  • 1924: Das goldene Kalb
  • 1924: Dekameron-Nächte
  • 1925: Das Haus der Lüge
  • 1926: Überflüssige Menschen
  • 1926: Brennende Grenze
  • 1927: Die Sporck’schen Jäger
  • 1927: Lützows wilde verwegene Jagd
  • 1927: Am Rande der Welt
  • 1927: Das Frauenhaus von Rio
  • 1928: Schinderhannes
  • 1928: Kinderseelen klagen euch an
  • 1928: Das letzte Fort
  • 1928: Der rote Kreis
  • 1929: Asphalt
  • 1929: Fräulein Else

 


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Kulturaustauschstipendien des Landes Berlin – Comic/Graphic Novel: Paris

1 Stipendium à 6 Monate – November 2020 bis Ende April 2021

Zielgruppe / Ziele der Förderung

Das Stipendium ist für die künstlerische Entwicklung von professionell arbeitenden Künstlerinnen und Künstlern bestimmt. Der Auslandsaufenthalt soll ihnen ermöglichen, Verständnis und Kenntnis der Kultur des Gastlandes zu erwerben, Entwicklungen der Szene vor Ort zu studieren, Kontakte zu knüpfen, Ideen auszutauschen, Anregungen zu gewinnen und vor Ort ein künstlerisches Projekt zu realisieren. Hierfür stellt die ausländische Partnerinstitution eine Atelierwohnung zur regelmäßigen Aufnahme Berliner Künstlerinnen und Künstlern bereit.

Voraussetzungen

  • Die Künstlerinnen und Künstler sind durch ihre künstlerische Arbeit ausgewiesen und belegen dies mit entsprechenden Arbeitsproben.
  • Während des Auslandsaufenthalts besteht Präsenzpflicht vor Ort.
  • Die Bewerberinnen und Bewerber leben und arbeiten in Berlin.
  • Die Künstlerinnen und Künstler sind an keiner Hochschule immatrikuliert.
  • Ehemalige Kulturaustauschstipendiaten, deren Auslandsaufenthalt vor zwei Jahren endete, können sich erneut bewerben.

Umfang der Förderung

Das Stipendium beträgt monatlich 2.500 € pauschal und mietfreie Nutzung der Atelierwohnung im Ausland.

Während des Auslandsaufenthaltes betreut die Partnerinstitution die Berliner Künstlerinnen und Künstler und vermitteln auf Anfrage Kontakte zur lokalen Szene. Auch die Goethe-Institute stehen als Kontakt zur Verfügung. Die von der Partnerinstitution organisierten Veranstaltungen (offene Ateliers, Ausstellungen, Künstlergespräche) bieten den Berliner Künstlerinnen und Künstlern Gelegenheit, ihre Arbeit vor internationalem Publikum zu präsentieren.

Ausländische Partnerinstitution

Zeitraum der Ausschreibung

Die Stipendien werden in der Regel jeweils im Juni eines Jahres für Aufenthalte im darauffolgenden Jahr ausgeschrieben.

Antragsstellung

Beachten Sie bei der Antragstellung unbedingt die weiteren Hinweise im jeweiligen aktuellen Informationsblatt.

Nähere Infos

 


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Ankauf von Kunstwerken zeitgenössischer bildender Künstlerinnen und Künstler aus Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin in 2019

Ankauf von Kunstwerken zeitgenössischer bildender Künstlerinnen und Künstler aus Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin in 2019

Die Senatsverwaltung für Kultur und Europa erwirbt Werke zeitgenössischer bildender Kunst von 21 Berliner Künstler*innen (17 Einzelkünstler*innen und 2 Künstlerinnenpaaren) und übereignet diese den Berliner Sammlungen für zeitgenössische Kunst.

Der Stiftungsrat der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin bewilligte auf seiner letzten Sitzung am 19. Juni 2019 eine Zuwendung in Höhe von 250.000,00 Euro. Die aus diesen Mitteln auf Vorschlag der Förderkommission Bildende Kunst getätigten Ankäufe stellen für die Berliner Museen und Sammlungen, die über keine eigenen Ankaufsetats verfügen, eine Möglichkeit dar, frühzeitig jüngere und innovative künstlerische Positionen für ihre Bestände zu erwerben. Darüber hinaus können vorhandene Sammlungen durch Werke renommierter Künstlerinnen und Künstler zu ergänzen. Ziel ist es, einen repräsentativen Querschnitt über das aktuelle Berliner Kunstschaffen auf hohem künstlerischem Niveau zu erreichen.

In der Förderkommission Bildende Kunst sind die Stiftung Berlinische Galerie, die Stiftung Stadtmuseum, das Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin, der Neue Berliner Kunstverein mit seinem Videoforum sowie das Georg-Kolbe-Museum vertreten.

Erworben werden Werke für unterschiedliche Institutionen von folgenden Künstlerinnen und Künstlern:

 

Künstlerin/Künstler

Institution

Slawomir Elsner

Kupferstichkabinett

Jürgen Kellig

Kupferstichkabinett

Paco Knöller

Kupferstichkabinett

Britta Lumer

Kupferstichkabinett

Hanns Schimansky

Kupferstichkabinett

Bente Stokke

Kupferstichkabinett

Beate Terfloth

Kupferstichkabinett

Pauline Boudry / Renate Lorenz

Neuer Berliner Kunstverein

Candice Breitz

Neuer Berliner Kunstverein

Antje Ehmann, Eva Stotz

Neuer Berliner Kunstverein

Clarissa Thieme

Neuer Berliner Kunstverein

Hito Steyerl

Neuer Berliner Kunstverein

Zora Mann

Stiftung Berlinische Galerie

Kurt Buchwald

Stiftung Stadtmuseum

Betina Kuntzsch

Stiftung Stadtmuseum

Frank Schirrmeister

Stiftung Stadtmuseum

Karl-Ludwig Lange

Stiftung Stadtmuseum

Christiane Möbius

Stiftung Stadtmuseum

Trak Wendisch

Stiftung Stadtmuseum

Kontakt: Daniel Bartsch – Pressesprecher 

mail: daniel.bartsch@kultur.berlin.de

mobil : +49 (0) 170 916 74 41

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Auf dem weißen Rößl zum Alexanderplatz – Camilla Spira und ihre Schwester Steffie

Camilla Spira und ihre Schwester Steffie

Die Spira-Schwestern stellen als Zeuginnen des Zwanzigsten Jahrhunderts die Unterschiedlichkeiten von Exilerlebnissen in ein besonderes Licht. Aus der selben Familie stammend, sind ihre Geschichten, wie sie verschiedener kaum sein können.

Camilla Spira wird am 1. März 1906 in Hamburg, Steffie am 02. Juni 1908 in Wien geboren. Ihre Eltern sind der in Deutschland bekannte Opernsänger Fritz Spira, aus einer jüdischen Familie in Wien gebürtig, und die aus Dänemark stammende Protestantin Lotte Andresen, die später als Filmschauspielerin arbeiten wird.

Der charmante Vater mit dem Wiener Akzent, der Erfolge am Theater und im Kabarett feiert, läßt seinen Töchtern eine unkonventionelle Erziehung angedeihen. Er ist jemand, der öfter sein Geld verspielt und gelegentlich verlangt, auf der Stelle mit den Kindern spontan zu verreisen, gleichgültig, ob gerade Ferien sind oder nicht.

Es ist die Mutter, die dann die Lehrer becirct und aus der Schule holt, um diese Familientage zu ermöglichen. So bunt und abwechslungsreich sieht der Familienalltag bei den Spiras aus. Der Vater ist in seinen Aktionen und Entscheidungen unberechenbar bis jähzornig, die Mutter organisiert den Rest, ohne jedoch ihr Bedürfnis nach Amusement zu vernachlässigen. Darüber hinaus ist Lotte Andresen diejenige, die die Töchter anleitet, einige schauspielerische Szenen im privaten Kreis vorzuführen, und so gestalten sie einen Großteil ihrer Freizeit mit Verkleidungen und Sketchen.

Die Schauspielerkinder wachsen zusammen in der Koblenzer Strasse in Berlin auf. Camilla, die ältere, wird zärtlich „Millachen“ gerufen. Sie ist bis ins hohe Alter hinein stets auf ihr Äußeres bedacht, und legt Wert auf Anstand und Etikette. Steffie hingegen ist das krasse Gegenteil ihrer Schwester. Es macht ihr nie etwas aus, mit dem Hinweis auf das gesittete Auftreten Camillas zurechtgewiesen zu werden. Wie ihre Kleidung aussieht, ist ihr „von jeher wurscht“, und sie kommt als Kind wesentlich besser als Camilla damit zurecht, durch die abenteuerlichen Eskapaden, in die sie der Vater hineinzieht, auch einmal neben der Normalität einer bürgerlichen Familie zu leben.

Camilla und Steffanie Spira, sechs und vier Jahre alt

Bereits als Fünfzehnjährige sagt Camilla Spira, so berichtet ihre Schwester, „Also weißt du, ich werde nur ganz reich heiraten, damit mir so etwas nicht passiert.“ So unangenehm ist ihr schon als Kind die wirtschaftlich unsichere Situation der Familie, welche sich auch darin zeigt, daß man gelegentlich beim Einkaufen anschreiben lassen muß.

Um Malerin werden zu können, stellt Camilla Spira schon mit 13 Jahren eine Mappe zu sammen, mit der sie sich bei der Akademie der Künste in Berlin bewirbt. Es wird ihr zwar Begabung attestiert, aber um aufgenommen zu werden, ist sie zu jung. Statt dessen organisiert ihr Vater ihr über Beziehungen einen Platz in der legendären Max Reinhardt Schule für Schauspiel. Nachdem sie sechs Monate dort verbracht hat, bekommt sie ihr erstes Engagement am „Wallner Theater“ in Berlin. Hier spielt sie unter anderem die klassischen Rollen der Emilia Galotti und Minna von Barnhelm. Ihre Auftritte sind sehr überzeugend und erhalten gute Kritiken.

1924 wird Camilla am „Theater in der Josefstadt“ in Wien engagiert, das zu den Reinhardt Bühnen gehört. Vollkommen konzentriert und leidenschaftlich widmet sie sich ihrem Beruf und lebt dafür, zu lernen und eine gute Schau- spielerin zu sein. Beinahe ermüdend empfindet sie dagegen die Umwerbungen von Hermann Eisner, dem Rechtsreferendar, den sie auf einem Ball kennenlernt. Ernüchternd sagt sie rückblickend über diese Beziehung: „Ich war des Neinsagens müde und wir heirateten schließlich zwei Jahre nachdem wir uns kennengelernt hatten.“ Ihrem Lebensstil folgend feiert das Paar 1927 in Berlin eine gutbürgerliche jüdische Hochzeit. Aber eigentlich will Camilla Spira ihr Leben lang für das Theater leben.

Camilla in jungen Jahren

Camilla in jungen Jahren

Im selben Jahr kommt Sohn Peter zur Welt, was sie aber keinesfalls dazu bringt, ihrer Arbeit weni- ger Bedeutung beizumes- sen. Von 1925 an ist sie für zwei Jahre am „Deutschen Theater“ in Berlin tätig, bis sie von 1927 bis 1930 an den Barnowsky Bühnen engagiert wird. Die drei Jahre danach arbeitet sie mit großem Erfolg an der „Volksbühne“. Die doppelte Begabung von schauspielerischem Talent und hoher Musikalität macht ihre Qualität aus und bringt ihr große Po- pularität ein.

Ab November 1930 spielt sie ein Jahr lang die Rößl-Wirtin in Zum Weißen Rößl vom Wolfgangssee und bezieht ein sehr gutes Einkommen. Dieses Stück, welches später auch verfilmt wird, macht sie in ganz Deutschland berühmt. Sie lebt in großem Stil mit Haushälterin und komfortabler Wohnung in Berlin. Die Filmbranche hat schnell Notiz von ihr genommen und so reißt die Serie von Produktionen, in denen sie mitwirkt, bis 1933 nicht ab. Sie spielt in Fritz Langs Das Testament des Doktor Mabuse und 1932 in Morgenrot (Regie Gustav Ucicky) mit.

Camilla Spira verstrickt sich tief in ihre Arbeit, ist diszipliniert und konzentriert. Sie begründet viele Jahre später mit ihrer Begeisterung darüber, in ihrem Beruf ihre Erfüllung gefunden zu haben, den Mangel an persönlichem Interesse am politischen Tagesgeschehen. Sie hat zunächst die Nationalsoziali- sten nicht als gefährlich empfunden. Sie erzählt 1991, daß sie erst davon Notiz genommen habe, als die nationalsozialistische Gesetzgebung ihr 1933 verbietet, öffentlich aufzutreten, weil sie Halbjüdin ist. Erlaubt bleibt ihr noch, vor jüdischem Publikum zu spielen. Die Absurdität des antisemitischen Konzepts der Nationalsozialisten wird deutlich, als ihr einen Tag vor ihrem Berufsverbot zur Uraufführung von Morgenrot und im Beisein der NS-Führungsriege ein Lorbeerkranz mit Schleppe überreicht wird, auf der steht: „Der Darstellerin der Deutschen Frau — Die Ufa.“.

Entrüstet bezeichnet Camilla Spira die Geschwindigkeit, in der diese Ereignisse aufeinander folgen als irrsinnig und unglaubwürdig. Es geht für sie alles viel zu schnell, um die Realität erfassen zu können.

Fünf Jahre lang verharrt sie noch mit ihrer Familie in Berlin, liest gelegentlich vor befreundetem Publikum in kleinem Kreis und zehrt von den Einkünften durch die Rößl-Wirtin. Tochter Susanne kommt 1937 zur Welt. Dann hat Camilla Spira es geschafft, ihren Mann zur Ausreise zu überreden. Mit der Linie Amsterdam fährt die Familie Spira-Eisner nach New York. Dort an- gekommen werden sie sogleich als einwanderungsverdächtige Personen eingesperrt. Es ist der Hilfe einflußreicher jüdischer Emigranten in Amerika zu verdanken, daß das Ehepaar aus dem Gefängnis freikommt. 14 Tage nach ihrer Ankunft in Amerika kehren sie diesem Land wieder den Rücken, weil es ihnen von vornherein nicht gefällt und sie als „Unerwünschte“ behandelt werden. Entgegen allen Ratschlägen und im Gegensatz zu fast allen Exilwegen deutscher Flüchtlinge, reist die Familie Spira-Eisner zurück nach Europa mit Ziel Amsterdam. Hermann Eisner kann als Jurist in den Niederlanden arbeiten und Camilla spielt Kabarett, hält sich mit Privataufführungen finanziell über Wasser und geht mit dem weißen Rößl am Wolfgangssee auf Tournee. Die Zeit des Exils ist endgültig eingeläutet und sollte bis 1947 währen.

 

Camilla Spira, gezeichnet von Emil Orlik 1926

1908 geboren und mit sieben Jahren eingeschult, ist Steffie Spira genauso leb haft interessiert an szenischen Darstellungen wie Camilla. Sie liebt es, sich zu verkleiden und genießt das durch den Vater verursachte etwas andere Familienleben. Nie, so sagt sie in einem Interview, sei sie an dem Punkt angelangt, ihre Schwester zu beneiden. Immer habe sie ihren eigenen Weg gefunden, auch, oder gerade weil sie ihre Individualität stets in den Dienst der Allgemeinheit gestellt hat. In Kinderjahren wird dieses Anliegen durch einen politisch links orientierten Onkel, der im Haushalt verkehrt, bei Steffie verwurzelt. Später drückt sich diese Prägung, das eigene Handeln immer in der Verantwortung zur Gesellschaft zu sehen, in der ausschließlichen Ensemblearbeit aus. Sie ist keine Schauspielerin, die mit ihrem Talent hausiert und sich alleine im Rampenlicht stehen sehen will. Sie legt sehr viel Wert darauf, die eigene Arbeit in der Gruppe des Ensembles zu diskutieren und kritisch zu beleuchten.

So, wie Camilla Spira anfänglich versucht, das Malen zu ihrer Profession zu machen, ist es bei Steffie der Tanz, dem ihre frühe Leidenschaft gehört:

Schon als Kind wollte ich nichts als tanzen. Mein Vater sagte: „Schön, aber das Geld für den Tanzunterricht mußt du dir selbst verdienen.“ Bald nachdem ich eingeschult worden war, durfte ich Unterricht in rhythmischer Gymnastik nehmen, dann eine Ballettschule besuchen, und mein Vater verschaffte mir die er sten Engagements. So fuhr ich abends in das Theater in der Königgrätzer Straße. In dem Stück von Bernauer ‚Die wunderlichen Geschichten des Kapellmeisters Kreisler’ hatte ich im ersten Akt zu tun.

Mit 15 Jahren führt Steffie Spiras Weg in eine Tanzschule nach Dresden zu Mary Wigman. Ihr Traum vom Tanzen scheint berufliche Wirklichkeit werden. Doch während eines Aufenthalts mit der Familie in Wien 1924, als Camilla im Theater in der Josefstadt ihre erste Premiere hat, passiert das Unglück: Steffie stürzt beim Laufen über eine Baumwurzel und zieht sich einen Sehnen- und Kapselriß zu. Das Ende der Tanzkarriere stellt sich ein, bevor sie begonnen hat. Da sie es schon als Kind liebte, mit ihrer Schwester Camilla szenische Darstellungen einzuüben, steht für sie fest, nun Schauspielerin zu werden.

Zurück in Berlin spricht sie bei Ilka Grüning und Lucie Höflich vor, die sie aber nicht sofort als Schülerin annehmen wollen und sie noch drei Monate vertrösten. Seinem ungeduldigen Charakter entsprechend meldet Fritz Spira seine Tochter ohne große Überlegungen in der Schauspielschule der Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger an. Von jetzt an muß Steffie Spira auf eigenen Beinen stehen.

Bis zu diesem Tag war ich für dein Gesicht und überhaupt für dich ver-antwortlich, jetzt schau zu, wie du dein Leben selber gestalten wirst.”

Diese Aussage ihrer Mutter hat Steffie ernst genommen und in die Tat umgesetzt.

Keine Ermahnungen, keine Vorbilder wurden gegeben. ‚Du selber’ – das war der Auftrag. Ich habe ihn ernst genommen.“

In der Schauspielschule der Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger lernt Steffie Spira Günter Ruschin kennen.

Steffi Spira 1929 in Berlin

Über diese Begegnung sagt sie: „Bis heute kann ich mir darüber keine Rechenschaft ablegen, warum ich vom ersten Moment an das Gefühl hatte: Das ist der Mensch, der zu mir gehört.“ Günter Ruschin ist engagierter Schauspieler und überzeugter Kommunist. Mit ihm zusammen läßt Steffie Spira sich durch die Genossenschaft zur Schauspielerin ausbilden und erhält 1925 ihr erstes Engagement bei Viktor Barnowsky in Berlin. 1926 tritt sie in die Gewerkschaft der Schauspieler ein. Drei Jahre später spielt sie auf der Volksbühne am Bülowplatz in Shakespeares Was ihr wollt und im selben Jahr in Bertolt Brechts Mann ist Mann.

In Abgrenzung zu bürgerlichen Bühnen gründet sich 1931 aus vielen ar- beitslosen Schauspielerinnen und Schauspielern die „Truppe 31“ um Gustav von Wangenheim herum. Das Kollektiv bringt szenisches Kabarett auf die Bühne und experimentiert mit dem Stück Mausefalle, in dem die vielen Mitwirkenden bestens bekannte Situationen der Arbeitslosigkeit auf der Bühne thematisieren. Das Theater war schon immer ein Mittel für Steffie Spira, etwas zu verändern. Engagiert, beruflich wie privat, weiß sie, daß sie in diesem Ensemble das richtige Medium gefunden hat.

„Diese langweilige Gesellschaft, diese langweilige Welt wollten wir verändern“

Mit 23 Jahren wird Steffie Spira KPD-Mitglied und zieht in die Künstlerkolonie am Laubenheimer Platz in Berlin, wo u.a. Erich Mühsam und Rudolf Leonhard wohnen. Im selben Jahr heiratet sie Günter Ruschin. Der Kreis, in dem sie lebt, ihre Nachbarn, Arbeitskollegen und Freunde sind alle politisch gleich orientiert.

„Links zu sein war zu dieser Zeit in Schauspielerkreisen eine Selbstverständlichkeit. In Parteien organisierte Kollegen aber gab es nur wenige.“

Mit der „Truppe 31“ wird am 04. Februar 1933 Wer ist der Dümmste? am Kleinen Theater unter den Linden aufgeführt. Dieses Stück wird zwei Tage nach dem Reichstagsbrand am 29. Februar 1933 verboten.

Seit dem Reichstagsbrand wird der Terror gegen die Kommunistische Partei immer größer. Steffie Spira ist nicht nur Schauspielerin, sondern auch aktives Parteimitglied der KPD. In den Nächten kleben die Genossen Spira und Ruschin Partei-Plakate und tarnen sich bei Bedarf als küssendes Liebespaar. Unter ihrem Bett in der Künstlerkolonie liegen zusammengerollte rote Fahnen.

Vorsorglich haben Steffie Spira und Günther Ruschin immer wieder außerhalb ihrer Wohnung übernachtet, aber am 15. März 1933 wird das Paar bei einer Razzia in der Künstlerkolonie verhaftet. Obwohl der Kontakt zu Camilla Spira nicht sehr intensiv ist, profitiert Steffie Spira davon, eine so berühmte Schwester zu haben. Der Polizist, der Steffie Spira abführt, weiß, daß sie die Schwester der berühmten Schauspielerin Camilla Spira ist, die zu dem bereits sehr populär ist. Der Polizist gibt ihr Geleit bei der Verhaftung, führt sie an einer Gruppe SA-Leute vorbei und bewahrt sie so vor der politisch begründeten Verhaftung. Sofort nach diesem Erlebnis kauft sich Steffie Spira in Berlin eine Fahrkarte nach Zürich, setzt sich in den nächsten Zug und verläßt das Land mit nichts als ihrem Paß und einer Tasche in den Händen, ohne zu wissen, was aus ihrem Mann wird. Ihre Wahl fällt auf die Schweiz, weil dieser Fluchtweg nach Absprache mit ihren Genossinnen und Genossen am besten im Rahmen der in- ternationalen Solidarität organisiert ist. An diesem Punkt ihres Lebens, zu Be- ginn der Flucht vor der Naziherrschaft, ist Steffie Spira in ein starkes solidarisches Umfeld gebettet, welches sich aus Genossen, Freunden und Verwandten zusammensetzt.

Der Gedanke, Deutschland zu verlassen, ist ihr nicht neu. Als Halbjüdin und Kommunistin ist sie schon lange darauf vorbereitet, eines Tages durch Flucht eventuell ihr nacktes Leben retten zu müssen. In Zürich weiß Steffie, daß sie zunächst bei einem befreundeten Ehepaar Unterschlupf finden kann.

In ihrer Autobiographie schreibt sie über die Solidarität deutscher Exilanten:

Im März 1933 in Zürich ankommen, die Bahnhofstraße hinuntergehen, eine Te lefonzelle betreten und bei Carl und Grete anrufen, sagen: „Ich bin hier!“ , und als Antwort hören: „Komm, wir erwarten Dich!“ – nur wer in der tiefsten Ungewißheit gelebt hat, wer das Leben nicht mehr allein, sondern bloß mit Hilfe an- derer Menschen bestehen konnte, nur der weiß, was Freundschaft bedeutet. Für immer seien Hubachers bedankt.

Im Mai 1933 öffnen sich die Zellentüren für Günter Ruschin in Moabit. Niemand weiß so recht, warum er wieder gehen kann. Genossen, Eltern und Freunde haben sich bemüht, ihn freizubekommen, da er doch keine zentrale Rolle in der KPD spiele. Am 28. Mai 1933 um 21:00 Uhr fährt Günter Ruschin mit dem Zug nach Zürich. Um 22:00 Uhr steht die SA bei seinen Eltern vor der Tür, um ihn wieder abzuholen. Tatsächlich erweist sich die Freilassung als Irrtum. Der Ehemann Steffie Spiras ist gerade noch durch den noch nicht lückenlos funktionierenden Bewachungsapparat geschlüpft und kann Deutschland 1933 legal verlassen. Das wohlbetuchte Ehepaar Hubacher gewährt den Ruschins sowie anderen Genossinnen und Genossen Logis in ihrer Wohnung in Zürich. Dort werden Theater- und Kabarettstückchen entworfen und ausgear- beitet und man denkt darüber nach, wie es weitergehen kann ohne Einkommen. Zunächst kann bei einer Tournee Adele Sandrocks ausgeholfen werden und gelegentlich kommt ein Lustspiel zur Aufführung. Doch längerfristige Perspektiven bietet die Schweiz nicht. Steffie Spira und Günter Ruschin wandern im Sommer 1933 über den Jura nach Frankreich.

Seit dem Moment, als sowohl Steffie als auch Camilla Spira ihrer Ausbildung nachgehen, driften ihre Wege auseinander. Beide haben Erfolge und entwickeln sich völlig unabhängig voneinander zu namhaften Schauspielerinnen. Steffie als Verfechterin des politisch engagierten Ensembletheaters, Camilla als gefeierte Darstellerin vorwiegend im populären Musikfilm und Operetten-Genre.

Die Spur ihrer Eltern kann nur bedingt verfolgt werden. Lotte Andresen-Spira reist 1933 zu ihrer Tochter Steffie nach Paris, um ihr bei der Geburt des Enkelsohnes Tomas zur Seite zu stehen. Zwischen 1934 und 1937 werden die Eltern geschieden, nachdem Fritz Spira seine Frau davon überzeugte, daß dies in Anbetracht ihrer Mischehe der beste Schritt sei. Lotte Spira arbeitet weiter als Schauspielerin, u.a. als Neben- und Kleindarstellerin im Film. Beide sterben im Jahr 1943, die Mutter in Berlin, der Vater im KZ Ruma (Jugoslawien).

Camilla Spira verbringt die Zeit des Exils in den Niederlanden. Zehn Jahre ist sie durch die Naziherrschaft gezwungen, sich von ihrer Heimat fernzuhalten.

Niederlande

Die Niederlande sind zwischen 1933 und 1939 neben Wien, Prag, Zürich und Paris ein wichtiges Zentrum der Emigration. Dorthin strömen viele Flüchtlinge aus Deutschland. Politisch zeichnen sich die Niederlande zu dem Zeitpunkt durch eine mehr als hundert Jahre währende Neutralitätspolitik aus. Juden sind seit 1796 gleichberechtigt und sichtbaren Antisemitismus gibt es kaum. Die Kirchen haben großen, gesellschaftspolitischen Einfluß und bestehen tolerant nebeneinander.

Der größte Handelspartner Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre ist Deutschland. Nach dem 1. Weltkrieg sind von den Niederlanden 140 Mio. HFL an die deutsche Industrie als Kredit gezahlt worden, und Investitionen von Firmen wie Philips oder UniLever unterstützen die deutsche Wirtschaft in ihrer Entwicklung. Das führt zu sehr engen Handelsbeziehungen, die in beiderseiti- gem Interesse bestehen. Noch 1933 wird die Ernennung Hitlers zum Reichs- kanzler zunächst positiv aufgenommen und politisch genutzt, da er die strikte Vorgehensweise gegen die „Welle des Bolschewismus“ ankündigt. Der Nationalsozialismus wird von den handeltreibenden Niederländern in seiner Gefähr- lichkeit unterschätzt.

1933/34 verfestigt sich die niederländische Politik der Nicht-Intervention im Hinblick auf Deutschland. Die Hoffnung macht sich breit, daß, wer sich still verhalte, nicht mit Aggressionen zu rechnen habe. Die Niederlande hoffen darauf, Deutschland mit den Rohstoffen aus ihren Kolonien zufrieden zu stellen und ihre Unabhängigkeit in dieser Weise erkaufen zu können. Dieser Plan scheitert, weil die Weltwirtschaftskrise, die die Kaufkraft aller Länder mindert, auch Deutschland erfaßt. Sie bedeutet vor allem die „Beschneidung des außen- politischen Spielraums der niederländischen Regierungen“, weil die aus den Kolonien angebotene Ware von Deutschland nicht mehr angemessen bezahlt werden kann. Zusätzlich steht der Millionenkredit aus dem ersten Weltkrieg noch offen. Die Gefahr steigt, statt mit einer Bezahlung mit einer Besetzung durch den Aggressor Deutschland rechnen zu müssen.

Die Außenpolitik entfernte sich immer mehr von einer Selbständigkeitspolitik und ist ab 1935 eher als eine Non-Interventionspolitik zu bezeichnen. Als kleiner Nachbarstaat des Dritten Reiches gerieten die Niederlande immer mehr unter den wirtschaftlichen Einfluß dieses Staates.

Die Niederlande sind für Emigranten aus dem Dritten Reich durch ihre geographische Nähe und die günstigen Einreisebestimmungen ein sehr beliebtes Ziel. Die Sprachbarrieren sind wesentlich geringer als in romanischen Ländern. Die Anbindung nach Übersee ist vorhanden, um in die USA oder nach Lateinamerika zu gelangen. Ebenfalls wäre eine schnelle Rückkehr nach Hause möglich, sobald wieder politisch akzeptable Zustände in Deutschland herrschen.

Zwischen 1933 und 1940 überschreiten Zehntausende Flüchtlinge die deutsche Grenze zu den Niederlanden. Es sind Kommunisten, Sozialisten, Künstler, Wissenschaftler und Juden oder sie gehören einer weiteren Bevölkerungsgruppe an, der die NS-Herrschaft es unmöglich macht, im Deutschen Reich weiter- zuleben. Hervorzuheben ist die internationale Verbundenheit der linken Partei- en, die tatsächlich fast weltweit funktioniert.

„Die KPD-Flüchtlinge hielten sich meist illegal im Land auf, organisierten sich in kleinen Zellen und wurden von ihren holländischen Parteigenossen intensiv unterstützt.“

Repressalien innerhalb der Niederlande gegenüber den deutschen Flücht- lingen beginnen erst, als der von Deutschland ausgehende politische Druck auf den kleinen Nachbarn größer wird. Die Unterstützung der Emigranten durch die niederländische Regierung darf zu dem Zeitpunkt nicht zu deutlich werden, da dies wiederum als ein Ausdruck der Feindschaft gegenüber dem Deutschen Reich interpretiert werden könnte.

Deutschsprachiges Kulturleben in den Niederlanden

Das allgemeine, kulturelle Leben in den Niederlanden ist in den dreißiger Jahren ähnlich organisiert wie in Deutschland heute. Alle Theater werden hin- sichtlich des Hauses und des ständigen Ensembles von den jeweiligen Kommunen mitfinanziert. Es sind Stadttheater, die an Privatunternehmen verpachtet und von diesen geführt werden. Deutsche Tourneeensembles führen Opern, Operetten und Theaterstücke auf. Dadurch, daß nur die ständigen Schauspieler vor Ort von den Kommunen getragen werden, ist es von erheblicher Wichtig- keit, als fahrendes Ensemble Zuschauerzahlen zu garantieren. Anders ist kein Auftritt zu erhandeln. Zwar werden für längere Zeit von den niederländischen Theatern deutschsprachige Stücke mit ins Programm genommen, aber die deut- schen Immigranten als Publikumsklientel sind trotz Theaterinteresses keine Garanten für volle Häuser auf lange Sicht. Die Folgen sind fahrende Ensembles,die zwar finanziell sehr schlecht gestellt sind, ihren Angehörigen aber immerhin Beschäftigung bieten.

Die Emigranten-Kabaretts „Ping Pong“ und die „Pfeffermühle“ um Erika Mann formieren sich. Im Juli 1933 erlassen die Niederlande das Verbot jeglicher politischer Betätigung deutscher Emigranten. Zuwiderhandlungen werden mit Abschiebung bestraft. Das Kabarett „Pfeffermühle“ wird für unerwünscht erklärt und so wird vielen engagierten Künstlern der Unterhalt und die Existenz entzogen.

Seit 1934 existieren in den Niederlanden Aufnahmebeschränkungen für Verfolgte aus Deutschland. Im Frühjahr 1938 schließt das Land seine Grenzen. Die Familie Eisner-Spira erhält, gerade aus den USA kommend, noch eine Einreiseerlaubnis in die Niederlande. Hermann Eisner arbeitet als Jurist und Sohn Peter geht zur Schule. Als im Mai 1940 deutsche Truppen Richtung Rotterdam ziehen, um den Hafen zu besetzen, versuchen die Eisner-Spiras 1940 erneut, das Land per Schiff zu verlassen. Rotterdam steht aber schon in Flammen, so daß sie dort nicht einmal den Zug zu verlassen können. Er rollt genauso wieder zurück nach Amsterdam, wie er gekommen ist.

Durch die deutsche Besetzung der Niederlande sind seit Oktober 1940 Kunstschaffende verpflichtet, einen Abstammungsnachweis vorzulegen. Camilla Spira tritt im Kulturbund in der „Hollandsche Schowburg“ in Molnars Spiel im Schloß und in Die Fee auf. Darüber hinaus betätigt sie sich am Kabarett des jüdischen Kulturbundes, welches 1940 in Amsterdam von Werner Le- vie für und von Emigrantinnen und Emigranten gegründet wird. Sie spielt mit Max Ehrlich, Kurt Gerron und Willy Rosen Szenen von Brecht und Tucholsky. Der Kulturbund existiert bis zu den Massendeportationen 1943.

Im Mai 1941 sind alle kulturellen Bereiche gleichgeschaltet und werden zensiert. Seitdem die Besatzungsmacht 1941 zentrale Kulturkammern eingeführt hat, können jüdische Künstler nur noch vor jüdischem Publikum in einem abgetrennten Viertel in Amsterdam auftreten.

„In diesem jüdischen kulturellen Ghetto wurden keine Unterschiede mehr zwischen Deutschen und Niederländern gemacht.“

Die deutsche Besetzung der Niederlande führt zur Verhaftung Hermann Eisners und Camilla Spiras. Im Internierungslager Westerbork gibt Camilla mindestens eine Vorstellung der Rößl-Wirtin, weil der Lagerkommandant es ihr auferlegt. Camilla Spira gehört zum ersten Programm der „Gruppe Bühne.

Die „Gruppe Bühne“ ist ein aus den Insassen des Lagers Westerbork zusammengestellte Theatergruppe, die im Lager für kulturelle Unterhaltung sorgen muß. Im Oktober 1943 wird Camilla Spira mit wenigen anderen freigelassen. Stark beteiligt daran ist ihre Mutter Lotte Andresen-Spira, die in Deutschland glaubhaft beteuert, daß der Jude Fritz Spira nicht Camillas Vater sei. Dank die ser Behauptung kann Camilla in die Wohnung nach Amsterdam zurückkehren.

Für die Jahre 1943 bis 1945 gibt es keine Informationen über die Familie von Camilla Spira. Vermutlich ist die Familie in den Niederlanden untergetaucht. Nach Kriegsende dauert es zwei Jahre, bis das Ehepaar nach Berlin zurückkehrt. In den Trümmern der alten Hauptstadt beginnt Camilla Spira 1947 am „Theater am Schiffbauer Damm“, dem späteren „Berliner Ensemble“, zu arbeiten. Dort spielt sie in Der zerbrochenen Krug mit. 1948 ist sie sogar an mehreren Bühnen West-Berlins tätig. Camilla Spira kann wie wenige andere an ihre Popularität vor dem Nationalsozialismus anschließen. Die Filmschaffenden nehmen ebenfalls bald wieder Notiz von ihr. Sie dreht mit Curd Jürgens 1955 Des Teufels General und stellt 1959 die Frau des Staatsanwalts Schramm in Rosen für den Staatsanwalt dar. Sie spielt Theater im Osten und Westen der Stadt. Sie entscheidet sich aber, mit ihrem Mann im Westteil Berlins zu leben.

1952 verliebt sie sich in den Kameramann Franz Hofer und lebt fortan teilweise mit ihm als Geliebten in der Nähe Münchens, teilweise bei ihrer Familie in Berlin. Zu einer Scheidung von Hermann Eisner kommt es nicht. Nachdem beide Männer im Abstand von drei Jahren sterben, will Camilla Spira auch ihrem Leben ein Ende setzen, jedoch findet Franz Hofers Bruder sie gerade noch rechtzeitig und kann sie vor der Wirkung der tödlichen Dosis Schlaftabletten retten.

Frankreich

Die durch die Weltwirtschaftskrise hervorgerufene hohe Arbeitslosigkeit in Frankreich ist eine der Ursachen dafür, daß weder die Bevölkerung noch die französischen Behörden dem Emigrantenstrom aus Deutschland ab 1933 freundlich gesinnt sind. Frankreich, das Land, das laut Heinrich Mann dem Kontinent die Menschenrechte geschenkt hat, zeigt wenig Interesse am politi- schen Geschehen in Deutschland. Das stete Anwachsen des Flüchtlingsstroms zieht schnell eine sich verschärfende Anwendung der bestehenden Asylgesetze nach sich. Unter anderem wird plötzlich größerer Wert darauf gelegt, zwischen verschiedenen, für die Einreise nach Frankreich notwendigen Papiere genau zu unterscheiden und die betreffenden Personen zu überprüfen. Es gibt die carte d’identité, die dem Personalausweis gleicht, die Aufenthalts- genehmigung, welche bei Verlassen des Landes, z. B. um Verwandte nachzu- holen, die Wiedereinreise sicherstellt, und das Ausweisungspapier. Das Ausweisungspapier ist für die Flüchtlinge aus Deutschland von fataler Bedeu- tung, weil es das legale Betreten Frankreichs endgültig verbietet. Es ist nicht anzunehmen, daß Steffie Spira und ihr Ehemann Günther Ruschin in Besitz irgendeines der hier erwähnten Schriftstücke waren. Die Grenze zwischen der Schweiz und Frankreich überschreiten sie zu Fuß, der Zöllner nimmt kaum Notiz von ihnen.

Das Ziel ist Paris. Scheinbar ohne größere Schwierigkeiten nimmt die schwangere Steffie diesen Gewaltmarsch auf sich und erreicht, zum Teil auf Wander- und Waldwegen, die französische Hauptstadt. Im November bringt Steffie Spira ihren Sohn Tomas zur Welt. Um ihr bei der Geburt beizustehen, reist Lotte Andresen-Spira, Steffies Mutter, aus Deutschland an und bringt et- was Geld für die junge Familie mit.

Die französische Regierung ist bemüht ein neutrales Verhalten gegenüber den Flüchtlingen an den Tag zu legen. Dies gelingt aber nur bedingt. Die Ausstellung einer carte d’identité zum Beispiel ist der Willkür der Behörden unterworfen. Kaum ein Exilant kann den dafür erforderlichen Nachweis erbringen. Dies liegt daran, daß die Heimat oft Hals über Kopf verlassen werden muß und selten vorher die Möglichkeit besteht, die nötigen Papiere zu beantragen. Eine politische Unterstützung der antifaschistisch engagierten Exilanten durch französische Behörden oder Organisationen bleibt nahezu gänzlich aus. Das brisante Thema des Widerstands gegen den Faschismus ist von offizieller Seite mit einem Tabu belegt, um Ruhe in der Außenpolitik zu erhalten.

Die deutschen Einreisewilligen sind schlecht über die notwendigen Formalitäten informiert, da das primäre Ziel die schnelle Ausreise aus Deutschland ist und nicht die legale Einreise nach Frankreich. Die Emigranten vermeiden es, mit französischen Behörden in Kontakt zu treten, denn nur die wenigsten fin- den sich im französischen Behördendschungel der dreißiger Jahre zurecht. Viele sind der Sprache nicht mächtig genug, um sich zuversichtlich auf den Gang durch die Ämter begeben zu können. Eindringlich beschreibt Steffie Spira in ihren Memoiren die prekäre Situation der Exilanten:

Nur wer es durchmachen mußte, ein „Objekt“ zu sein, abhängig von der Freundlichkeit der Behörden, wer bald zu dieser, bald zu jener Stelle laufen mußte, um am Ende doch die so notwendigen Papiere zu bekommen, nur der
weiß, was Ungewißheit bedeutet.

Anlaß für diese Sätze in ihren Memoiren ist die Ausbürgerung, die 1936 gegen Steffie Spira und ihren Mann verhängt worden ist.

Im Oktober 1934 wird die Debatte um das Ausländerrecht in Frankreich angeheizt, als der Außenminister Barthou und der jugoslawische König Alexander I. von einem jugoslawischen Ustascha-Faschisten erschossen werden. Als Folge dieses Attentats erhalten Exilanten allgemeines Arbeitsverbot. Im kulturellen Bereich ist das Verbot weniger von Belang, da die Sprachbarrieren viel zu groß sind, als daß Exilanten in nennenswertem Umfang auf dem französischen Arbeitsmarkt konkurrieren zu können.

Paris ist zu diesem Zeitpunkt zu einem Sammelbecken kreativ arbeitender Deutscher geworden. Viele Künstler und Künstlerinnen haben sich, begünstigt durch verwandtschaftliche Verhältnisse oder kollegiale Kontakte, dorthin ori- entiert. Man kennt sich untereinander, und so werden vor allem persönliche Beziehungen zu bereits emigrierten Menschen genutzt, um aus Deutschland he- rauszukommen. Unterstützung aller Art, von der Organisation der Unterkünfte bis hin zur Zusammenarbeit mit dem Ziel, eigenes kulturelles Leben im Aus- land zu gestalten, ist für den Großteil der aus Deutschland geflüchteten Künstlerinnen und Künstler eine ausgesprochen große Hilfe.

Seit April 1935 gibt es jedoch eine „Quotenregelung“ in Frankreich, die vorschreibt, daß bei künstlerischen Produktionen 50 % des Ensembles aus französischen Staatsbürgern bestehen müssen.

Vom 21. bis 25. Juni 1935 findet auf dem „Ersten Internationalen Schrift- stellerkongreß zur Verteidigung der Kultur“ eine Solidaritätskundgebung statt. Die französischen Intellektuellen bieten eine Plattform, sich mit den vom NS-Regime verfolgten Kulturträgern aus Deutschland auszutauschen. Weitreichende Folgen hat dieses Forum aber nicht. Zu stark sind die Einschränkungen von politischer Seite im Kulturbereich.

Seit 1938 werden in Frankreich die Exilanten als Sicherheitsrisiko betrachtet. Politischen Flüchtlingen werden die Rechte entzogen und im August 1939 beginnen die ersten Verhaftungen links engagierter Deutscher, die späterin Internierungslager gebracht werden.

Das Ehepaar Spira-Ruschin wird am 1. September 1939 verhaftet. Zur Familie gehört der kleine Sohn Tomas, der in Frankreich geboren wurde. Zum Zeitpunkt der Verhaftung seiner Eltern befindet er sich mit anderen Kindern auf dem Land. Viele für Kinder eingerichtete Institutionen werden wegen des drohenden Kriegsausbruchs aus den Großstädten weg in ländliche Gebiete verlegt. Steffie Spira kommt ins Gefängnis La Roquette und wird von dort aus ins Frauenlager Riencros bei Mende transportiert. In dieser Zeit hat Steffie Spira ununterbrochen Kontakt zu Genossinnen, und der Zusammenhalt der Partei ist sehr stark. Seit sie Deutschland verlassen hat, verwendet sie ununterbrochen Energie darauf, sich Arbeitsmöglichkeiten im schauspielerischen Bereich zu schaffen. Darüber hinaus bemüht sie sich, anderen Genossinnen und Genossen zu helfen, Kontakte zu erhalten und im Widerstand zu arbeiten. Dadurch entsteht der Eindruck, sie habe nie wirklich in Not, in einem Überlebenskampf gesteckt. Sicher sind Angst und Unruhe die ständigen Begleiter der Familie, aber niemals geht der Antrieb verloren, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen, ganz gleich, wie schwierig die Lebenssituation auch ist. Die Unterstützung ehemaliger Arbeitskollegen oder Parteigenossen hilft ihr an vielen Stationen ihres lan- gen Fluchtweges.

Die Situation der Künstlerinnen und Künstler in Frankreich

Steffie Spira und ihr Mann Günter Ruschin haben das Glück, durch parteiinterne Kontakte in ein Paris zu kommen, in dem schon seit längerer Zeit eine Gruppe deutscher Künstler lebt. Man unterstützt sich gegenseitig, Jobs werden vermittelt, und die Idee einer deutschsprachigen Bühne wird innerhalb dieser Gemeinschaft verschiedenster Arbeitsuchender entwickelt. „Am Anfang war es sehr schwierig, sich in Paris zurechtzufinden.“ Auf Initiative Rudolph Leonhards wird der Schutzverband deutscher Schriftsteller (SDS) im Exil gegründet. Der Schriftsteller Rudolph Leonhard lebt schon seit 1927 in Frankreich. Ehrenpräsident des SDS wird Heinrich Mann, weitere Mitglieder sind Anna Seghers, Egon Erwin Kisch, Recha Rothschild, Joseph Roth, Hermann Kesten, Max Schroeder, Theo Balk, Bodo Uhse, Kurt Stern, Arthur Koestler, Gustav Regler, Alfred Kantorowicz und viele andere. In einem Café in Paris werden montags abends Veranstaltungen unterschiedlicher Art organisiert. Steffie Spira beteiligt sich an diesen Abenden, liest aus unveröffentlichten Manuskripten von Schriftstellern oder rezitiert. Diese Beschäftigung erleichtert die Phase des Einlebens in Paris, weil Steffie Spira bekannte Gesichter an diesen Abenden wiedersehen und neue Kontakte knüpfen kann.

Es bestand ein guter Zusammenhalt zwischen Genossen und Freunden. Wir hatten enge Verbindungen miteinander und konnten schnell etwas auf die Beine bringen. Hauptsächlich Leonhard und Regler stellten Kontakte zu französischen Schriftstellern her.

So eine Vorgehensweise ist notwendig, um einerseits Perspektiven zu erschließen, die den Zusammenhalt der Gruppe stärken, andererseits um Einnahmequellen für den Lebensunterhalt zu schaffen. Unterstützung seitens des Gastlandes gibt es nicht. Wollte ein Schauspieler oder eine Schauspielerin im erlernten Beruf arbeiten, mußte die Plattform dafür selbst geschaffen werden.

Als geschlossenes Ensemble versucht Gustav von Wangenheims Truppe 31 im Frühjahr 1933 in Paris Fuß zu fassen. Zum Beispiel findet im Juli 1933 eine Lesung von Friedrich Wolfs Professor Mamlock statt, da eine Aufführung sich nicht verwirklichen läßt. Die Gruppe muß sich im Sommer 1933 wegen materieller Schwierigkeiten und politischer Repressionen gegen in Deutschland verbliebene Angehörige auflösen. Die meisten Mitglieder reisen nach Moskau. Die in Paris Bleibenden gründen um Steffie Spira herum 1934 die Kabarettgruppe „Die Laterne“.

Auch wir Schauspieler – anfangs nur wenige, dann etwa 25 an der Zahl- organisierten uns. Zuerst nannten wir uns Gruppe deutscher Schauspieler. Im Frühjahr 1934 gründeten wir das Kabarett Die Laterne, das in der Rue de Seine auftrat, im Saal des Monsieur Duncan, eines Bruders von Isadora Duncan.

Die Laterne“ hat es als einzige Kleinkunstgruppe kontinuierlich von 1934 bis 1938 geschafft, als konstantes Ensemble aufzutreten. Es macht eindeutig politisches Kabarett. Darüber hinaus gelingt eine Uraufführung Brechts: Die Gewehre der Frau Carrar, unter der Regie Slatan Dudows. Steffie Spira spielt Frau Perez. Es muß als großer Erfolg gewertet werden, daß überhaupt einmal in Frankreich ein deutsches Theaterstück zur Aufführung gebracht werden konnte. Es folgen Szenen aus Brechts Furcht und Elend des Dritten Reiches unter dem Titel 99%. Diese Phase, in welcher immerhin allen beteiligten Künstlern und Künstlerinnen ein Einkommen durch eigene Arbeit und eine Perspektive für die Zukunft beschieden ist, bleibt durch die politischen Gege- benheiten nur von kurzer Dauer. Keiner deutschen Schauspielerin gelingt es, auf einer französischen Bühne wirklich Fuß zu fassen. Das Kabarett ist und bleibt die einzige Bühne, auf der deutsche Exilanten aus der Schauspielszene längerfristig arbeiten können. „Die Laterne“ bietet 60-80 Sitzplätze, so daß durch Kollektivarbeit tatsächlich ein wenig Einkommen erwirtschaftet werden kann. Stücke von Brecht und Arnold Zweig werden auf die Bühne gebracht, und endlich ist eine Möglichkeit geschaffen, wieder schauspielerisch zu arbeiten. Die Texte werden von Henryk Kreisch, Erich Berg und George Raimund verfaßt oder vom Kollektiv erarbeitet. Die Musik schreibt Jo Cosma, das Bühnenbild übernimmt Heinz Lohmar, der in Paris viele Kontakte knüpft und sich beinahe sogar an der Weltausstellung 1937 beteiligt hätte. Dies scheitert an der Intervention der deutschen Botschaft in Frankreich. Das Publikum setzt sich vornehmlich aus deutschen Emigranten zusammen und aus Mitgliedern der deutschen Botschaft – eine brisante Mischung.

Mit Hilfe dieser Aktionen und Beschäftigungen findet sich die Familie Spira-Ruschin mehr oder weniger in ein „normales“ Leben ein. Als hauptsächliche Einnahmequelle kann das Projekt „die Laterne“ zwar nicht betrachtet werden, jedoch vermittelt es für kurze Zeit dem Ehepaar die Befriedigung, sich selbst eine Art Lebensgrundlage geschaffen zu haben. Darüber hinaus sind die mei- sten emigrierten Künstler gezwungen, Gelegenheitsjobs aller Art anzunehmen, um überhaupt in die Nähe eines Existenzminimums zu gelangen. Durch die näherrückende Gefahr des Krieges gegen Deutschland werden die Lebensverhältnisse der in Paris lebenden Deutschen immer komplizierter. Das kollektive Leben kann zwar relativ „normal“ gestaltet werden, jedoch ist weder die Dauer des Aufenthalts, noch die persönliche Sicherheit gewährleistet.

Weitere Rollen Steffie Spiras bis zu ihrer Verhaftung im September 1939 sind zum Beispiel: Die Frau in Der Spitzel, die Haushälterin in Rechtsfindung, die Köchin in Das Kreidekreuz. In einer Dramatisierung von Joseph Roths Hiob wirkt sie im Theater „Pigalle“ am 03.07.1939 mit.

In den letzten Wochen des Augusts 1939 werden in Frankreich die ersten Kommunisten verhaftet. Die außenpolitische Situation hat sich so zugespitzt, daß Frankreich sich vor Spionage schützen muß, kommunistisch orientierte Ausländer in Gewahrsam nimmt und später in Internierungslagern sammelt. Am 03.09.1939 erklärt Frankreich Deutschland den Krieg. Der Hitler-Stalin- Pakt wird am 23.09.39 unterzeichnet. Alle sich in Frankreich aufhaltenden deutschstämmigen Männer werden von jetzt an in Lager gebracht. Ab Mai1940 werden auch Frauen in Frankreich interniert. Das Waffenstillstandsabkommen zwischen Deutschland und Frankreich wird am 22.06.1940 geschlos- sen. Kurz darauf folgt die Besetzung des nördlichen Teils Frankreichs durch deutsche Truppen. Im unbesetzten Teil gründet Marschall Philippe Petain 1940-1944 ein autoritäres Regierungssystem mit Sitz in Vichy, das mit dem nationalsozialistischen Deutschland zusammenarbeitet. General Charles de Gaulle bildet 1940 eine Exilregierung in London, die den Krieg gegen Deutschland fortsetzt.

Zwischen dem besetzten und dem unbesetzten Teil Frankreichs wird am 27. September 1940 eine Demarkationslinie gezogen. Die Flüchtlinge im okkupierten Frankreich sind nun der Gestapo ausgeliefert. Die Juden werden zu Tausenden in Lager gebracht, von wo sie später in osteuropäische Konzentra- tionslager deportiert werden. Die Vichy-Regierung auf der anderen Seite dieser Linie faßt die Nichtfranzosen ebenfalls in Lagern zusammen, so daß es den Verfolgten hier ähnlich ergeht. 1942 besetzen die deutschen Truppen ganz Frankreich. Aus französischen Internierungslagern werden Deportationslager. Allein aus Gurs werden mehr als 4000 Juden über Drancy nach Auschwitz deportiert.

Bei den Internierungen der sich in Frankreich aufhaltenden Exilanten wird von den französischen Behörden 1939 nach „Berechtigung“ des Aufenthalts sortiert. In die Sammellager kommen Nichtfranzosen mit carte d’identité. In die Gefängnisse kommen die Menschen, denen der Aufenthalt verweigert wur- de und Straflager werden für Menschen mit Ausweisungsbefehl errichtet. Der Grund für die Verhaftung des Ehepaares Spira-Ruschin ist seine Aktivität in der KPD.

Aus den Sammellagern, die zunächst noch keine lebensbedrohliche Gefahr bedeuten, werden diejenigen Männer wieder entlassen, die fronttauglich sind. Die Entlassung kann forciert werden, indem zum Beispiel Verbindungen zu französischen hochgestellten Personen belegt werden, oder eine Ehe mit französischen Staatsbürgern nachweisbar ist. Ebenfalls sehr schnell dürfen die Menschen gehen, die versichern, Frankreich auf dem schnellsten Weg den Rücken zuzukehren. Nach langer Trennung von Mutter und Kind wird Tomas Spira-Ruschin 1941 wieder seiner Mutter zugeführt, die aus dem Lager Le Rieucros Anfang des Jahres entlassen wird mit der Auflage, das Land so schnell wie möglich zu verlassen. Auch Günter Ruschin, der einige Zeit im La ger Le Vernet verbracht hat, kommt frei, und es ist möglich, Ausreisevisa zu organisieren, so daß die Familie offiziell nach Lissabon zu reisen vermag.

Der erste Reiseversuch nach Übersee allerdings scheitert, weil alle Visaanträge von den USA 1941 zurückgestellt werden, mit dem Vermerk: „Kommunisten unerwünscht“ Unsere Nervosität steigerte sich, als sich herausstellte, daß unsere Visa für die USA zwar angewiesen waren, das amerikanische Konsulat in Marseille sie uns aber noch immer nicht aushändigen durfte. Es war fünf Minuten vor zwölf, hatte doch SS-Standartenführer Kund uns im Lager Rieucros und den Männern im Lager Le Vernet schonungslos angekündigt, daß alle jene nach Auschwitz deportiert werden würden, die Frankreich bis zum Oktober 1941 nicht verlassen hätten. Ende August teilte uns das USA-Konsulat mit, daß alle Visaanträge „zurückgestellt“ worden seien. Da sprang der unvergessene, von allen Emigranten hochgeschätzte Gilberto Bosques in die Bresche, der mexikanische Konsul in Marseille. Wir alle, denen die Auslieferung nach Deutschland drohte, bekamen Visa für Mexiko. Er sei bedankt!

Jedoch reicht ein Visum für Mexiko alleine nicht aus, denn auf dem Weg dorthin werden die Länder Spanien, Portugal, die Dominikanische Republik und Kuba durchreist, und man braucht zumindest Transitvisa und zusätzlich auch noch Geld für die Fahrt. Auch in dieser Situation sind es wieder alte Parteifreunde und Bekannte, die weiterhelfen. Sieben Wochen später kann die Reise auf der Serpa Pinto ab Lissabon angetreten werden. Steffie Spira entbindet während der Reise von Paris nach Lissabon auf dem Bahnhof von Madrid 1941 von einer kleinen Tochter. Die Strapazen der Hochschwangeren lösen eine vorzeitige Geburt im achten Monat aus. Das Kind hat keine Überlebenschance. Steffie nimmt das Baby zwar mit ins Hotel in Madrid, wo sich die Familie Ruschin bei jüdischen Besitzern eingemietet hat, es stirbt aber nach zwei Tagen.

Von Madrid aus geht die Reise weiter über Lissabon nach Mexiko. Dort ist das Leben zwar anders als in Europa, aber weitaus angstfreier. Die Familie bezieht eine Wohnung in Mexiko Stadt. Ihren Lebensunterhalt erwirtschaften sie durch Gelegenheitsjobs. Steffie arbeitet als Hausangestellte bei einem ursprünglich aus Deutschland stammenden Ehepaar. Darüber hinaus gibt es für sie und Günther Ruschin auch immer ein paar Betätigungsfelder im Heinrich Heine Club. Hier arbeiten viele Emigranten aus Deutschland wieder zusammen. Namen wie Anna Seghers und Egon Erwin Kisch sind zu nennen. Gelegentlich wird von Bekannten und Freunden irgend etwas vermittelt, was Einkünfte verspricht. Auf diese Art und Weise hält sich die Familie Spira-Ruschin über Wasser und kann ein einigermaßen angenehmes, gleichwohl bescheidenes Leben führen, bis sie 1947 wieder nach Deutschland zurückkehrt.

Diese Rückkehr ist klar an das Ziel Berlin ge- bunden, wo Steffie Spira sehr bald an der „Volks- bühne“ in der Kastanienallee ein Engagement erhält. Das „Theater am Schiffbauer Damm“ macht ihr ebenfalls zu Beginn 1948 ein attraktives Angebot. Ihre schauspielerische Tätigkeit läßt sich wie die ihrer Schwester ebenfalls auf der Bühne ohne größeren Bruch fortsetzen, was damit zusammenhängt, daß Steffie Spira Parteimitglied, Widerstandskämpferin und gut ausgebildete Schauspielerin ist. Für sie und ihre Familie ist es selbstverständlich, in der sowjetisch besetzten Zone zu leben. Sie spielt 1949 die Kommissarin in Der Moskauer Charakter, 1952 Polina in Die Feinde, 1953 die Heiratsvermittlerin in Gogols Die Heirat, 1953 Martha Lühring in Der Teufelskreis – die lange Reihe ihrer Rollen ließe sich fortsetzen. In den siebziger Jahren kreiert sie eigene Abende mit den Titeln Vorstellungen über Vorstellungen und Frauen an der „Volksbühne am Luxemburgplatz“. Sie gilt als die erfahrenste und etablierteste Schauspielerin Ost-Berlins.

Steffie Spira und ihre Schwester Camilla

 

Camilla und Steffie Spira 1990

1991, 84-jährig, läßt sich Camilla Spira zusammen mit ihrer Schwester auf der Bühne in Baden-Baden feiern, trägt Heine-Gedichte vor und gestaltet einen Auftritt mit ihrer Schwester. In der Fernsehproduktion des Südwestfunks über die beiden Schwestern wird deutlich, wie gegensätzlich und vergleichsweise betagter Camilla ihrer Schwester Steffie gegenüber ist.

Noch immer adrett geschminkt und sich während des Interviews sehr telegen in Szene setzend, gibt sie offen zu, daß sie sich an viele Dinge aus ihrer Lebensgeschichte nicht mehr erinnert. Sie bezeichnet sich und Steffie als sehr unterschiedlich und äußert ihre Überzeugung, mit dem Medium Theater niemals politisch etwas verändern zu können. Sie hat ihre Arbeit als Auftrag angesehen, die der Unterhaltung dient, und nicht ideologischen Zielen. Am 28. August 1997 stirbt mit Camilla Spira eine Zeitzeugin des Jahrhunderts.

Ganz im Gegensatz dazu steht Steffie Spira, die immer etwas bewirken will mit ihrer Arbeit. Sie bezeichnet ihre Schwester als

„Ton in des Töpfers Hand – mit wem du lebst, dessen Sinn und Inhalt erlebst du auch. Selbständig bist du nie gewesen, heute fängst du an, langsam es zu sein.“

Als hochbetagte Frau, Kommunistin und anerkannte Schauspielerin der DDR steigt sie am 09. November 1989 auf dem Alexanderplatz aufs Podest und hält eine Rede vor über 500 000 Zuhörern. Bis ins hohe Alter weiß sie der Gesellschaft etwas mitzuteilen, was dazu beitragen könnte, dem harmonischen Zusammenleben ein Stück näherzukommen. Auch hier stellt sie sich als Indivi- duum wieder zurück und verleiht der Gesellschaft eine Stimme, tritt für die Bewegung zur demokratischen Erneuerung der DDR ein. Der Elan und die Stimme dieser Frau versiegen am 10. Mai 1995. Nachklang und Wirkung findet die Stimme bis heute.

Literatur

Dittrich, Kathinka/Würzner, Hans (Hrsg.): Die Niederlande und das deutsche Exil 1933-1945. Königstein 1982.
Hilchenbach, Maria: Kino im Exil. München 1982.
Mittag, Gabriele: Die Sünde und Schande der Christenheit hat ihren Kulminationspunkt erreicht.
O. Ort u. Jahr.
Raabe, Katharina: Deutsche Schwestern. Reinbek 1998.
Spira-Ruschin, Steffie: Trab der Schaukelpferde. Freiburg 1990.
Trapp, Frithjof/Mittenzwei, Werner/Rischbieter, Henning/Schneider, Hansjörg (Hrsg.): Handbuch des deutschsprachigen Exiltheaters 1933-1945. 2 Bde. Bd. 1: Verfolgung und Exil deutschspra- chiger Theaterkünstler. München 1999.
Villard. Claudia: Exiltheater in Frankreich. In: Trapp, Frithjof/Mittenzwei, Werner/Rischbieter, Henning/Schneider, Hansjörg (Hrsg.): Handbuch des deutschsprachigen Exiltheaters 1933- 1945. 2 Bde. München 1999.
http://kultur-netz.de/kueko/bewohner/spira.htm

Fernsehdokumentation

„So wie es ist, bleibt es nicht“ – Die Geschichte von Camilla und Steffie Spira. Fernsehdokumen- tation von Marlet Schaake und Horst Cramer. WDR/SWF 1991.

Schaake/Cramer: „So wie es ist bleibt es nicht“. Fernsehdokumentation 1991.

Filmographie Camilla Spira.

– Freies Volk, R: Martin Berger, 1925
– Der Stolz der Kompagnie (Alternativtitel: Die Perle des Regiments), R: Georg Jacoby, 1926
– Wir sind vom k.u.k. Infanterie-Regiment, R: Richard Oswald, 1926
– Die lustigen Musikanten, R: Max Obal, 1930
– Die Faschingsfee, R: Hans Steinhoff, 1930/31
– Mein Leopold, R: Hans Steinhoff, 1931
– Skandal in der Parkstrasse, R: Franz Wenzler, 1931/32
– Die elf Schill’schen Offiziere, R: Rudolf Meinert , 1932
– Gehetzte Menschen, R: Friedrich Fehér, 1932
– Grün ist die Heide, R: Hans Berendt, 1932
– Ja, treu ist die Soldatenliebe, R: Georg Jacoby, James Bauer, 1932
– Das Testament des Dr. Mabuse, R: Fritz Lang, 1932/33
– Morgenrot, R: Gustav Ucicky, 1932/33
– Der Judas von Tirol, R: Franz Osten, 1933
– Die Nacht im Forsthaus (Alternativtitel: Der Fall Roberts), R: Erich Engels, 1933
– Sprung in den Abgrund, R: Harry Piel, 1933

– Die Buntkarierten, R: Kurt Maetzig, 1948/49
– Semmelweis – Retter der Mütter, R: Georg C. Klaren, 1949/50
– Epilog (Alternativtitel: Das Geheimnis der Orplid), R: Helmut Käutner, 1950
– Die lustigen Weiber von Windsor, R: Georg Wildhagen, 1950
– Drei Tage Angst, R: Erich Waschneck, 1952
– Der fröhliche Weinberg, R: Erich Engel, 1952
– Pension Schöller, R: Georg Jacoby, 1952
– Emil und die Detektive, R: Robert A. Stemmle, 1954
– Roman eines Frauenarztes, R: Falk Harnack, 1954
– Himmel ohne Sterne, R: Helmut Käutner, 1955
– Der letzte Mann, R: Harald Braun, 1955
– Des Teufels General, R: Helmut Käutner, 1955
– Vatertag, R: Hans Richter, 1955
– Zwei blaue Augen, R: Gustav Ucicky, 1955
– Fuhrmann Henschel, R: Josef von Baky, 1956
– Liebe (Uragano del Po; Alternativtitel: Vor Rehen wird gewarnt, Angelina), R: Horst Hächler , 1956
– Made in Germany, R: Wolfgang Schleif, 1956 Der tolle Bomberg, R: Rolf Thiele,
– Der Czardas-König. Die Emmerich-Kalman-Story, R: Harald Philipp, 1958
– Nachtschwester Ingeborg, R: Geza von Cziffra, 1958
– Vater, Mutter und neun Kinder, R: Erich Engels, 1958
– Freddy, die Gitarre und das Meer, R: Wolfgang Schleif, 1959
– Freddy unter fremden Sternen, R: Wolfgang Schleif, 1959
– Rosen für den Staatsanwalt, R: Wolfgang Staudte, 1959
– Vertauschtes Leben, R: Helmut Weiss, 1961
– Affäre Blum, R: Robert A. Stemmle, 1962
– Das Mädchen und der Staatsanwalt, R: Jürgen Goslar, 1962
– Musikalisches Rendezvous, R: Gottfried Kolditz, 1962
– Mamselle Nitouche, R: (?),1963
– Piccadilly null Uhr 12, R: Rudolf Zehetgruber, 1963

Die zahlreichen TV-Auftritte können nicht komplett angegeben werden

– Serie “Großer Mann, was nun?” (TV) , 1967
– Serie: “Der Kommissar: Das Ungeheuer”, R: Dietrich Haugk (TV), 1969
– Serie “Motiv Liebe: Goldener Käfig” (TV), 1972
– Serie “Die Powenzbande”,R: Michael Braun (TV), 1973
– Heinrich Zille, R: Rainer Wolffhardt (TV), 1977
– Wanderung durch die Mark Brandenburg, R: Eberhard Itzenplitz (TV) 1986

Filmographie Steffie Spira

– Des Haares und der Liebe Wellen, R: Walter Ruttmann, 1929
– Die Brücke, R: Artur Pohl, 1948/49
– Der Untertan, R: Wolfgang Staudte, 1951
– Schneewittchen, R: Gottfried Kolditz, 1961
– Florentiner 73, R: Klaus Gendries, 1971
– Die große Reise der Agathe Schweigert, R: Joachim Kunert, 1972
– Neues aus der Florentiner 73,R: Klaus Gendries, 1974
– Die Schüsse der Arche Noah, R: Egon Schlegel, 1982
– Blonder Tango, R: Lothar Warneke, 1985
– Fahrschule, R: Bernhard Stephan, 1985/86
– Die Schauspielerin, R: Siegfried Kuhn, 1988
– Apfelbäume,R: Helma Sanders


Entnommen aus

Styn, Gaby: Auf dem weißen Rößl zum Alexanderplatz. Camilla Spira und ihre Schwester Steffie. In: Augen-Blick. Marburger Hefte zur Medienwissenschaft. Heft 33: Flucht durch Europa. Schauspielerinnen im Exil 1933-1945 (2002), S. 108–130. DOI: https://doi.org/10.25969/mediarep/1539.


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WIE KANN MAN BERLINS KÜNSTLER IN DER STADT HALTEN?

ART CITY LAB 2 – NEUE RÄUME FÜR DIE KUNST

Berlin. Wie arbeitet eine Wohnungsbaugesellschaft mit einer Initiative oder einem privaten Entwickler zusammen? Wie schließt man die Lücke zwischen Finanzierungsbedarf und Förderprogrammen? Wie können Orte für Kunstproduktion positiv ins Quartier wirken?

Der Atelierbeauftragte für Berlin und raumlaborberlin haben zusammen mit der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Gewobag, dem privaten Entwickler Artprojekt und TTI in einem kooperativen Prozess mit Künstler*innen, Nachhaltigkeitsbanken, Genossenschaften, Senatsverwaltungen, Abgeordneten, Wissenschaftler*innen und Planer*innen diese Fragen entwickelt und diskutiert.

Ergebnis: Es gibt innovative Ansätze, wie konstruktiv in neuen Allianzen zusammengearbeitet werden kann, Kunstproduktionsstandorte langfristig und stabilisierend in die Bezirke wirken können. Beispiele sind das Haus der Statistik, das ZK/U oder ExRotaprint. Es etabliert sich eine Akteurslandschaft von alternativen Geldgebern und Entwicklern, die aber konkrete Schnittstellen zu Fördergebern des Landes und darüberhinaus benötigen.

Zentrale Erkenntnisse und Forderungen der Publikation:

Um dauerhaft Orte künstlerischen Arbeitens in der Stadt zu sichern, neu zu schaffen und in Quartiere zu integrieren, ist erforderlich:

heterogene Akteur*innen zu vernetzen und handlungsfähig zu machen,
Umsetzungswissen in zentralen Stellen zu bündeln und bestehende Beratungsstellen zu stärken,
für eine Selbstverpflichtungen von privaten Immobilienunternehmen zu werben (3% für bezahlbare Kunst und Kulturflächen in innerstädtischem Neubau),
eine Quote für Kunst und Kulturflächen auch in landeseigenen Objekten vorzusehen,
sowie positive Einzelbeispiele in eine konzertierte Gesamtstrategie einzubinden (SteP Kultur, Entwicklungsplan Kunst, usw.).

Hintergrund: In der Studie Art City Lab aus dem Jahr 2014 wurde von raumlaborberlin in Kooperation mit dem berufsverband bildender künstler*innen berlin (bbk berlin e.V.) und der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt die Schaffung von bezahlbaren neuen Räumen für die Produktion von Kunst untersucht.

Aktuell suchen von mindestens 8.000 Bildenden Künstler*innen in der Stadt etwa die Hälfte bezahlbare Ateliers. Tendenz steigend, da pro Jahr rund 350 bezahlbare Ateliers verloren gehen. Diesem Bedarf stehen „nur“ 936 geförderte Ateliers und Atelierwohnungen gegenüber. Die Situation ist dramatisch, die Zeit drängt! Es drohen Tendenzen wie in London oder New York, wo Künstler*innen weitgehend in Randgebiete verdrängt werden.

Für Art City Lab 2 wurden 2018 in zwei Workshops am Hafenplatz in Kreuzberg innovative Konzepte und konkrete Umsetzungsvorschläge überprüft, um zu klären, wie bezahlbarer Raum für Kunstproduktion und Wohnen in der Stadt entwickelt werden kann – sowohl im Neubau wie im Bestand. Die daraus entstandene Publikation fasst die Ergebnisse zusammen und soll den weiteren Diskurs anregen.

Zitate
Katrin Lompscher, Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen:
“[…] mit zunehmender Bautätigkeit werden auch die Flächen immer knapper und damit die Konkurrenz um Grundstücke immer größer. […] Berlin braucht aber die Kreativschaffenden, auch im Zentrum. Denn nur durchmischte Stadtquartiere sind lebendig.”

 

Markus Terboven, Gewobag:
“Damit die Integration von neuen, bezahlbaren Standorten für Ateliers und andere künstlerische Nutzungen gelingt, müssen wir herausfinden, wo in der Stadt noch interessante, ungenutzte Flächen vorhanden sind. Und wir müssen analysieren, wie wir belastbare Organisations- und Finanzierungsstrukturen schaffen können […].”

Thomas Hölzel, Artprojekt:
“Aus der persönlichen Sorge heraus, Kunst und Künstler*innen irgendwann nur noch im Speckgürtel anzutreffen, sie ganz aus dem Stadtbild zu verlieren, haben wir uns bei Artprojekt dazu entschieden, in unseren zukünftigen Stadtprojekten eine feste Quote von drei Prozent für bezahlbare Ateliers unterschiedlicher Größe und Nutzungsmöglichkeiten zu schaffen.”

Dr. Martin Schwegmann, Atelierbeauftragter für Berlin:
„Die Frage nach der Produktion bezahlbarer Räume für Arbeiten und Wohnen, auch für Kunst und Kultur, ist das bestimmende Thema, soll Berlin auch in Zukunft in seiner Vielfalt erhalten bleiben. Dafür sind eine Diversifizierung der Akteurslandschaft und die Bildung neuer schlagkräftiger Netzwerke notwendig. Hilfe zur Selbsthilfe und die Sicherung bestehender Standorte müssen politisch priorisiert werden!“

Andrea Hofmann und Christof Mayer, raumlaborberlin:
“Essentiell bei allen Diskussionen und Verhandlungen über neue Kooperationen ist, das eigentliche Ziel nicht aus den Augen zu verlieren: die langfristige Sicherung von lebendigen Standorten zur Kunstproduktion.”

Was ist ART CITY LAB 2?

Ein Netzwerk/Plattform von Nutzer*innen, Planer*innen und Bauträger*innen sowie Finanzierungsorganisationen, welche neue, bezahlbare Räume für die Kunst schaffen wollen.
Ein Methoden-/Werkzeugkasten, um neue Räume für die Kunst zu entwickeln, zu bauen und zu betreiben
Ein Rahmen für Wissensproduktion von Texten, Karten, Visualisierungen, Anforderungs- und Förderungskatalogen, mit Publikationen, wie ARTCITYLAB 2 (ISBN 978-3-945659-14-4), erschienen im August 2019
Anlass und Impuls der gemeinsamen Beschäftigung und Schaffung von neuen Räumen für die Kunst.
Art CL2 soll in Pilotumsetzungen konkret werden!


PODIUMSDISKUSSION

Am 13.08.2019, ab 18.30 Uhr, Hafenplatz 6, 10963 Berlin findet anlässlich der Veröffentlichung von Art City Lab 2 eine Podiumsdiskussion statt.

Podium:

Dr. Alexandra Gräfin von Stosch , Artprojekt
Dr. Hans-Michael Brey, Stiftung Berliner Leben der Gewobag
Katalin Gennburg, Sprecherin für Stadtentwicklung, Tourismus und Smart City, die LINKE (AGH)
Grit Schade, Leiterin Wohnungsbauleitstelle, SenStW (angefragt)
Andrea Hofmann, raumlaborberlin

Moderation: Dr. Martin Schwegmann, Atelierbeauftragter für Berlin

Themen Art City Lab 2 – neuer Raum für Künstler*innen
1. Wie kann neuer Raum für Künstler*innen geschaffen werden – z.B. in neuen Allianzen (z.B. Genossenschaft – Wohnungsbaugesellschaft)
2. Mit welchen ggf. neuen Instrumenten kann dies gestützt und gefördert werden?
3. Wie kann dies auch noch positiv fürs Stadtquartier sein?

Autor: Der Atelierbeauftragte von Berlin und raumlaborberlin
in Kooperation mit: Artprojekt & Gewobag.


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URBAN NATION BIENNALE 2019

FREITAG 13.09.2019 – 15.09.2019

ROBOTS AND RELICS: UN-MANNED

Vom 13. bis 15. September 2019 wird die Bülowstraße vor dem URBAN NATION MUSEUM FOR URBAN CONTEMPORARY ART zu einer Zeitkapsel – von den Ursprüngen bis in eine ferne Zukunft der Städte. Unter der kuratorischen Leitung von Yasha Young und dem Titel ROBOTS AND RELICS: UN-MANNED entsteht in Zusammenarbeit von über 20 renommierten KünstlerInnen eine einzigartige Artmeile von über 100 Metern Länge. Offen für alle Besucher entführt die URBAN NATION Biennale in eine neue Welt, die möglich ist.

FREIER EINTRITT!

WANN
13. bis 15. September 2019
Freitag: 20.00 bis 22.00 Uhr
Samstag: 10.00 bis 22.00 Uhr
Sonntag: 10.00 bis 18.00 Uhr

WO
Unter der U-Bahn-Trasse vor dem URBAN NATION MUSEUM FOR URBAN CONTEMPORARY ART, Bülowstraße 7 und in den Straßen Schönebergs

WER
Mehr als 20 internationale KünstlerInnen erschaffen eine einzigartige Artmeile als Gemeinschaftswerk. Die URBAN NATION Biennale 2019 „ROBOTS AND RELICS: UN-MANNED“ – präsentiert von der GEWOBAG AG.

CREATING A NEW UN-IVERSE
In einer Zusammenarbeit von mehr als 20 KünstlerInnen aus Berlin, Deutschland und der ganzen Welt entsteht ein über 100 Meter langes Gesamtwerk, bestehend aus Installationen, interaktiven Skulpturen und Live Performances, das Bewusstsein schaffen soll für die Kraft der Gemeinschaft. Für Technologie und Nachhaltigkeit. Für die Zukunft der Stadtgesellschaften und ihre menschliche Gestaltung.

KÜNSTLER*INNEN
Coderch & Malavia // Cryptik // Dan Rawlings // David de la Mano // Dima Rebus // Ekow Nimako // Filthy Luker // Frédérique Morrel // Gerhard Demetz // Herakut // Inti // Julien de Casabianca // Louis Masai // Milenium FX // NeSpoon // Quintessenz // Nomad Clan // Rune Guneriussen // Sandra Chevrier // Theater Anu // Vermibus

WAS, WENN WIR MIT BLICK AUF DIE VERGANGENHEIT ENDLICH ERKENNEN, WOFÜR DIE ZEIT LÄNGST REIF IST?
Gerodete Regenwälder, Weltmeere voller Plastik, berstende Eisberge – wir sind es, die Raubbau an der Erde betreiben. Und nur wir sind es, die endlich umdenken und anders handeln könnten. Bevor uns das Wasser bis zum Hals steht. Nicht erst seit heute verspielen wir unsere Existenzfähigkeit auf diesem Planeten, obwohl doch jeder – im Kleinen wie im Großen – seinen Beitrag leisten kann. Sofort. Damit wir überhaupt eine Zukunft haben. Visionen von dieser Zukunft teilen über 20 internationale KünstlerInnen bei der ersten Edition der URBAN NATION BIENNALE.

WAS WÄRE, WENN … ?

Was wäre, wenn wir aus der Vergangenheit gelernt hätten, um uns auf das zu konzentrieren, was heute wichtig ist?

Was wäre, wenn wir eine neue Wahrnehmung unserer Städte entwickeln würden, um umzudenken, was wir für sie tun können?

Was wäre, wenn wir endlich anfangen würden, die Zukunft zu erkunden, indem wir jetzt anfangen zu verstehen?

Was wäre, wenn wir verstehen würden, dass wir auf diesem Planeten kurzfristig Besucher sind?

Was wäre, wenn wir die Kommunikation aus der Einbahnstraße zurück in einen Dialog drängen?


Was wäre, wenn wir als eine Gemeinschaft handeln würden?


Was wäre, wenn wir den Werten, die wir teilen, mehr Aufmerksamkeit schenken als unsere unterschiedlichen Glaubensrichtungen?


Was wäre, wenn die Gesellschaft sozial, aber auch wettbewerbsfähig wäre?


Was wäre, wenn “Was wäre?” die große Frage wird?


Und was wäre, wenn jede gegebene Antwort von einem neuen Bewusstsein angetrieben würde, das auf Nachhaltigkeit und Menschlichkeit abzielt?


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Peter Huchel-Biographie und »Sinn und Form«

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe des Vereins
Freundeskreis Literaturhaus Heidelberg e.V.


 

sprach Dr. Matthias Weichelt, Berlin, über

Peter Huchel und die Zeitschrift »Sinn und Form«

 

am Donnerstag, den 25. Juli 2019 um 19.00 Uhr im Museum Haus Cajeth

Wolf Biermann lernte von Peter Huchel (1903–1981) das »Schweigen zwischen den Worten« und widmete ihm mit »Ermutigung« sein berühmtestes Lied. Joseph Brodsky erkannte an seinem Gesicht, dass er einen wirklichen Dichter vor sich hatte. Und Marcel Reich-Ranicki zählte ihn zu den ganz großen Lyrikern des 20. Jahrhunderts: Peter Huchels Erscheinung hinterließ Eindruck bei denen, die ihm begegneten, die Wirkung seiner Verse auf Leser und Autoren ist ungebrochen.

Dass sie nichts von ihrer Kraft verloren haben, verdankt sich Huchels Treue zu seinen Anfängen, zu Mensch, Natur und Landschaft seiner märkischen Heimat. Dort wächst er auf dem Gutshof der Großeltern auf, dorthin kehrt er nach Jahren in Paris, Wien und Berlin, nach Krieg und Gefangenschaft zurück und begründet als Chefredakteur den legendären Ruf der Zeitschrift »Sinn und Form«, des »geheimen Journals der Nation« (Walter Jens). Und dort wird er nach seiner Absetzung und Isolierung zum widerständigen Einzelgänger, zum Mythos.

Dr. Matthias Weichelt, seit fünf Jahren Chefredakteur von »Sinn und Form«, stellt seine Biographie über Peter Huchel vor (Deutscher Kunstverlag, Berlin 2018) und berichtet über die heutige Redaktionsarbeit der zweimonatlich erscheinenden Literaturzeitschrift, die den Bruch von 1989 überlebte, weil sie »sich nicht ›neu erfand‹, sondern mit ihrer historischen Erfahrung wucherte« (Gustav Seibt in der SZ).

Die Veranstaltung wurde unterstützt von der Gesellschaft der Freunde des Museums Haus Cajeth e.V. und Hassbecker’s Galerie & Buchhandlung.

© Haus Cajeth Heidelberg


Die Rhein Neckar Zeitung meldete dazu

 

So sieht ein echter Dichter aus

Matthias Weichelt stellte beim Freundeskreis Literaturhaus Heidelberg seine Biografie über den Lyriker Peter Huchel vor

Von Arndt Krödel

Heidelberg. Ernste, höchst aufmerksame Augen blicken unter buschigen Brauen aus einem Gesicht, das den Besucher im Museum Haus Cajeth auf einer Projektionswand erwartet: ein markantes Porträt des Lyrikers Peter Huchel, der im bequemen Pullover den linken Arm lässig auf einen Gegenstand stützt, in der Hand eine Zigarette.

An diesem Gesicht, sagte einmal der Jahrzehnte später geborene Joseph Brodsky, Nobelpreisträger für Literatur, erkenne man, dass man einen wirklichen Dichter vor sich habe. Er rechnete Huchels Werk neben dem von Gottfried Benn zum Größten, was die deutsche Literatur der Nachkriegszeit hervorgebracht habe. Zugleich ist der Name des 1903 in Lichterfelde bei Berlin geborenen Lyrikers untrennbar verbunden mit der legendären DDR-Literaturzeitschrift “Sinn und Form”, deren erster Chefredakteur Huchel 1949 wurde, bis er 1962 dem Regime politisch endgültig zu unbequem wurde und zurücktreten musste.

Eine schillernde, an literarischen Kontexten und Leistungen reiche Biografie, die letztes Jahr in einer besonderen Reihe des Deutschen Kunstverlags Berlin in Buchform gewürdigt wurde: Autor ist der Literaturwissenschaftler Matthias Weichelt, der die Publikation jetzt beim Freundeskreis Literaturhaus Heidelberg vorstellte. Trotz der tropischen Temperaturen konnten die Veranstalter ein volles Haus verzeichnen – Indiz dafür, dass der Name des 1981 gestorbenen Huchel ungebrochene Anziehungskraft aufweist.

Matthias Weichelt schreibt aus einer authentischen Perspektive heraus, ist er doch selbst zwar kein Lyriker, aber seit 2013 seinerseits Chefredakteur von “Sinn und Form”, der zweimonatlich erscheinenden, nach der Wende fortgeführten Zeitschrift, die von Walter Jens einmal als “das geheime Journal der Nation” geadelt wurde. Der Autor ließ zunächst Stationen eines Lebens Revue passieren: Etwa die Kindheit Huchels bei den Großeltern in der Mark Brandenburg, deren tiefe Eindrücke ihn nie mehr loslassen sollten, den Einzug in die Künstlerkolonie Berlin am Laubenheimer Platz 1931, die Tätigkeit als Hörspielautor in den 1930er-Jahren, Kriegsteilnahme und sowjetische Gefangenschaft, schließlich ab 1949 Chefredakteur der von dem Dichter und SED-Politiker Johannes R. Becher mit gegründeten Zeitschrift “Sinn und Form” der Deutschen Akademie der Künste in Ost-Berlin.

Dazu hatte er allerdings, “wie so oft, erst einmal keine Lust”, stellt Weichelt fest. Aber Becher ließ nicht locker. In späteren Jahren sollte er indes auf Distanz zu Huchel gehen, der in der Partei häufig wegen “ideologischer Defizite” aneckt. Dass nicht nur Überreste, sondern gänzlich neue Ausdrucksformen bürgerlicher Ästhetik ihren Weg in seine Zeitschrift fänden, wird laut Weichelt zu einem der Hauptvorwürfe. Dabei erhält “Sinn und Form” höchste Anerkennung seiner literarischen Qualität, unter anderem von Thomas Mann, Hans Mayer und Bertolt Brecht. Letzterer verhindert noch 1953 Huchels Rauswurf, aber 1962 ist niemand mehr da, der ihn beschützen kann. Nach Jahren der Isolation und Bespitzelung in seinem Haus in Wilhelmshorst darf er 1971 in den Westen ausreisen.

Über das “Joch des Chefredakteurs” hatte Huchel einmal in einem Brief geklagt – da mache man sich zum Beispiel bei vielen Autoren unweigerlich unbeliebt, wenn man sie nicht berücksichtigt. Im Gespräch mit Hanne Knickmann, zweite Vorsitzende des Freundeskreises Literaturhaus Heidelberg, schilderte Weichelt die Bedingungen seiner heutigen Arbeit als Leiter von “Sinn und Form” im Vergleich zu denen seines “Vorgängers”. Heute gehe es weniger um die Brisanz der Andeutung innerhalb dessen, was man gerade noch sagen und schon nicht mehr sagen darf. Seine Aufgabe sieht er in der “Komposition” der einzelnen Beiträge, nicht im Sinne eines Themenhefts, sondern durch entstehende Korrespondenzen, Dialoge und Zusammenhänge zwischen den Texten. Zugleich solle angesichts eines vorhandenen Lagerdenkens so etwas wie eine “geistige Mitte” gepflegt werden. Für ihn sei es ein “Grundglück”, sagt Matthias Weichelt, als Chefredakteur jeden Tag sehr viele gute Texte lesen zu können. Das hört sich nicht nach Joch an.

Info: Matthias Weichelt: “Peter Huchel. Leben in Bildern”. Deutscher Kunstverlag, München, 96 Seiten, 22 Euro.

© Rhein-Neckar-Zeitung 2019


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Berlin im Film der Zwanziger Jahre

Vor über 100 Jahren eröffnete der Filmpionier Karl August Geyer
mit seiner Kino-Kopier-Gesellschaft in Rixdorf bei Berlin
das erste deutsche Filmkopierwerk

Vor 100 Jahren eröffnete der Filmpionier Karl August Geyer mit seiner Kino-Kopier-Gesellschaft in Rixdorf bei Berlin das erste deutsche und weltweit das zweite Filmkopierwerk nach den Éclair-Studios in Paris. Damit setzte auch ein Wandel in der Struktur der Filmwirtschaft ein – weg von der Manufaktur hin zum industriellen System der Filmwirtschaft von heute. Die Geyer-Werke waren an der Produktion vieler Klassiker wie „Große Freiheit Nr. 7“, den „Sissi“-Filmen oder an Autorenfilmen von Werner Herzog („Aguirre der Zorn Gottes“, „Nosferatu: Phantom der Nacht“) und Wim Wenders („Der amerikanische Freund“, „Paris,Texas“) beteiligt. Aber auch in den letzten Jahren arbeitete man für internationale Erfolge wie Tom Tykwers „Lola rennt“ oder den Oscar-Gewinner „Das Leben der Anderen“.

Obwohl die Arbeit mit Filmmaterial noch einen großen Teil des Umsatzes ausmacht, hat die CinePostproduction-Gruppe mit ihren fünf Standorten in Deutschland rechtzeitig in die Diversifikation und in die rein digitale Produktion investiert. Für diesen Bereich entwickelt man sogar eigene innovative Lösungen, wie eine gesicherte Übertragung von Arbeitsmustern auf das iPad.

Anfangs kümmerten sich die Filmproduzenten meist alleine um Produktion und Vertrieb. Neben dem Drehen von Kurzfilmen übernahmen sie selbst die Perforierung, Entwicklung und Kopierung des Filmmaterials und verkauften die fertigen Filme direkt an die Kinobesitzer. Im Laufe der Zeit wurden die Filme jedoch nur noch für einen gewissen Zeitraum an die Kinos verliehen. Aufgrund der geringeren benötigten Zahl an Filmkopien rentierte es sich für die Produzenten nicht mehr, alle technischen Geräte für die Filmkopierung vorzuhalten. Diesen Umstand erkannte der Kamerakonstrukteur Karl August Geyer und legte sich mit seiner Kino-Kopier-Gesellschaft ein zweites Standbein zu. Allerdings blieb bis zum Ende 2. Weltkriegs die Maschinenbau-Abteilung ein wichtiger Bestandteil des später Geyer-Werke AG genannten Konsortiums. So entwickelte Geyer etwa Aufklärungskameras für das Militär, eine 16mm Kamera sowie einen Projektor für Filmamateure.

Blick in den Kopierraum der Geyer-Werke Anfang der 1920er Jahre (Bild: CinePostproduction GmbH)

 

Das Kopierwerk gewann aber speziell während der Nazi-Zeit an Bedeutung, da das Propagandaministerium die Produktion der Wochenschauen bei Geyer in Berlin zentralisierte. Hinzu kamen die Filme von Leni Riefenstahl. Zusätzlich experimentierte man mit verschiedenen Farbverfahren und baute 1940 eine eigene Kopiermaschine für den deutschen Agfacolor-Farbfilm.

Gegen Ende des 2. Weltkriegs wurde das 1914 bezogene Stammhaus in Berlin-Neukölln durch alliierte Luftangriffe teilweise zerstört und ein Sohn des Firmengründers getötet. Den Wiederaufbau startete Karl August Geyer zunächst 1949 in Hamburg-Rahlstedt, bevor man 1953 das Berliner Kopierwerk wieder in Stand setzen konnte.

Ab den sechziger Jahren setzte die Firma auf Diversifikation und Expansion: In Berlin wurde eine Videopostproduktion und ein Synchronstudio aufgebaut und 1967 eine Dependance in München eröffnet. 1988 übernahm man das Kopierwerk und die Videoabteilung der Bavaria Film, elf Jahre später auch ihr Tonstudio.

Während Mitbewerber wie das Filmkopierwerk in Potsdam-Babelsberg im letzten Jahr Insolvenz anmelden mussten, setzt die CinePostproduction Gruppe seit gut zwanzig Jahren zusätzlich auf die digitale Filmproduktion. 1991 fing es mit einem ersten Avid-Schnittplatz für den Carl Schenkel Film „Knight Moves“ an, inzwischen besitzt man deutschlandweit 20 digitale Schnittplätze und sechs digitale Grading-Suiten mit Baselight- und Lustre-Systemen. Vor kurzem wurde in Berlin ein Saal zusätzlich mit Equipment für stereoskopisches 3D (S3D) ausgestattet. Als größtes deutsches Produktionshaus ist man Betatester für diverse Produkte von Autodesk und Colorfront.

 

Während früher die Prüfung und Ergebniskontrolle des gedrehten Materials nur im Kopierwerk selber möglich war, eröffnet die digitale Arbeitsweise neue Möglichkeiten, die man bei CinePostproduction frühzeitig genutzt hat. So war man nach eigenen Angaben im August 2008 weltweit das erste Kopierwerk, das eigene RED-Kameras zusammen mit eigenen Digital Image Technicians (DIT) für die Produktion der RTL-Serie „Brains“ zur Verfügung stellte. Aus dieser Arbeit hat sich eine eigene Prüfsoftware namens COSS entwickelt, die man inzwischen auch für die ARRI-Kameras der Alexa-Serie adaptiert hat. Darüber hinaus war CinePostproduction der erste Dienstleister, der mit der COPRA-App eine Anwendung für das iPad vorgelegt hat. Damit können sich freigeschaltete Benutzer die aktuellen Muster der Dreharbeiten auf ihr iPad laden und betrachten.

Zusätzlich unterhält das Unternehmen einen umgebauten Unimog, der mit einer mobilen Gradingstation ausgestattet ist, um knifflige Fragen der Schärfe und Beleuchtung vor Ort zu klären. Ein ähnliches Konzept will man demnächst auch für den S3D-Bereich anbieten, in dem man einen LKW-Trailer mit einer mobilen S3D-Projektion ausrüstet.


Filme als Beispiele der Zeit


Die Stadt der Millionen. Ein Lebensbild Berlins

Der 85-minütigen UFA – Film von 1925 ist der erster abendfüllende Film über die Stadt. Gezeigt werden in mehreren Akten neben den bekannten Sehenswürdigkeiten auch das gewerbliche Leben, die Vergnügungsstädten und das Nachtleben in der Stadt. Dabei kommt auch der Humor nicht zu kurz.


Berlin – Symphonie einer Großstadt

Der Film von 1927 stellt wohl das bedeutendste cineastische Werk über das Berlin jener Zeit dar. Eine experimentelle Collage im expressionistischen Stil von Walther Ruttmann.


Menschen am Sonntag

Dieser mit Laienschauspielern gedrehte Film von 1930 des Regisseurs Billy Wilder zeigt das Leben  von vier jungen Erwachsenen, wie diese den alltäglichen Arbeitsalltag an einem Sonntag zu entfliehen versuchen. 


Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt?

Ein sehr ernster Film, der die Hoffnungslosigkeit vieler junger Arbeitssuchenden in der Weimarer Republik zeigt. Der Druck, dem diese jungen Menschen durch äußere Verhältnisse wie auch durch die Familie (“wer Arbeit sucht, der findet auch welche…”) ausgesetzt sind, war teilweise derart groß, dass mitunter nur der Weg in den Freitod blieb… Das Drehbuch entstand unter Mitwirkung Bertold Brechts, Regisseur war der Bulgare Slatan Dudow. Dieser sog. proletarische Film war in starkem Maße politischen Repressionen ausgesetzt. “Kuhle Wampe” bedeutet übrigens “leerer Bauch” – ein passender Titel für die Nöte der Arbeitslosen in der Weimarer Republik.


Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens

Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens ist ein deutscher Spielfilm aus dem Jahr 1922 von Friedrich Wilhelm Murnau in fünf Akten. Der Stummfilm ist eine – nicht autorisierte – Adaption von Bram Stokers Roman Dracula und erzählt die Geschichte des Grafen Orlok, eines Vampirs aus den Karpaten, der in Liebe zur schönen Ellen entbrennt und Schrecken über ihre Heimatstadt Wisborg bringt. Nosferatu gilt als einer der ersten Vertreter des Horrorfilms und übte mit seiner visuellen Gestaltung einen großen Einfluss auf das Genre aus. Zugleich gilt das Werk mit seiner dämonischen Hauptfigur und seiner traumartigen, gequälte Seelenzustände spiegelnden Inszenierung als eines der wichtigsten Werke des Kinos der Weimarer Republik. Der Film sollte nach einem verlorenen Urheberrechtsstreit 1925 vernichtet werden, überlebte aber in unzähligen Schnittversionen und ist heute in mehreren restaurierten Fassungen verfügbar.


Große Freiheit Nr 7

Große Freiheit Nr. 7 ist ein deutscher Spielfilm unter Regie von Helmut Käutner mit Hans Albers und Ilse Werner in der Hauptrolle. Er wurde während des Zweiten Weltkriegs von Mai bis November 1943 im Deutschen Reich und dem damaligen Protektorat Böhmen und Mähren von Helmut Käutner gedreht. Es ist der erste Agfa-Farbfilm der Terra Film. Er durfte nach der Zensur vom Dezember 1944 in Deutschland nicht gezeigt werden und wurde erst 1945 von den Alliierten freigegeben. Er gehört zu den Terra-Film-Filmklassikern mit vielen seinerzeit bekannten Liedern.


Die wilden Zwanziger – Berlin und Tucholsky

Das Berlin der Zwanziger Jahre ist groß, jung und anonym. So grau die politische Wirklichkeit der Weimarer Republik ist, so glanzvoll sind ihre Kunst, Kultur und Wissenschaft. Vor allem die Kunst dient als Sprachrohr, um die Missstände der Zeit anzuprangern, was sie aufs Engste mit der Politik verknüpft. In diesen Jahren zählt Kurt Tucholsky zu den bedeutendsten Publizisten. Die Dokumentation gibt Einblicke in das Leben und Wirken des Journalisten, Satirikers und Lyrikers. Die Reihe “Die wilden Zwanziger” führt in den kommenden beiden Wochen außerdem nach Paris und Wien.


Die wilden Zwanziger – Paris Ein Fest fürs Leben

In den 20er Jahren strömen junge Abenteurer und Inspiration-Suchende aus der ganzen Welt an die Seine. Auf den Spuren ihres Mythos bewegt sich der Film durch die Stadt, begleitet von der Musik der „verrückten Jahre“ und geführt von zweien, die Teil des Spektakels waren. Da ist der französische Surrealist Louis Aragon, Schriftsteller und Dichter. Aragon war ein unermüdlicher Nachtschwärmer, ein Stammgast in Cafés, Bars und Bordellen und Mitbegründer des Surrealismus. Seine Erlebnisse verarbeitete er unter anderem in seinem 1926 veröffentlichten Roman „Der Pariser Bauer“, die Innenansichten eines Parisers. Ihm zur Seite stellt der Film die Perspektive eines Mannes, der von außen kommt, ab 1921 in Frankreich lebt und aus dem Paris der 20er Jahre ein Stück Weltliteratur macht.

Es ist der junge US-Amerikaner Ernest Hemingway, der „Paris – ein Fest fürs Leben“ schrieb. Selbst heute, fast 100 Jahre später, faszinieren und inspirieren die „années folles“ eine junge Künstlergeneration. Der Pianist Alexandre Tharaud spürte für ein Musikalbum dem Sound jener Jahre nach. So, wie er heute spielt, klang es damals in Clubs wie dem legendären „Le Boeuf sur le Toit“ („Der Ochse auf dem Dach“). Hier trifft sich in den 20er Jahren die Pariser Szene: Georges Simenon, Coco Chanel oder Jean Cocteau, der neben Größen wie Darius Milhaud und Maurice Ravel höchstselbst mit den kongenialen Pianisten Jean Wiener und Clément Doucet swingt. Der Film durchstreift dieses „Swinging Paris“. „Wenn du das Glück hattest, als junger Mensch in Paris zu sein, dann trägst du die Stadt für den Rest deines Lebens in dir“, wird Ernest Hemingway später über Paris schreiben.


Die wilden Zwanziger – Wien Ein Tanz am Abgrund

Die 20er Jahre sind heute ein Mythos, denn die explosive Stimmung jener Jahre setzte eine enorme Kreativität frei. So auch in Wien. Die Erschütterungen des Ersten Weltkriegs sind für jedermann sichtbar, die politische Situation ist mehr als unsicher, der Crash an der Wiener Börse 1924 steht exemplarisch für die wirtschaftliche Krise und die Arbeitslosenzahlen steigen. Nichtsdestotrotz sorgt diese Stimmung in der Donaumetropole für eine ganz besondere, bisher wenig beachtete Aufbruchstimmung. Die gegenwärtigen Konflikte lösen vor allem eines bei den Menschen aus: Sie wollen leben und sich amüsieren. Psychoanalyse und intellektueller Pessimismus rücken ebenso ins Zentrum der Stadt wie Musik und soziale Revolutionen.

Wien wird europaweit führend in der Architektur kommunaler Wohnungsbauten – die Geburtsstunde des sogenannten Roten Wiens. Auch außerordentliche Denker gehen aus dieser Zeit hervor. Der Musiker Arnold Schönberg, einflussreiche Frauen wie die Fotografin Trude Fleischmann und die Journalistenlegende Karl Kraus sind nur einige davon. Kraus’ Blick auf die Stadt war höchst zynisch – für ihn war Wien eine „Versuchsstation des Weltuntergangs“. Während die Metropole also einerseits tanzt, regiert auf der andern Seite der Blues. Anhand von Originalaufnahmen und Experteninterviews erzählt der Dokumentarfilm von jenen aufreibenden Jahren und ergründet, warum die 20er Jahre in Wien gerade wieder eine neue Popularität erleben.


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